Satellit statt Spaten: Kann Starlink die Glasfaser ersetzen?
Ein Blick auf Bandbreite, Physik und Förderlogik – jenseits der Marketingfolie
Irgendwann kommt sie, die Frage. Manchmal vom Bürgermeister, manchmal aus dem Bauamt, das gerade die Kosten einer Tiefbaumaßnahme kalkuliert, manchmal von einem Stadtrat, der beim Wort „Wirtschaftlichkeitslücke“ aufgehorcht hat: Muss das wirklich sein, das ganze Aufgraben? Reicht nicht auch Funk?
Ich beschäftige mich seit 2013 mit dem Glasfaserausbau, und diese Frage hat mich in der Zeit in mindestens drei Verkleidungen besucht. Erst hieß sie LTE, dann 5G, und seit ein paar Jahren trägt sie einen Firmennamen und kreist als Satellitenschwarm über unseren Köpfen: Starlink. Zeit, sie technisch sauber zu beantworten, statt gefühlt.
Geteiltes Medium gegen dediziertes Medium
Der Unterschied beginnt nicht bei der Geschwindigkeit, sondern beim Prinzip. Eine Glasfaser vom OLT-Port im Keller des Netzbetreibers bis zur Dose beim Kunden ist eine dedizierte Leitung, physisch oder zumindest logisch dem Anschluss zugeordnet. Was dort ankommt, teilt sich niemand außer den anderen Nutzern desselben Haushalts.
Funk, ob über Mobilfunkzelle oder Satellit, funktioniert nach dem gegenteiligen Prinzip. Eine begrenzte Menge Spektrum wird unter allen Teilnehmern aufgeteilt, die sich gerade in Reichweite befinden. Das ist keine Schwäche der Technik, sondern ihre Natur, und es hat Konsequenzen, sobald mehr als eine Handvoll Leute gleichzeitig auf dieselbe Ressource zugreifen wollen.
Was Starlink 2026 tatsächlich liefert
Die Werbung spricht von bis zu 400 Mbit/s im Download, gelegentlich sogar von Spitzenwerten deutlich darüber. Gemessen wird in Deutschland regelmäßig etwas Bescheideneres: 50 bis 100 Mbit/s im Download, 5 bis 20 Mbit/s im Upload, bei einer Latenz zwischen 20 und 60 Millisekunden. Das ist, zur Einordnung, für die meisten Alltagsanwendungen ausreichend. Es ist nur eben nicht das, was auf der Verpackung steht, und der Grund dafür ist genau das oben beschriebene Prinzip: Je mehr Nutzer sich eine Satellitenzelle teilen, desto kleiner das Stück vom Kuchen.
Die Zahlen dazu sind öffentlich nachvollziehbar. In den USA sank die mittlere gemessene Download-Rate von Starlink laut Ookla von 115,58 Mbit/s Ende 2021 auf 52,02 Mbit/s Ende 2024, während die Nutzerzahl von zwei Millionen weiter wuchs. Das ist keine technische Panne, das ist Mathematik: Mehr Teilnehmer am selben Spektrum bedeuten weniger Bandbreite pro Kopf, ganz unabhängig davon, wie viele neue Satelliten SpaceX ins All schießt.
Für 2026 kündigt Elon Musk Gigabit-Geschwindigkeiten an, gestützt auf die dritte Satellitengeneration mit über einem Terabit Downlink-Kapazität pro Satellit. Das ist technisch beeindruckend und ändert am Grundprinzip nichts. Verfügbar ist das vorerst im Geschäftskundentarif für rund 2.150 US-Dollar im Monat, mit neuer Antennenhardware. Ein Ersatz für den Hausanschluss der Nachbarschaft ist das nicht, sondern ein Produkt für Reedereien, Ölplattformen und Konzerne mit entsprechendem Budget.
5G und LTE als Festnetzersatz
Bei Mobilfunk gilt dieselbe Logik, nur mit anderen Vorzeichen. Die Telekom versorgt inzwischen mehr als 99 Prozent der Bevölkerung mit 5G, aber die Flächenabdeckung liegt bei knapp 90 Prozent, bei LTE bei rund 92 Prozent. Das klingt nach viel, bedeutet aber vor allem: Wo eine Zelle steht, teilen sich alle Nutzer in Reichweite deren Kapazität, und zwar nicht nur die, die einen Fixed-Wireless-Router im Wohnzimmer stehen haben, sondern auch jedes Smartphone, das gerade in der Zelle eingebucht ist. Am Abend, wenn im Dorf alle gleichzeitig streamen, konkurriert der Fixed-Wireless-Kunde direkt mit der Jugend auf dem Sofa nebenan.
Genau deshalb taucht Mobilfunk in der deutschen Förderlogik dort auf, wo er auch technisch hingehört: als Lösung für den Mobilfunk selbst, für echte Funklöcher in dünn besiedelten Regionen, teils über Betreibermodelle, die den Ausbau aktueller LTE-Technik oder ihres Nachfolgestandards finanzieren. Das ist ein anderes Ziel als die Gigabitförderung des Bundes für den Festnetzausbau, die sich explizit auf Gebiete ohne privatwirtschaftlichen Glasfaserausbau konzentriert. Beide Programme adressieren unterschiedliche Lücken, und keines der beiden behauptet, das eine könne das andere ersetzen.
Symmetrie, Wetter, Zuverlässigkeit
Ein Punkt, der in der Debatte gern untergeht: Glasfaser liefert symmetrische Bandbreite, Upload und Download annähernd gleich schnell, weil beide Richtungen über dasselbe dedizierte Medium laufen. Wer im Homeoffice größere Dateien hochlädt, Videokonferenzen mit ordentlicher Bildqualität führt oder ein privates Cloud-Backup pflegt, merkt sehr schnell, dass 5 bis 20 Mbit/s Upload bei Starlink oder vergleichbare Werte im Mobilfunk eine reale Grenze sind, keine theoretische.
Auch bei der Zuverlässigkeit unterscheiden sich die Technologien in der Kategorie, nicht nur im Grad. Regen, Schnee, Bewuchs im Sichtfeld zur Antenne oder zum Satelliten, tageszeitliche Lastspitzen in der Funkzelle: All das beeinflusst Funkverbindungen unmittelbar. Eine Glasfaser interessiert sich für Wetter nicht im Geringsten. Ihre Ausfallursachen beschränken sich im Wesentlichen auf physische Kabelschäden und Stromausfälle am Endgerät, beides selten und in der Regel zügig behoben.
Im Prinzip: Ja, aber
Kann Funk also gleichwertiger Ersatz für Glasfaser sein? Im Prinzip ja, aber nur dort, wo Glasfaser wirtschaftlich schlicht nicht darstellbar ist: die einzelne Alm, der Weiler mit drei Häusern und zwei Kilometern Anfahrt, das Boot, die Übergangslösung während einer Tiefbaustörung. Für diese Fälle ist Starlink eine ehrliche und inzwischen sehr brauchbare Lösung, und ich sage das ausdrücklich als jemand, der beruflich vom Buddeln lebt.
Für den flächendeckenden Anschluss von Dörfern, Gewerbegebieten oder ganzen Landkreisen ist die Gleichsetzung dagegen ein Kategorienfehler. Ein geteiltes, wetter- und lastabhängiges Funkmedium mit einer dedizierten Glasleitung gleichzusetzen bedeutet, eine Notlösung zur Grundausstattung zu erklären. Das kenne ich aus der Vectoring-Ära bereits einmal: Auch damals hieß es jahrelang, die letzte Kupfermeile reiche doch mit dem richtigen Trick völlig aus, bis am Ende doch dieselbe Glasfaser verlegt werden musste, nur später, teurer und mit einem doppelt aufgerissenen Bürgersteig.
Wer heute vorschlägt, geplanten Glasfaserausbau durch „wir haben doch jetzt Starlink“ zu ersetzen, löst das Problem nicht. Er verschiebt es an die nächste Generation, die dann für den Nachholbedarf zahlt, aller Erfahrung nach mit Zuschlag.
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