Medicane in Sicht: Erst die Fakten, dann die Märchenjungen
Kommende Woche könnte sich über dem Mittelmeer ein Medicane bilden. Ich weiß das nicht, weil irgendein Boulevard-Wetterfrosch mit hochgezogenen Augenbrauen ins Mikrofon raunt, sondern weil das großartige Team von Kachelmannwetter es in seinem heutigen Wettervideo erwähnt hat – so, wie man dort eigentlich alles erwähnt: nüchtern, eingeordnet, ohne Ausrufezeichen im Tonfall. Ganz ähnlich unaufgeregt hat der von mir sehr geschätzte lpindie auf YouTube darüber berichtet. Zwei Quellen, ein Duktus: Da deutet sich etwas an, man schaut es sich an, man wartet die Modelle ab. Fertig.
Das ist genau der Punkt, an dem ich einhaken will, bevor die Truppe der notorischen Panikmacher – ich nenne sie inzwischen nur noch Märchenjungen – ihre gewohnte Nummer abzieht: Satellitenbild mit rotem Kreis drum, drei Ausrufezeichen, „Jahrhundertsturm“ in der Überschrift, und spätestens am Sonntag ist aus einer Modelltendenz eine „apokalyptische Unwetterkatastrophe“ geworden, die dann doch als laues Tiefausläuferchen irgendwo bei Kreta verpufft. Reden wir also lieber einmal in Ruhe darüber, was ein Medicane eigentlich ist, bevor jemand anderes das für uns in Panikprosa übersetzt.
Was ein Medicane überhaupt ist
Der Begriff ist ein Kofferwort aus „Mediterranean“ und „Hurricane“ und stammt aus den 1980er-Jahren, als Meteorologen erstmals Satellitenbilder mit spiralförmigen Wolkenbändern und einem wolkenfreien Auge über dem Mittelmeer sahen – Strukturen, die man bis dahin nur von tropischen Wirbelstürmen kannte. Die Mechanik ist trotzdem eine andere. Ein echter Hurrikan zieht seine Energie aus warmem Ozeanwasser von mindestens 26 Grad und braucht dafür keine besonders kalte Höhenluft. Ein Medicane entsteht meist umgekehrt: Im Herbst, wenn das Mittelmeer nach dem Sommer noch aufgeheizt ist, bricht in der Höhe kalte Luft aus gemäßigten Breiten ein und schnürt ein Höhentief ab. Der Temperaturgegensatz zwischen warmem Wasser unten und kalter Luft oben treibt dann die Konvektion an, ganz ähnlich wie bei einem Hurrikan, nur mit vertauschten Vorzeichen bei der entscheidenden Zutat.
Eingestuft werden sie in etwa wie tropische Systeme: eine mediterrane tropische Depression bringt Windgeschwindigkeiten unter 63 km/h, ein mediterraner tropischer Sturm liegt zwischen 64 und 111 km/h, und erst ab 112 km/h spricht man von einem echten Medicane. Die Kategorie-1-Hurrikan-Stärke erreichen sie nur in absoluten Ausnahmefällen, weil das Mittelmeer schlicht zu klein ist, um ein sich selbst erhaltendes System über Wochen zu füttern. Ein Medicane lebt typischerweise zwischen zwölf Stunden und wenigen Tagen und stößt danach an Land oder trockenere Luftmassen, die ihm die Energie entziehen.
Der mögliche Auslöser: ein Gewittertief über Nordafrika
Was das aktuelle Szenario nach dem, was in den beiden genannten Videos anklingt, so interessant macht, ist der Startpunkt: nicht ein klassisches Höhentief, das sich über dem offenen Mittelmeer selbst abschnürt, sondern ein Gewittertief, das sich derzeit über Nordafrika hält. Das ist ein Muster, das ich mir genauer anschauen will, weil es nicht das Standard-Lehrbuchbeispiel ist.
Über Nordafrika – dem Streifen zwischen Algerien, Tunesien und Libyen – bilden sich im Spätsommer und Frühherbst regelmäßig hartnäckige Tiefdruckkomplexe, angetrieben durch die feuchte, labil geschichtete Luft, die vom noch warmen Mittelmeer hereinströmt und über dem aufgeheizten Wüstenboden zusätzlich Auftrieb bekommt. Solange ein solches Tief über Land bleibt, produziert es vor allem heftige, lokal begrenzte Gewitter mit Starkregen, wie man sie aus Tunis oder Tripolis in dieser Jahreszeit öfter kennt. Kritisch wird es, wenn ein Höhentrog von Europa aus weit genug nach Süden vorstößt, das Gewittertief regelrecht „einfängt“ und nordwärts über offenes, noch sommerlich warmes Wasser zieht. Genau in diesem Moment kann aus einem gewöhnlichen subtropischen Tief ein System mit warmem Kern werden, das die typische Medicane-Struktur ausbildet: spiralförmige Bänder, ein Zentrum mit auffallend geringer Windaktivität, im besten Fall ein sichtbares Auge auf dem Satellitenbild.
Der Grund, warum mir dieses Muster kein beruhigtes Schulterzucken abringt, ist simpel: Es ist fast exakt der Werdegang, den auch Medicane Daniel 2023 genommen hat, bevor er vor der libyschen Küste zum vollwertigen Sturm wurde und die Katastrophe von Darna auslöste. Das heißt nicht, dass sich diese Geschichte zwangsläufig wiederholt – die allermeisten Nordafrika-Gewittertiefs bleiben genau das: Gewittertiefs, die sich irgendwo über Land oder in Küstennähe wieder auflösen. Aber die Zutatenliste, wenn ein solches Tief tatsächlich aufs offene, überdurchschnittlich warme Mittelmeer gerät, ist dieselbe, die schon einmal in eine der folgenreichsten Wetterlagen der jüngeren europäischen Geschichte gemündet ist. Deshalb beobachte ich diese Konstellation ab jetzt genauer, ohne mir dabei schon eine Zugbahn oder eine Kategorie herbeizufantasieren, die noch kein Modell seriös hergibt.
Warum das trotzdem kein Grund zur Verharmlosung ist
Und jetzt kommt der Teil, den auch ich nicht wegdiskutieren will: Kurz und klein bedeutet nicht harmlos. Medicane Ianos hat 2020 Griechenland mit sintflutartigen Niederschlägen getroffen, Medicane Daniel hat 2023 in Libyen zwei Talsperren bei Darna zum Bersten gebracht, mit einer vierstelligen Zahl an Toten. Sogar außerhalb der klassischen Herbstsaison ist im März dieses Jahres mit Sturm Samuel, in Deutschland als „Jolina“ gehandelt, ein subtropisches System über Libyen gezogen. Das Mittelmeer ist derzeit überdurchschnittlich warm, und genau das ist die Zutat, die solchen Systemen mehr Energie zur Verfügung stellt als noch vor zwanzig Jahren. Wer das kleinredet, macht denselben Fehler wie die Märchenjungen in die andere Richtung.
Der eigentliche Unterschied liegt im Ton
Der Unterschied zwischen seriöser und hysterischer Wetterberichterstattung zeigt sich nicht an der Frage, ob über ein Risiko berichtet wird, sondern wie. Kachelmannwetter und lpindie berichten heute darüber, dass Modelle eine Möglichkeit andeuten – nicht darüber, dass das Mittelmeer brennt. Das ist der Unterschied zwischen einer Wettervorhersage und einer Drehbuchidee für einen Katastrophenfilm. Ich werde die Entwicklung beobachten, so wie ich das bei jedem ernstzunehmenden Wettersystem tue, und ich werde berichten, wenn es etwas zu berichten gibt. Bis dahin lade ich alle Beteiligten ein, sich an den beiden oben genannten Quellen zu orientieren – und den Rest der Aufregung getrost den Märchenjungen zu überlassen, die ihr Publikum ohnehin lieber verunsichert sehen als informiert.
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