Wohlstandsverwahrlosung, in Echtzeit



Guido Westerwelle hat den Begriff geprägt. Er meinte damit eine Gesellschaft, die sich so tief in ihren Komfort eingegraben hat, dass sie verlernt hat zu unterscheiden, was Leistung ist und was Anspruchshaltung. Er ist leider viel zu früh gestorben, um zu sehen, wie weit wir inzwischen gekommen sind. Wobei: Vielleicht hat er auch einfach Glück gehabt.

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt — kurz DLR, gegründet um die Bundesrepublik in der Spitzenforschung zu verankern, zuständig für Raumfahrttechnologie, Aerodynamik, Antriebssysteme, also für Dinge, die irgendwo zwischen Naturgesetz und Ingenieurskunst angesiedelt sind — dieses Zentrum hat gerade eine Studie abgeschlossen. Vier Jahre. Über vierzig Unternehmen begleitet. Mehr als hunderttausend Kilometer ausgewertet.

Die Forschungsfrage lautete: Lohnen sich Lastenräder für Unternehmen?

Nein, das ist kein Tippfehler.

Das Deutsche *Zentrum für Luft- und Raumfahrt* hat vier Jahre damit verbracht herauszufinden, ob ein Handwerksbetrieb sein Werkzeug auf einem Fahrrad transportieren kann, ohne dabei in die Insolvenz zu radeln. Das Projekt hieß, man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: „Ich entlaste Städte 2". Es gab also bereits einen ersten Teil. Offenbar war das Erkenntnisdefizit beim Thema Lastenrad nach Runde 1 noch nicht vollständig behoben. Man brauchte eine Fortsetzung.

Das Ergebnis nach vier Jahren ist, ich zitiere sinngemäß: Ja, es lohnt sich. Man muss halt schauen, dass die Fahrzeuge zu den betrieblichen Anforderungen passen.

Für diesen Befund hätte man alternativ auch einen Lehrling im zweiten Lehrjahr fragen können. Gratis. Ohne Projektlaufzeit. Ohne Förderkennzeichen der Nationalen Klimaschutzinitiative.

Während also SpaceX Raketen baut, die nach der Landung wiederverwendet werden, während Starlink Hunderttausende Satelliten ins All schießt und damit Glasfaserinfrastruktur in abgelegene Winkel der Erde bringt, auf die wir in Deutschland noch zehn Jahre warten würden — während die Welt Raumfahrt *macht* — klärt das DLR die offene Frage, ob der Elektriker vom Nebenbau seinen Kabelkanal auch auf zwei Rädern zum Kunden bringen kann.

Das ist nicht Versagen. Das ist System.

Westerwelle sprach von Wohlstandsverwahrlosung, weil er sah, wie eine saturierte Gesellschaft anfängt, Leistung zu bestrafen und Anspruch zu belohnen. Was er womöglich nicht vollständig antizipiert hatte: dass dieselbe Logik irgendwann auch in die Forschungslandschaft einsickert. Dass man ein Institut, das den Namen *Luft- und Raumfahrt* trägt, nicht daran messen wird, ob es Raumfahrt betreibt, sondern daran, ob die Förderbescheide sauber ausgefüllt sind und die Klimaschutzinitiative mit einem Verwendungsnachweis bedient wird.

Das DLR macht übrigens auch echte Raumfahrtforschung. Das sei fairerweise gesagt. Es gibt Raketentriebwerksprüfstände, Quantentechnologie, KI-Sicherheit. Es gibt Leute dort, die ernsthaft arbeiten.

Aber es gibt eben auch „Ich entlaste Städte 2".

Und solange das geht — solange man vier Jahre Steuergeld in die Frage investieren kann, ob Lastenräder für Handwerker praktisch sind, und das nicht nur niemandem auffällt, sondern auch noch als Erkenntnisgewinn verbucht wird — solange ist die Diagnose klar.

Westerwelle hätte einen Satz dazu gehabt. Und Don Alphonso hat ihn geliefert.

Don Alphonso — Rainer Meyer, Journalist, Blogger, einer der schärfsten und stilistisch versiertesten Beobachter des deutschen Medien- und Gesellschaftsbetriebs, seit Jahren bei der *Welt*, davor bei der *FAZ*, und einer der wenigen, die konservative Kulturkritik in diesem Land mit echter Präzision und ohne Rechtfertigungsgeste betreiben — hat auf X geschrieben, was viele denken, aber die meisten nicht so formulieren könnten:

> *„Andere Industrienationen fliegen zum Mond und bauen Weltrauminternet. Deutschland leistet sich ein Zentrum für Luft- und Raumfahrt, und das macht: Eine Studie über Lastenräder für Unternehmen."*

Ein Satz. Keine Übertreibung. Keine Polemik, die man wegdiskutieren könnte. Nur die Realität, in der richtigen Reihenfolge aufgeschrieben.




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