Wackler an der Grenze, Teil 2: Wenn drei geologische Gebilde auf drei Arten beben svensagt.de – Erdbeben-Nachlese

 


Vor ein paar Tagen habe ich hier über den Wackler bei Worms geschrieben, Stärke 3,3 bis 3,4, Oberrheingraben, tektonisch, alles wie im Lehrbuch. Wer den Beitrag gelesen hat, erinnert sich vielleicht an den Nebensatz, dass Deutschland noch zwei weitere Ecken hat, in denen die Erde regelmäßig ihre Meinung äußert. Zeit, die beiden Nachzügler nachzureichen, denn in beiden hat sich seit dem Frühsommer tatsächlich etwas getan – nur eben auf völlig unterschiedliche Art.

Das Egerbecken: Fluide statt Verwerfung

Fangen wir dort an, wo ich es angekündigt hatte. Das Vogtland und das nordwestböhmische Egerbecken ticken anders als der Oberrheingraben. Dort reißt keine Verwerfung mit einem einzelnen Hauptbeben, sondern es rumort in Schwärmen: hunderte bis tausende Kleinstbeben über Wochen, oft ohne dass eines davon nennenswert heraussticht. Der Auslöser sitzt tief, deutlich tiefer als bei Bad Reichenhall, dazu gleich mehr. Eine Studie des GFZ Potsdam, veröffentlicht Anfang des Jahres, hat für den großen Klingenthal-Kraslice-Schwarm von 2024 rekonstruiert, was die Fachwelt lange vermutet hatte: aufsteigende magmatische Fluide aus dem oberen Erdmantel, die in der Kruste den Porendruck erhöhen und dort vorhandene Bruchflächen destabilisieren. Kein Magma, das an die Oberfläche will, aber eben auch keine gewöhnliche Plattentektonik.

Am Neujahrstag legte die Region gleich nach: drei der stärksten Beben seit 2018, das kräftigste mit Magnitude 3,3 nahe Luby, acht Kilometer tief, deutlich spürbar bis ins Erzgebirge. Und im Juni, während ich mit anderen Themen beschäftigt war, ging es weiter – ab dem 9. Juni ein neuer Schwarm zwischen Luby und Kraslice, über siebzig Einzelbeben oberhalb Magnitude 0, dazu hunderte Mikrobeben im negativen Magnitudenbereich, die nur die Instrumente registrieren. Stärkstes Ereignis: 2,5, in knapp zehn Kilometern Tiefe. Wahrnehmungsmeldungen gab es keine, was bei dieser Größenordnung nicht überrascht.

Für Juli und August selbst liefert die öffentlich zugängliche Auswertung kein einzelnes markantes Ereignis, das den Rahmen der beiden genannten Schwärme gesprengt hätte – eher ein Weiterlaufen auf niedrigerem Niveau, wie es für die Region zwischen den großen Phasen üblich ist. Genau deshalb steht seit letztem Jahr auch das ELISE-Experiment im Feld: rund 300 temporäre Messstationen auf hundert mal hundert Kilometern, eines der dichtesten seismischen Netze, die je in der Region aufgebaut wurden. Die Idee dahinter ist simpel: Wer verstehen will, warum ausgerechnet dieser Flecken Erde seit Jahrhunderten in Schwärmen statt in Einzelschlägen bebt, muss ihm mit mehr Sensoren zuhören, als es die Dauerstationen allein leisten.

Bad Reichenhall: wenn der Regen der Auslöser ist

Die dritte Ecke ist die interessanteste Ergänzung zu meinem Worms-Beitrag, weil sie mit einem völlig anderen Mechanismus arbeitet als die beiden ersten. Am Hochstaufen bei Bad Reichenhall bebt es nicht wegen Plattenrändern und nicht wegen aufsteigender Fluide aus der Tiefe, sondern – Regen. Genauer: Starkregen und Schneeschmelze, die über Risse und Störungen in den Berg eindringen und dort, in geringer Tiefe, den Druck auf bestehenden Störungsflächen so verändern, dass sich angestaute Spannung löst. Man nennt das hydrologisch induzierte Seismizität, und der Hochstaufen gilt als einer der am besten untersuchten Orte Deutschlands für genau dieses Phänomen.

Auch hier ist seit dem Frühjahr einiges passiert. Am Pfingstmontag, 25. Mai, eine kleine Sequenz am Nordhang, stärkstes Beben Magnitude 1,6, gerade mal einen Kilometer tief. Am 23. August dann, kurz vor 22.30 Uhr, ein Beben zwischen 1,7 und 1,8 – nach Angaben des Erdbebendienstes Bayern das stärkste, das Bad Reichenhall in diesem Jahr bislang erlebt hat, Epizentrum am Südrand der Stadt, Herdtiefe unter drei Kilometern. Rund ein Dutzend Meldungen gingen daraufhin bei den Seismologen ein, Fensterklirren, ein vibrierender Fußboden, ein Nachbeben mit 1,3 am Tag darauf. Anfang September, so viel als Randnotiz, hat es erneut leicht gerumort, Magnitude 1,4 – drittes spürbares Ereignis des Jahres an dieser Stelle.

Joachim Wassermann vom Geophysikalischen Observatorium der LMU, der die bayerische Seismologie leitet, hat es in einem Interview so eingeordnet: Beben in dieser Gegend sind relativ häufig, richtig spürbar werden sie nur, wenn entweder die Stärke oder eine flache Herdtiefe hinzukommt. 2025 kamen in ganz Bayern knapp 1.800 Lokalbeben zusammen, im laufenden Jahr bislang rund 700 – die weit überwiegende Mehrheit davon, wie so oft, komplett unbemerkt.

Drei Geologische Gebilde, drei Physik-Vorlesungen

Was mich an der Zusammenschau reizt: Man kann an drei Punkten auf der Landkarte fast schon im Lehrbuch-Stil zeigen, wie unterschiedlich die Ursachen für dasselbe Symptom sein können. Worms und der Oberrheingraben: klassische Riftzone, Krustendehnung, Verwerfung reißt. Das Egerbecken: keine klassische Verwerfungstektonik, sondern Fluiddruck aus der Tiefe, der über Wochen in Schwärmen abgebaut wird. Bad Reichenhall: Oberflächenwasser, das in geringer Tiefe den Druck auf ohnehin vorhandene Bruchflächen kippt – ein Mechanismus, der so eng an Niederschlag gekoppelt ist, dass die Forscher am Hochstaufen im Grunde eine Wetterstation mit Seismographen betreiben.

Gemeinsam ist allen dreien, bei aller Verschiedenheit der Physik, dasselbe Fazit: keines dieser Ereignisse hat in den letzten Monaten den Rahmen gesprengt, den man aus der jeweiligen Region kennt. Kein Trend zu mehr oder stärkeren Beben, wie es auch in den Berichten zu Worms hieß, sondern schlicht die Fortsetzung eines Musters, das seit Jahrzehnten, teils seit Jahrhunderten dokumentiert ist. Beruhigend ist das nur bedingt, denn Muster heißt auch: es kommt wieder. Die Frage ist nie ob, sondern wann und wie stark – und genau deshalb lohnt es sich, ab und zu nachzuschauen, was sich unter diesen drei geologischen Gebilden gerade so tut.

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