Erdbeben auf Knopfdruck: Was es mit dem Projekt FEAR in der Schweiz auf sich hat
In den letzten Tagen ist in den Nachrichten viel von einem spektakulären Experiment in der Schweiz die Rede: Forschende wollen im Tessin **eine kontrollierte Erdbebenwelle auslösen** – und das Projekt heißt nicht etwa „Calmer“, sondern **FEAR**. Spontan klingt das beunruhigend, aber dahinter steckt ein hochprofessionelles Experiment der Geophysik, bei dem die Erde ganz bewusst zum Beben gebracht werden soll.
## FEAR: Kein Horrorfilm, sondern ein Forschungsprogramm
FEAR steht für **Fault Activation and Earthquake Rupture** – also übersetzt: „Aktivierung von Störungen und Bruch von Erdbeben“.[1] Das Projekt läuft im **Bedretto-Felslabor** im Tessin, einem unterirdischen Forschungslabor der ETH Zürich, das tief im Gestein liegt und für Experimente mit Erdbeben und Geoenergie genutzt wird.
Ziel ist es, zu verstehen, wie Störungen im Gestein theoretisch still liegen, aber unter bestimmten Bedingungen plötzlich wieder „aktiv“ werden – genau das, was bei einem Erdbeben passiert. Statt nur auf natürliche Beben zu warten, wollen die Forscher in diesem Labor **eine kleine Erdbebenwelle selbst auslösen** und dann mit vielen Sensoren messen, was im Gestein vor, während und nach dem Ereignis passiert.
## Ein Mini-Beben im Tessin
Die Forscher planen ein Erdbeben mit etwa **Magnitude 1**. Solche Mini-Beben sind in der Regel **nicht spürbar an der Oberfläche** und deutlich zu klein, um Schäden zu verursachen. Typischerweise redet man bei Erdbeben erst ab etwa Magnitude 5 von messbaren, potenziell schädigenden Ereignissen.
Das Experiment ähnelt damit eher einem „Laborversuch“ als einem Naturereignis: Die Wissenschaftler erhöhen gezielt den Wasserdruck in einer bestimmten Gesteinsstörung, um diese dazu zu bringen, sich kurz zu bewegen. Das Prinzip ist vergleichbar mit dem, was auch bei natürlichen Erdbeben passiert – nur unter streng kontrollierten Bedingungen und mit dichten Messungen.
## Warum das überhaupt wichtig ist
Die eigentliche Motivation hinter FEAR ist klar: **Erdbeben besser zu verstehen – und damit langfristig besser vorhersagen zu können**. Bis heute ist die exakte Vorhersage von Erdbeben nicht möglich, weil viele Prozesse im Untergrund komplex, nicht vollständig messbar und schwer zu modellieren sind.
Durch kontrollierte Experimente wie dieses erhoffen sich die Forscher:
- Ein genaueres Verständnis davon, **wann und wie Störungen aktiv werden**.
- Hinweise darauf, **welche Signale** vor einem Ereignis auftauchen, die sich später in Warnsysteme einbauen lassen könnten.
- Bessere Einschätzungen für **Geoenergie-Projekte**, etwa tiefe Geothermie, bei denen Wasser forcierter in Gestein gepresst wird und damit theoretisch Beben auslösen kann.
## Warum der Name „FEAR“?
Der Name FEAR ist natürlich ein Akronym, aber das klingt in der deutschen Sprache natürlich wie „Angst“. Das erzeugt zunächst ein ungutes Gefühl – als ob man in einem sensiblen Erdbebengebiet absichtlich ein Erdbeben auslösen wollte.
Die Forschenden betonen jedoch, dass die Experimente **streng kontrolliert** sind und die Gefahr durch ein Magnitude-1-Ereignis im Felslabor extrem gering ist. Die Bezeichnung ist also eher ein technischer Begriff aus der Forschungsliteratur, nicht ein Hinweis auf eine bedrohliche „Erdbeben-Waffe“.
## Auswirkungen für die Zukunft
Langfristig könnte FEAR dazu beitragen, **realistischere Modelle** für Erdbebenabläufe zu entwickeln. Das ist für erdbebengefährdete Regionen weltweit wichtig – nicht nur für die Schweiz, sondern auch für Alpenraum, Mittelmeer oder andere tektonisch aktive Zonen.
Zusätzlich könnte das Projekt helfen, die **Risiken bei Geoenergie-Projekten besser einzuschätzen**. Wenn man einmal versteht, wie viel Wasserdruck nötig ist, um eine Störung zu aktivieren, kann man solche Projekte sicherer planen und betreiben.
## Was das für Schweiz und Europa bedeutet
Das Projekt FEAR ist nicht nur ein technisches Kuriosum, sondern ein kleiner Schritt zu einem größeren Ziel: **bessere Risikoabschätzungen in tektonisch aktiven Regionen**. Die Schweiz liegt zwar im Vergleich zu Ländern wie der Türkei oder Japan nicht im absoluten Hochrisiko‑Bereich, doch Erdbeben sind kein „Exotik‑Thema“ – auch im Alpenraum kann es zu sichtbaren Erdbebenschäden kommen.
Durch das dichte Sensor‑Netzwerk im Bedretto‑Felslabor und die gezielte Kontrolle über die Bedingungen erhoffen sich die Forscherchen konkrete Parameter dafür, wie sich Gesteinsstörungen unter Druck verhalten. Das kann später in **Gefährdungs‑ und Risikomodelle integriert** werden, wie sie die EU für ganz Europa bereits entwickelt und kontinuierlich aktualisiert.
## Geoenergie mit weniger Nervosität
Ein wichtiger Nutzen von FEAR liegt außerdem im Bereich der **tiefen Geothermie und anderer Geoenergie‑Anwendungen**. Bei Bohrprojekten, bei denen Wasser unter hohem Druck in feste Gesteinsschichten gepresst wird, kann es zu kleineren, teils spürbaren Beben kommen – prominent sind etwa die Fälle in **Basel (2006)** oder **St. Gallen (2013)**.
Hier kommt FEAR ins Spiel: Wenn man besser versteht, bei welchem Druck, welcher Störungsgeometrie und welche Vorbereitung eine Störung anspringt, lässt sich das Risiko solcher **induzierten Beben** signifikant reduzieren. Das hilft nicht nur Ingenieur:innen, sondern auch Politik und Bevölkerung, die tiefe Geothermie weniger als „Beben‑Risiko“ und eher als **kontrollierbare Technologie** zu sehen.
## Ein Baustein für zukünftige Warnsysteme
Obwohl FEAR kein vollständiges Erdbeben‑Vorhersagesystem werden wird, liefert es wichtige Puzzle‑Teile für die **Entwicklung von Monitoring‑ und Frühwarn‑Strategien**. In Kombination mit anderen Projekten wie **FaultScan** oder europäischen Erdbeben‑Risikomodellen (z.B. aus EU‑Programmen wie SERA oder EPOS IP) kann langfristig ein realistischeres, reaktionsfähigeres Netz entstehen.
Dabei bleibt klar: Wir werden wohl **nie** einen „Beben‑Alarm“ bekommen, der exakt sagt, „um 15:23 Uhr bebt es hier – M7.0“. Aber mit solchen Forschungs‑Set‑Ups wie FEAR steuern wir einen Schritt weg von der reinen Statistik und hin zu einem **dynamischeren, physik‑basierten Verständnis dessen, was in der Tiefe passiert** – und damit auch zu akzeptableren, lernfähigeren Warn‑ und Abschaltmechanismen.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen