Ist Haltungsjournalismus eigentlich Journalismus?
Im Prinzip nein — und der Vertrauensverlust ist vollkommen berechtigt
Im Prinzip ja, antwortete Radio Eriwan einst auf fast alles — aber dieses Mal muss der Sender eine Ausnahme machen. Im Prinzip nein. Was heute in vielen deutschen Redaktionen unter dem stolzen Namen »Haltungsjournalismus« firmiert, ist Journalismus ungefähr so, wie eine Postkutsche ein Raumschiff ist: Man sitzt zwar drin, bewegt sich auch irgendwie fort — aber man landet nicht dort, wo man hingehört.
▶ Anfrage aus dem Hörerkreis
Hörer Meyer aus Bielefeld fragt: »Lieber Radio Eriwan, stimmt es, dass Haltungsjournalisten die Wahrheit berichten?«
◀ Antwort des Senders
Im Prinzip ja — aber nur die Wahrheit, die sie vorher selbst hineingelegt haben. Das ist ungefähr so, wie wenn man ein Osterei versteckt, es dann sucht und triumphierend ausruft: »Seht her, ich habe die Natur entdeckt!«
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Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört.
— Hanns Joachim Friedrichs, 1995 · Das Ideal, das vergraben wurde
Friedrichs wusste, wovon er sprach. Ein Reporter, der einer Sache dient — und sei es die edelste Sache der Welt — hört in dem Moment auf, Journalist zu sein. Er wird Anwalt. Propagandist. Aktivist mit Presseausweis. Das ist keine Beleidigung. Aber es ist eine Kategorienverwechslung, die Konsequenzen hat.
▶ Anfrage aus dem Hörerkreis
Hörerin Schulze aus Hamburg fragt: »Aber Radio Eriwan, ist es nicht die Pflicht des Journalisten, gegen das Böse Haltung zu zeigen?«
◀ Antwort des Senders
Im Prinzip ja — aber hier liegt der Haken, tief wie ein Brunnen in der armenischen Steppe. Sobald ein Journalist vorab entschieden hat, was böse ist, sucht er keine Wahrheit mehr. Er sucht Belege. Das ist der Unterschied zwischen Recherche und Beweisführung. Der Richter, der das Urteil schreibt, bevor er die Zeugen gehört hat, heißt nicht »haltungsstark«. Er heißt »befangen«.
Randnotiz: Wer entscheidet, was »das Böse« ist? Früher die Kirche. Dann die Partei. Heute die Redaktionskonferenz. Der Mechanismus ist identisch; nur die Kostüme haben gewechselt.
▶ Anfrage aus dem Hörerkreis
Hörer Braun aus München fragt: »Stimmt es, dass das Vertrauen in die Medien grundlos geschwunden ist und nur von Feinden der Demokratie betrieben wird?«
◀ Antwort des Senders
Im Prinzip nein — und das ist das Unbequemste, was Radio Eriwan je senden musste. Das Vertrauen ist nicht gestohlen worden. Es wurde erarbeitet. Jahrelang, mit Ausdauer, durch eine Branche, die sich selbst immer weniger für einen Spiegel der Wirklichkeit hielt und immer mehr für deren Regisseur.
Wenn Nachrichtenredaktionen Bürger belehren, statt zu berichten. Wenn die Wortwahl nicht beschreibt, sondern lenkt. Wenn Gegenmeinungen nicht widerlegt, sondern weggeschwiegen werden — dann ist der Leser, der die Zeitung weglegt, kein Feind der Demokratie. Er ist ein mündiger Mensch, der bemerkt hat, dass man ihn nicht informiert, sondern erzieht.
▶ Anfrage aus dem Hörerkreis
Hörerin Klein aus Berlin fragt: »Aber Radio Eriwan — haben Journalisten keine eigene Meinung?«
◀ Antwort des Senders
Im Prinzip ja — natürlich. Jeder Mensch hat eine Meinung, auch der Journalist. Aber der Chirurg hat auch Lieblingsorgane. Er operiert trotzdem alle. Friedrichs hatte gewiss Haltungen. Er war kein Roboter. Er behielt sie nur dort, wo sie hingehören: im Kopf, nicht im Artikel. Die Kunst des guten Journalismus ist nicht die Abwesenheit von Meinung — sie ist die Disziplin, die eigene Meinung nicht zum Maßstab der Auswahl zu machen.
▶ Abschließende Grundsatzfrage
Hörer Hoffmann aus Köln fragt: »Radio Eriwan, ist der Vertrauensverlust in die Medien also berechtigt?«
◀ Antwort des Senders
Im Prinzip ja — und zwar vollkommen. Wer Journalismus verspricht und Aktivismus liefert, verliert zurecht das Vertrauen. Nicht weil die Zuschauer zu dumm sind. Sondern weil sie es gemerkt haben.
Das Bittere daran: Der echte Journalismus, der faire, der unbequeme, der Friedrichssche — er leidet am meisten unter dem Schaden, den seine Hochstapler angerichtet haben. Wer die gute Ware fälscht, zerstört den Ruf des gesamten Marktes.
Radio Eriwan schließt daher mit einem Appell an alle, die noch echten Journalismus betreiben wollen: Machen Sie sich gemein mit der Wirklichkeit — und mit sonst gar nichts. Das ist unbequem. Es macht keine Freunde in der Redaktionskonferenz. Aber es ist der einzige Weg, das Vertrauen zurückzugewinnen, das verlorengegangen ist.
Nicht an »die Feinde der Demokratie«. Sondern an die schlichte, stille, unerbittliche Realität.
Hier ist Radio Eriwan. Wir senden weiter — solange noch jemand zuhört, der es hören will.
In Gedenken an Hanns Joachim Friedrichs (1925–1995) und das Handwerk, das er gelehrt hat.
◈ Ende der Sondersendung ◈
Alle Hörer werden gebeten, eigenständig zu denken ◈
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