Île Bonaventure: Eine Insel aus Gebirgsschutt, die zum größten Vogelfelsen der Welt wurde

 


Wer nach Île Bonaventure sucht, bekommt vor allem Basstölpel vorgesetzt: gut 280.000 Tiere, die dichteste und am besten zugängliche Kolonie ihrer Art weltweit, dicht an dicht auf steilen Klippen im Golf von Sankt-Lorenz. Zweifellos ein beeindruckendes Bild. Mich interessiert an dieser Stelle aber, wie gewohnt, weniger das Federvieh als der Fels, auf dem es sitzt.

Île Bonaventure liegt rund 3,5 Kilometer vor der Südküste der Gaspésie-Halbinsel in Québec, fünf Kilometer südöstlich des Städtchens Percé, mit dem sie sich seit 1985 einen gemeinsamen Nationalpark teilt. Und das ist bereits die erste Pointe der Geschichte: Die Insel und ihr berühmter Nachbar, der durchlöcherte Rocher Percé, sehen auf Fotos aus wie zwei Geschwister derselben Küstenlandschaft. Geologisch trennen sie mindestens 60, eher 90 Millionen Jahre.

Beide liegen in den nördlichen Appalachen, jener Gebirgskette, die sich von Neufundland bis Alabama zieht und deren Werdegang in Québec mit der Öffnung und Schließung des Iapetus-Ozeans beginnt. Vor rund 450 Millionen Jahren kollidierte im Zuge der taconischen Orogenese ein vulkanischer Inselbogen mit dem Kontinentalrand von Laurentia. Rund 70 Millionen Jahre später, mit ihrem Höhepunkt im Devon vor etwa 380 Millionen Jahren, folgte die akadische Orogenese: Der Ozean schloss sich weiter, flach abgelagerte silurisch-devonische Meeressedimente wurden aufgefaltet und herausgehoben, ein Gebirge entstand, das dem heutigen Himalaya in nichts nachstand.

Der Rocher Percé ist ein Kind genau dieser Phase. Sein Kalkstein lagerte sich vor etwa 375 Millionen Jahren in einem flachen, tropischen Meer ab, verfestigte sich zu Gestein und wurde später von der akadischen Gebirgsbildung fast senkrecht aufgestellt. Was heute wie ein gestrandeter Tanker aussieht, ist im Grunde ein Stück Meeresboden, das man auf die Kante gestellt hat.

Île Bonaventure hat mit diesem Kalkstein nichts zu tun. Ihr Gestein, die sogenannte Bonaventure-Formation, ist deutlich jünger: ein Konglomerat aus dem unteren Karbon, dem Mississippium, abgelagert vor etwa 310 bis 320 Millionen Jahren. Und es erzählt eine andere Geschichte als die des Rocher Percé: Während dessen Kalk noch im Meer entstand, ist die Bonaventure-Formation Molasse, also der grobe, schlecht sortierte Abtragungsschutt, der sich bildet, wenn ein frisch aufgetürmtes Gebirge von Wind und Wasser wieder abgebaut wird. Rotbraune Sand- und Schluffsteine, durchsetzt mit Bänken aus grobem, brekziösem Kalksteinschutt, abgelagert nicht im Meer, sondern an Land, in Flussebenen und Schwemmfächern, wo Eisenverbindungen im Sediment oxidierten und dem Gestein seine charakteristische rote Farbe gaben. Kurz: Die Basstölpel sitzen auf dem Bauschutt jenes Gebirges, das im Rocher Percé nebenan noch als Meeresboden konserviert ist.

Wer mit der Fähre an der Insel vorbeifährt, kann an einer Stelle, dem sogenannten Mur Noir, sogar noch tiefer schauen: einen kleinen Aufschluss von Grundgebirge, das älter ist als die gesamte karbonische Auflage und normalerweise unter ihr verschwindet. Ein zufälliger Blick in den Keller des Gebäudes, sozusagen.

Bemerkenswert ist außerdem, was der Bonaventure-Formation nicht widerfahren ist. Die dritte und letzte Phase der Appalachen-Auffaltung, die alleghenische Orogenese, hat weiter südlich, etwa in den heutigen US-Bundesstaaten, für massive Verfaltung und regionale Metamorphose gesorgt. Die Gaspésie blieb davon weitgehend verschont; die Schichten der Insel liegen bis heute nahezu horizontal, kaum verstellt. Für eine 310 Millionen Jahre alte Ablagerung ist das eine bemerkenswert ungestörte Kindheit.

Und genau diese Ruhe ist der eigentliche Grund, warum hier heute Zehntausende Basstölpel brüten. Horizontal geschichtetes Konglomerat verwittert nicht gleichmäßig: Härtere Kalksteinbänke widerstehen der Erosion länger als das umgebende Sandsteinmaterial, und über Jahrmillionen entstehen dadurch in den bis zu 75 Meter hohen Steilküsten genau jene Simse, Nischen und Plateaus, auf denen ein Vogel ohne allzu viel Kletterkunst ein Nest bauen kann. Die größte Basstölpelkolonie der Welt verdankt ihre Adresse also nicht dem Zufall, sondern der Verwitterungsmechanik eines guten 300 Millionen Jahre alten Schutthaufens. Die Vögel selbst dürfte das reichlich wenig kümmern; ich finde es trotzdem sehenswert, dass ihr Immobilienglück am Ende auf ein abgetragenes Gebirge zurückgeht, dessen Gipfel niemand von uns je gesehen hat und je sehen wird.

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