12 to 12: Wenn die Popmusik ihre eigene Vergangenheit recycelt
Der Algorithmus von Deezer hat mir neulich einen Song vorgesetzt, den ich vorher nicht kannte. „12 to 12“, ein Name, der sich anhört wie eine Öffnungszeit, keine Hymne. Nach den ersten zwanzig Sekunden war meine spontane Einschätzung: das ist ein Siebziger- oder Achtzigerjahre-Stück. Falsch lag ich damit nicht, nur dass der Song erst 2025 veröffentlicht wurde, von einem Künstler, der zu diesem Zeitpunkt zwanzig Jahre alt war und die Achtziger folglich nur aus zweiter Hand kennen kann.
Der Song stammt von Sombr, bürgerlich Shane Boose, einem New Yorker Singer-Songwriter, der mit „12 to 12“ die vierte Single seines Debütalbums „I Barely Know Her“ veröffentlichte. Erschienen am 24. Juli 2025 über Warner Records, co-produziert mit Tony Berg in den Sound City Studios in Los Angeles, jenem Haus, in dem schon Fleetwood Mac und Nirvana aufgenommen haben. Das ist insofern kein Zufall, als der ganze Song ein bewusst gesetztes Zitat ist, kein zufälliges Abfärben.
Ein Stilmix mit Ansage
Musikalisch verbindet „12 to 12“ Achtziger-Synth-Pop und New Wave mit Versatzstücken aus dem Siebziger-Funk, dazu Disco-Elemente und Blues-Gitarrenlicks. Sombrs Gesang wechselt zwischen lasziv-hohem Falsett und rauer, verzerrter Growl-Stimme, was Kritiker gerne mit Tame Impala vergleichen. Bemerkenswert ist ein Detail aus der Produktion: Für das Klavier im Track griff man bewusst zu einem billigen Korg-Triton-Plugin, um genau jenen körnigen, leicht unsauberen Klang zu erzeugen, den man mit alten Aufnahmen assoziiert. Nostalgie wird hier also nicht empfunden, sondern technisch hergestellt.
Auch das Video, inszeniert von Gus Black mit Addison Rae in der weiblichen Hauptrolle, bedient dieselbe Ästhetik: Discokugel, Talkshow-Kulisse im Siebziger-Stil, ein Diner mit Neonlicht. Am Ende der fast schon kitschig-konsequente Kuss, der nicht stattfindet, im Fotoautomaten. Bild und Ton ziehen an derselben Schnur.
Nostalgie ohne eigene Erinnerung
Was mich an dem Fall eigentlich interessiert, ist weniger der Song selbst als das Muster dahinter. Popmusik hat seit jeher in Zyklen auf sich selbst zurückgegriffen, die bekannte Faustregel besagt, dass ein Jahrzehnt im Schnitt zwanzig Jahre später wieder aufgegriffen wird. Die Achtziger wurden so in den frühen Zweitausendern recycelt, die Neunziger erleben seit einigen Jahren ihre eigene Wiederkehr. „12 to 12“ passt nicht ganz in dieses Schema, weil hier kein Künstler seine eigene Jugend verklärt, sondern eine Ära zitiert wird, die er selbst nie erlebt hat. Das ist Nostalgie aus zweiter Hand, recherchiert statt erinnert, verfügbar gemacht durch Streaming-Archive, in denen fünfzig Jahre Musikgeschichte gleichzeitig und gleich griffbereit nebeneinanderliegen.
Für die Hörerschaft, die diese Zeit ebenfalls nicht erlebt hat, funktioniert das trotzdem, weil der Wiedererkennungswert längst nicht mehr an eigene Erinnerung gebunden ist, sondern an einen kulturell aufgeladenen Sound, den man aus Filmen, Werbung und eben genau solchen Retro-Produktionen kennt. Man könnte sagen, hier wird nicht mehr die Vergangenheit zitiert, sondern das Zitat der Vergangenheit, das selbst schon zur Konvention geworden ist.
Den gleichen Mechanismus habe ich schon einmal live miterlebt, nur aus der anderen Richtung. Jive Bunny & The Mastermixers haben Ende der Achtziger, in meiner eigenen Kindheit, im Grunde nichts anderes gemacht als Sombr heute: Sie haben Fifties-Rock'n'Roll-Fetzen zu Dance-Medleys zusammengeschnitten, für ein Publikum, das die Fünfziger selbst nicht erlebt hatte. Zwanzig Jahre Abstand, exakt nach Lehrbuch. Damals fand ich das einfach nur mitreißend, ohne zu ahnen, dass ich einem Zyklus zuhöre. Heute, bei „12 to 12“, sitze ich auf der anderen Seite dieses Zyklus und erkenne das Muster, während es sich an mir wiederholt.
Kommerziell ist der Rechnung jedenfalls aufgegangen: Der Song schaffte es in mehreren Ländern in die Top Ten, wurde in Australien, Kanada, Neuseeland und Großbritannien mit Platin ausgezeichnet, lief bei den MTV Video Music Awards, bei den Grammys und bei Saturday Night Live. Der körnige Korg-Triton-Klang aus der Bedroom-Produktion hat es damit bis auf die großen Bühnen geschafft, ohne dass ihm irgendjemand die Absicht dahinter übelgenommen hätte. Im Gegenteil, sie wurde goutiert.
Bleibt am Ende die Frage, was das über uns Hörer aussagt, die so zuverlässig auf ein Achtziger-Signal anspringen, selbst wenn es nachgebaut ist. Vielleicht ist genau das der eigentliche Treffer des Songs: Er hat mein Ohr getäuscht und gleichzeitig genau das geliefert, was ich mir erhofft hätte, wenn ich es original bestellt hätte.
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