Das Knoblauchsland versiegeln und gleichzeitig Pflastersteine raushörn

 


Nürnbergs Stadtplanung erklärt – ein Lehrstück über das Denken in Schubladen

Es gibt Städte, die lernen aus Fehlern. Und es gibt Nürnberg. Das soll keine Beleidigung sein, nur eine nüchterne Bestandsaufnahme nach Jahren der Beobachtung – nach Röthenbach, nach Lichtenreuth, und jetzt nach Wetzendorf.

Die Stadt Nürnberg hat ein Talent, das man ihr lassen muss: Sie schafft es immer wieder, mit der linken Hand zu zögern, was die rechte Hand längst zur Seite geschäufelt hat. Oder anders gesagt: Während man in der Innenstadt mit großem Presseaufwand einzelne Pflastersteine herausnimmt und Bäumchen pflanzt, werden draussen im Nordwesten 22,5 Hektar bisher landwirtschaftlich genutzter Fläche zu Baugebiet erklärt. Freifläche, die Generationen als Knoblauchsland gekämmt und bestellt haben, wird planiert.

Willkommen im Baugebiet Wetzendorf. Oder, wie ich es nennen möchte: dem jüngsten Kapitel im Kompendium Nürnberger Stadtplanungsfantasien.

Das Knoblauchsland – kein ödes Niemandsland

Wer das Knoblauchsland nur als Landschaft kennt, die man auf dem Weg nach Erlangen durchfährt, tut ihm Unrecht. Das Gebiet zwischen Nürnberg, Fürth und Erlangen ist eines der ältesten kontinuierlich bewirtschafteten Gärtnereigebiete Deutschlands. Jahrhundertelang haben die dortigen Anbaubetriebe die Region mit Gemüse versorgt. Es ist kein leerer Acker. Es ist Kulturlandschaft.

Und es ist ökologisch relevant. Offene Flächen übernehmen Funktionen, die sich nicht einfach durch Technik ersetzen lassen: Sie kühlen die Stadt, sie versickern Regenwasser, sie puffern Hochwasser ab. Diese Eigenschaften sind in Zeiten von Starkregenereignissen und sommerlicher Hitzeinselbildung keine akademische Theorie mehr – sie sind Infrastruktur.

Der Wetzendorfer Landgraben und das Grundproblem

Das geplante Baugebiet Wetzendorf liegt im voräufig gesicherten Überschwemmungsgebiet des Wetzendorfer Landgrabens. Das ist keine Interpretation, das steht im Bebauungsplan selbst – Abschnitt I.4.3.2, Begründung zur Planaufstellung.

In solchen Gebieten ist Bauen nach geltendem deutschen Wasserrecht eigentlich verboten. Der Grund ist einfach: Retentionsflächen – also Flächen, die bei Hochwasser als natürlicher Puffer dienen – gehen verloren, wenn man sie bebaut. Wasser, das früher ins Erdreich sickern oder auf Wiesen ablaufen konnte, muss dann anderswo hin. Und „anderswo“ bedeutet in aller Regel: in die Keller der umliegenden Wohngebiete.

Die Lösung der Stadtplaner? Der „Wetzendorfer Park“. Klingt gut. Klingt grün. Klingt nach Lebensqualität. Nur: Dieser Park ist kein Park im herkömmlichen Sinne. Er ist technischer Ersatzraum. Eine Fläche, die explizit als Überflutungsfläche ausgewiesen wird, damit das Baurecht für die danebenliegenden Grundstücke formal erfüllt ist. Was heute natürliche Wiesen, Felder und Biotope sind, wird zu einem kontrollierten Auffangbecken – das im Ernstfall unter Wasser steht.

Mit anderen Worten: Die Natur macht das bisher umsonst und freiwillig. Der Plan sieht vor, sie durch eine technische Lösung zu ersetzen – die dasselbe kann, aber nur unter kontrollierten Bedingungen, nur mit Pflege, und nur solange nichts schief geht. Und die Anwohner der umliegenden Viertel dürfen sich über den neuen „Park“ freuen. Bis es regnet.

22,5 Hektar draussen, ein Pflasterstein drinnen

Und jetzt kommen wir zu dem Teil, der mich, freundlich formuliert, hart an der Nase heranführt.

Zur selben Zeit, in der in Wetzendorf 22,5 Hektar landwirtschaftlicher Fläche als Baugebiet ausgewiesen werden, gibt es in der Nürnberger Innenstadt Pressetermine. Beliebige Lokalpolitiker halten Spaten in die Höhe oder legen Hände auf frisch verlegte Baumscheiben. Pflastersteine werden herausgenommen. Fotos werden gemacht. Erklärungen zur Nachverdichtung und „Entsiegelung“ werden herausgegeben.

Ich respektiere jeden Pflasterstein, der aus dem Boden kommt. Wirklich. Aber wenn man gleichzeitig 22,5 Hektar Freifläche versiegelt, dann ist das keine Klimapolitik. Das ist Symbolpolitik mit Breitenwirkung – für die Kamera. Das Verhältnis von Maßnahme zu Geste ist ungefähr so ausgewogen wie ein Eimer Wasser gegen einen Waldbrand.

Ich bin jemand, der Dinge gerne miteinander vergleicht. Und wenn man Dinge miteinander vergleicht, sieht man manchmal Muster, die man eigentlich nicht sehen will.

Ein Muster, das bekannt ist

Röthenbach: Das Parkhaus am P+R wurde abgerissen weil es verschlissen war, aber nicht wieder ersetzt. Gleichzeitig wird über mangelnde Parkmöglichkeiten und Überlastung des SPNV diskutiert. Das ersatz Parkhaus hätte beides gelindert.

Lichtenreuth: Ein neues Stadtquartier entsteht auf dem Gelände des früheren Südbahnhofs. Die Diskussionen über Verkehrsanbindung, Infrastruktur und Grünflächen laufen parallel zur Baugenehmigung – nicht davor.

Wetzendorf: Ein Überschwemmungsgebiet wird bebaut. Die Retentionsfläche wird als „Park“ deklariert. Die Hochwassergefahr für die Anwohner steigt.

Das Muster ist immer ähnlich: Zuerst die Entscheidung, dann die Begründung. Zuerst das Bauen, dann das Erklären. Und die Erklärungen klingen immer vernünftig, wenn man sie nicht mit dem vergleicht, was gleichzeitig anderswo passiert.

Was das Knoblauchsland verdient hätte

Das Knoblauchsland ist kein rückständiger Rest, der auf seine Bebauung wartet. Es ist eines der wenigen Gebiete in der Metropolregion, das aktiv landwirtschaftlich genutzt wird, ökologische Pufferfunktionen erfüllt und kulturhistorischen Wert hat. Es gehört nicht bebaut – es gehört geschützt.

Das bedeutet nicht, dass es in Nürnberg keine Wohnungsnot gibt. Die gibt es. Aber die Lösung für Wohnungsnot ist nicht die Bebauung von Überschwemmungsgebieten auf Kosten der Nachbarschaft und des Klimaschutzes. Es gibt Alternativen: Nachverdichtung im Bestand, Konversionsräume, Leerstandsaktivierung. Diese Wege sind mühsamer. Sie erfordern mehr Verhandlung, mehr Kompromiss, mehr Zeit.

Aber sie ergeben, verglichen miteinander, mehr Sinn.

Fazit: Der Vergleich zählt

In der Innenstadt wird ein Pflasterstein herausgenommen und das Ergebnis als Klimaschutz verkauft. Im Nordwesten werden 22,5 Hektar Freifläche im Knoblauchsland versiegelt und das Ergebnis als Stadtentwicklung verkauft. Wer beides gleichzeitig sieht und vergleicht, kommt zu einem unbequemen Schluss:

Die Geste findet vor der Kamera statt. Die Entscheidung findet im Bebauungsplan statt.

Das Knoblauchsland hat keine Pressestelle. Es hat keine Lobbyisten. Es hat nur Fläche, Ökologie und Geschichte. Und genau das macht es so leicht, es wegzuplanen.

Wer den Bebauungsplan Wetzendorf liest – Abschnitt I.4.3.2, „Anlass zur Planaufstellung“ – und gleichzeitig die Pressemitteilungen zur Entsiegelungsinitiative in der Innenstadt liest, der hat alle Informationen, die er braucht. Man muss sie nur nebeneinanderlegen.


Quellen: Begründung zum Bebauungsplan Wetzendorf (Abschnitt I.4.3.2 sowie I.2 „Anlass zur Planaufstellung – Planungsziele“); eigene Beobachtung und Vergleich mit den Vorgängen in Röthenbach (P+R-Parkhaus) und Lichtenreuth.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Der Held der Steine: Mehr als nur dänische Klemmbausteine

Ein herzliches Dankeschön an einen unbekannten Podcasting-Engel

Alex E. - Mehr als nur ein Eisenbahnfilmer?