Gerd Ruge: Der Reporter, der sich selbst nie im Weg stand
Ich bin über einen Text in der „Welt“ über Gerd Ruge gestolpert, und ich habe ihn zweimal gelesen, weil er etwas trifft, was ich schon länger mit mir herumtrage. Ruge, geboren 1928 in Hamburg, gestorben 2021 in München, war über sechzig Jahre lang Journalist, und er ist einer der ganz wenigen, bei denen man diesen Superlativ nicht als Floskel verwenden muss.
Seine Stationen lesen sich wie ein Abriss der deutschen Nachkriegsaussenpolitik, betrachtet von jemandem, der immer gerade dort stand, wo es interessant wurde. 1949 fing er beim NWDR in Hamburg an, 1956 wurde er der erste ARD-Korrespondent in Moskau, ein Posten, den es vorher schlicht nicht gab, weil vorher niemand auf die Idee kam, einen deutschen Fernsehjournalisten dauerhaft in die Sowjetunion zu schicken. Von 1964 bis 1969 berichtete er aus den USA und stand damit mitten in der Berichterstattung über die Ermördung von Martin Luther King und Robert Kennedy. Zwischen 1973 und 1976 schrieb er für die „Welt“ aus Peking, später leitete er von 1987 bis 1993 das ARD-Studio in Moskau, in genau jenen Jahren, in denen sich dort ein Imperium auflöste. Wer eine Blaupause dafür sucht, wie man Weltgeschichte aus erster Reihe beobachtet, ohne selbst zur Schlagzeile zu werden, findet sie in dieser Vita.
Nach der Pensionärung 1993 kam dann das, wofür ihn die breite Öffentlichkeit am besten kennt: die Reihe „Gerd Ruge unterwegs“, zwanzig Jahre lang vor allem zu Weihnachten im Ersten gelaufen. Für eine ganze Generation von Fernsehzuschauern war das der ruhige Blick in Sibirien, Peking oder ins südliche Afrika, ohne Eventcharakter, ohne Musikbett, ohne Drohnenschwenk. Nur ein neugieriger alter Mann mit Mikrofon, der Menschen erzählen liess, wo bei ihnen der Schuh drückt.
Genau das war sein Markenzeichen, und genau daran hakt auch die „Welt“, wenn sie schreibt, dass Ruge schon früh mit dem ÖRR gehadert habe. Er hielt nichts davon, dass sich Journalisten vor den Gegenstand ihrer Berichterstattung stellen. Keine Attitude, keine Selbstinszenierung, keine Analyse aus dem Studio in Köln über Verhältnisse, die man selbst nie besichtigt hat. Stattdessen: hinfahren, zuhören, das Wort denen geben, die es angeht. Das klingt banal, ist es aber nicht, wenn man sich ansieht, wogegen es sich richtet.
Und da schließt sich für mich der Kreis zu etwas, das ich auf diesem Blog schon öfter beklagt habe. Der ÖRR von heute hat ein Personalproblem, und zwar nicht in der Besetzungsliste, sondern in der Haltung. Statt Reporter, die etwas wissen wollen, sehe ich zu oft Moderatorinnen und Moderatoren, die etwas mitteilen wollen, nämlich ihre eigene Position. Statt Auslandskorrespondenten, die sich in ein Land hineinarbeiten, gibt es Rotationsposten mit zwei Jahren Verweildauer und viel Homeoffice-Dolmetscherei via Zoom. Ruges Beruf bestand darin, etwas herauszufinden. Der Beruf, den viele seiner Nachfolger heute ausfüllen, besteht darin, etwas zu bewerten. Das ist ein Unterschied, der sich nicht in der Anstellungsart, sondern im Selbstverständnis zeigt, und Ruge hat genau davor gewarnt, lange bevor es zum Kulturkampfthema wurde.
Ich will das nicht zur nostalgischen Verklärung der „guten alten Zeit“ hochstilisieren, dazu war das duale System auch schon in den Sechzigern und Siebzigern zu bequem organisiert, zu behaglich finanziert, zu wenig unter Wettbewerbsdruck. Aber es gab damals offenbar noch genug Resonanzraum für jemanden wie Ruge, der sich weigerte, zur Marke zu werden. Heute würde ihn vermutlich ein Social-Media-Team bitten, mehr Persönlichkeit zu zeigen, ein Gesicht für die Sendung zu werden, einen wiedererkennbaren Sprachduktus zu kultivieren. Ruge nuschelte einfach weiter und liess die Menschen vor der Kamera reden. Genau deshalb hält seine Arbeit bis heute, während viele der lauteren Formate von damals längst vergessen sind.
Vielleicht ist das die eigentliche Lehre aus seiner Biografie, auch für Bereiche jenseits des Journalismus: Wer sich selbst zurücknimmt und dem Gegenstand den Vortritt lässt, hat am Ende die längere Haltbarkeit. Das gilt für Reporter genauso wie für Projektleiter, die versucht sind, sich mit fremden Ergebnissen zu schmücken, anstatt einfach dafür zu sorgen, dass die Sache läuft.
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