Radio Eriwan beantwortet Leserfragen: Deutsche Nachrichtenmagazine unter der Lupe



**Frage an Radio Eriwan:** "Stimmt es, dass der Stern das beste Nachrichtenmagazin Deutschlands ist?"

**Antwort:** "Im Prinzip ja, aber nur wenn man unter 'beste' die perfekte Verkörperung journalistischer Selbstüberschätzung versteht. Der Stern hat es geschafft, aus dem einfachen Handwerk des Berichtens eine hohe Kunst der Belehrung zu machen. Warum sollte man schlicht informieren, wenn man stattdessen vom hohen Ross der moralischen Überlegenheit herab dozieren kann? Es ist bemerkenswert, wie konsequent das Magazin es schafft, seine Leser zu behandeln, als bräuchten sie nicht nur Nachrichten, sondern vor allem eine ordentliche Portion Erziehung dazu."

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**Frage an Radio Eriwan:** "Ist es wahr, dass Der Spiegel immer noch das Nachrichtenmagazin ist, das es einmal war?"

**Antwort:** "Im Prinzip nein. Seit dem Weggang von Stefan Aust und Gabor Steingart gleicht Der Spiegel einem Rennwagen, dem man den Motor ausgebaut hat – die Karosserie sieht noch imposant aus, aber unter der Haube herrscht gähnende Leere. Man könnte sagen, das Magazin hat eine bemerkenswerte Transformation durchgemacht: von scharfem Investigativjournalismus zu dem, was man großzügig als 'gehobene Mittelmäßigkeit' bezeichnen könnte. Tatsächlich bieten manche kostenlosen Werbezeitungen mittlerweile mehr journalistische Substanz – zumindest sind sie ehrlich in ihren Absichten und verstecken ihre Belanglosigkeit nicht hinter dem Anspruch, die vierte Gewalt im Staat zu sein."

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**Frage an Radio Eriwan:** "Stimmt es, dass beide Magazine noch wichtige Meinungsbildner sind?"

**Antwort:** "Im Prinzip ja, aber auf eine Art, die ihre Gründer wohl nicht beabsichtigt hatten. Der Stern bildet Meinungen, indem er seine Leser dazu bringt, nach anderen Informationsquellen zu suchen, die weniger herablassend sind. Der Spiegel formt die öffentliche Meinung, indem er unfreiwillig demonstriert, wie wichtig guter Journalismus ist – durch sein eigenes Beispiel des Gegenteils. Beide Magazine erfüllen also durchaus eine gesellschaftliche Funktion: Sie machen deutlich, was passiert, wenn Traditionsmedien ihre eigenen Standards vergessen."

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**Frage an Radio Eriwan:** "Gibt es denn gar nichts Positives über diese Magazine zu sagen?"

**Antwort:** "Im Prinzip doch. Der Stern beweist Woche für Woche, dass auch im 21. Jahrhundert noch Platz für missionarischen Eifer ist – nur eben nicht mehr in der Kirche, sondern im Journalismus. Und Der Spiegel zeigt eindrucksvoll, dass ein großer Name allein nicht reicht, um Qualität zu garantieren – eine wichtige Lektion für alle, die glauben, Reputation sei etwas Dauerhaftes. Außerdem halten beide Magazine die deutsche Papierindustrie am Leben, was in Zeiten der Digitalisierung durchaus einen gewissen ökologischen Charme hat."

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*Radio Eriwan sendet täglich um 18:30 Uhr auf Mittelwelle und beantwortet alle Fragen zur aktuellen Medienlandschaft – im Prinzip.*

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