Nostalgie auf Schienen: Warum wir für die Dampflok-Romantik gerne in der Steinzeit parken


Haben Sie heute Morgen auch wieder 45 Minuten am Bahnsteig gestanden, während die Anzeige „Heute ohne Wagen 21 bis 34“ flackerte und der Lautsprecher blechern von einer „Signalstörung“ krächzte? Herzlichen Glückwunsch! Sie sind Teil eines lebendigen Freilichtmuseums.
Denn wer braucht schon einen pünktlichen, digitalen und zukunftsfähigen Schienenverkehr, wenn er stattdessen das wohlige Gefühl haben kann, in einer Zeitkapsel festzustecken?
In den sozialen Netzwerken (ja, genau dort, wo sich die digitale Avantgarde über die analoge Apokalypse auslässt) tobt die Debatte: **Museum oder Moderne?** Und wenn man sich den Zustand unseres Schienennetzes so ansieht, ist die Antwort der Verantwortlichen klar: Wir entscheiden uns für das Museum. Aber bitte für eines der ganz gruseligen Sorte, wo die Exponate bei Berührung auseinanderfallen.
#### Die Romantik des Zerfalls
Es hat doch etwas zutiefst Entschleunigendes, wenn die Weichenheizung bei der ersten Schneeflocke kapituliert. Das ist keine technische Unzulänglichkeit, das ist Denkmalschutz! Wir bewahren die Tradition des „Heimkommens nach Mitternacht“. Wer will schon in einem futuristischen Hochgeschwindigkeitszug durchs Land gleiten, in dem das WLAN funktioniert und die Toilette – man wagt es kaum auszusprechen – benutzbar ist? Das wäre doch völlig unauthentisch.
Zukunftsfähiger Eisenbahnverkehr wird völlig überbewertet. Digitale Leitchnik? ETCS? Pff. Wir setzen lieber auf den menschlichen Faktor: den Stellwerker, der noch mit echtem Muskelschmalz Hebel umlegt, die schon Kaiser Wilhelm II. beim Einrasten bewundert hat. Das ist Handwerk! Das ist Kulturerbe! Wenn wir jetzt modernisieren, zerstören wir die mühsam kuratierte Atmosphäre des gepflegten Stillstands.
#### Fortschritt ist was für Anfänger
Schauen wir uns doch die Nachbarn an. In Japan oder Frankreich kommen Züge pünktlich an. Wie langweilig ist das denn? Da fehlt doch das Abenteuer, das Adrenalin, wenn man nicht weiß, ob der Anschlusszug in Mannheim überhaupt existiert oder nur eine kollektive Halluzination der Fahrgastzentrale ist.
Wer einen „zukunftsfähigen Eisenbahnverkehr“ fordert, hat das Prinzip Deutschland nicht verstanden. Wir lieben unsere Ruinen. Wir pflegen unsere Funklöcher. Und wir sind stolz darauf, dass unsere Infrastruktur mittlerweile die Ästhetik eines Lost Places hat, für den man normalerweise Eintritt bezahlen müsste.
#### Fazit: Bitte keine Veränderung!
Wenn Sie also das nächste Mal im RE 1 im Gang sitzen, weil die Klimaanlage im einzigen fahrbereiten Waggon mal wieder als Sauna fungiert, denken Sie daran: Sie sitzen nicht in einem maroden Verkehrsmittel. Sie nehmen an einer Performance-Art-Installation teil.
Wollen wir ein Museum oder Zukunft? Die Antwort liegt auf der Hand: Wir wollen das Museum – aber bitte zum Preis eines First-Class-Tickets in die Zukunft. Denn nichts ist so deutsch wie das Meckern über den Verfall, während man gleichzeitig jede Baustelle zur Modernisierung als persönlichen Angriff auf die eigene Bequemlichkeit wertet.
In diesem Sinne: Senken Sie den Kopf, atmen Sie den Duft von 40 Jahre altem Polsterstaub ein und genießen Sie die Verspätung. Zukunft wird sowieso überbewertet. Da müsste man ja pünktlich sein.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Der Held der Steine: Mehr als nur dänische Klemmbausteine

Ein herzliches Dankeschön an einen unbekannten Podcasting-Engel

Alex E. - Mehr als nur ein Eisenbahnfilmer?