Der Butterberg: Wenn Überfluss zum Problem wird*Blogreihe "Nahrungsmittel in geteiltem Deutschland" - Teil 1*
Es ist das Jahr 1986. In den Lagerhallen der Europäischen Gemeinschaft stapeln sich 1,2 Millionen Tonnen Butter - genug, um jeden Europäer ein ganzes Jahr lang täglich mit 100 Gramm Butter zu versorgen. Gleichzeitig, nur wenige hundert Kilometer östlich, gelten 250 Gramm Butter in der DDR als wöchentliche Luxusration, die nicht immer verfügbar ist. Willkommen in der absurden Welt geteilter Systeme.
## Das Paradox der Gemeinsamen Agrarpolitik
Der "Butterberg" war kein natürliches Phänomen, sondern das Ergebnis einer gut gemeinten, aber fatal konstruierten Politik. Die 1962 eingeführte Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EWG sollte europäische Bauern schützen und die Nahrungsmittelversorgung sichern. Das System war denkbar einfach:
- **Garantiepreise** für landwirtschaftliche Erzeugnisse
- **Aufkauf aller Überschüsse** durch die EG-Kommission
- **Zölle und Abschöpfungen** gegen billige Importe
Was als Sicherheitsnetz gedacht war, wurde zur Produktionsmaschine ohne Bremse. Warum sollten Milchbauern ihre Produktion drosseln, wenn ihnen die EG jeden Liter zu festgelegten Preisen abnahm?
## Die Butter-Krise der 1980er Jahre
Bis Mitte der 1980er Jahre hatte sich das Problem dramatisch zugespitzt:
**1985:** 1,2 Millionen Tonnen Butter in EG-Lagerhallen
**Kosten:** Über 2 Milliarden D-Mark jährlich nur für Lagerung
**Haltbarkeit:** Butter wurde nach 2-3 Jahren ungenießbar und musste vernichtet werden
Die Situation war so absurd, dass Karikaturisten in ganz Europa ihre Freude hatten. Zeitungen titeln: "Europa erstickt an seiner eigenen Butter" oder "Der Butterberg wächst schneller als die Alpen".
## Verzweifelte Lösungsversuche
Die EG-Kommission suchte händeringend nach Abnehmern:
### Billig-Exporte in den Ostblock
- **Sowjetunion:** Kaufte EG-Butter für 20% des Weltmarktpreises
- **DDR:** Erhielt 1987 50.000 Tonnen subventionierte Butter
- **Ironie:** Westeuropäische Steuerzahler finanzierten indirekt die sozialistischen Speisepläne
### Buttervernichtung
- Verbrennung in Zementwerken als "alternativer Brennstoff"
- Verwendung in Tierfutter - Schweine fraßen Butter, die für Menschen zu teuer war
- Chemische Zersetzung in speziellen Anlagen
### Absurde Verwendungen
- Butter als Schmiermittel in der Industrie
- Export nach Afrika zu Dumpingpreisen, was lokale Märkte zerstörte
- Gratisverteilung an Bedürftige - aber nur begrenzt, um den Markt nicht zu "stören"
## Leben mit der Butter-Knappheit in der DDR
Während sich im Westen die Butterberge türmten, war Butter in der DDR ein knappes Gut:
**Rationierung:** 250g pro Person/Woche (wenn verfügbar)
**Ersatzprodukte:** "Brotaufstrich" und Margarine dominierten
**Schwarzmarkt:** 1 kg Butter kostete 30-40 Mark (offiziell: 10 Mark)
**Westpakete:** Butter aus BRD-Paketen war Gold wert
Eine Ost-Berlinerin erinnert sich: "Wenn es mal Butter gab, kaufte man sofort mehrere Pakete. Man wusste nie, wann es wieder welche geben würde. Meine Mutter versteckte Butter im Keller wie andere Leute Schmuck."
## Der systemische Wahnsinn
Der Butterberg offenbarte die Schwächen beider Systeme:
### EG-System:
- **Falsche Anreize:** Überproduktion wurde belohnt statt bestraft
- **Marktverzerrung:** Künstliche Preise verhinderten natürliche Regulierung
- **Verschwendung:** Ressourcen wurden in gigantischem Ausmaß vernichtet
- **Steuerlast:** Bürger zahlten dreifach - als Verbraucher, Steuerzahler und Lagermieter
### DDR-System:
- **Devisenmangel:** Keine harte Währung für Butter-Importe
- **Planungsfehler:** Milchproduktion entsprach nicht dem Bedarf
- **Verteilungsprobleme:** Selbst vorhandene Butter erreichte nicht alle Verbraucher
- **Ideologie vor Pragmatismus:** Lieber Mangel als Abhängigkeit vom Westen
## Das Ende einer Ära
Erst 1984 führte die EG Milchquoten ein - ein Jahrzehnt zu spät. Der Butterberg schrumpfte langsam, aber die Kosten waren gewaltig:
- **Gesamtkosten 1975-1990:** Über 50 Milliarden D-Mark
- **Vernichtete Butter:** Etwa 2 Millionen Tonnen
- **Politischer Schaden:** Europaskepsis wuchs durch diese Verschwendung
## Lehren aus dem Butterberg
Der Butterberg war mehr als nur ein agrarpolitischer Fehler - er war ein Symbol für die Absurditäten der Nachkriegsordnung:
1. **Subventionen ohne Grenzen** führen zu Überproduktion und Verschwendung
2. **Ideologische Barrieren** verhindern vernünftige Lösungen (DDR hätte die Butter gebraucht)
3. **Gut gemeinte Politik** kann in ihr Gegenteil umschlagen
4. **Bürokratie** reagiert langsamer als Märkte
Als 1989 die Mauer fiel, war der Butterberg bereits Geschichte. Aber die Ironie blieb: Während die DDR-Bürger endlich freien Zugang zu Butter hatten, hatten westeuropäische Steuerzahler Jahrzehnte lang dafür bezahlt, dass diese Butter vernichtet wurde, statt sie denen zu geben, die sie brauchten.
In unserem nächsten Beitrag schauen wir auf ein anderes "weißes Gold": Wie sich die Kaffee-Kulturen in Ost und West entwickelten und warum DDR-Bürger für echten Bohnenkaffee Schlange standen.
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*Haben Sie Erinnerungen an den Butterberg oder die Butter-Knappheit in der DDR? Teilen Sie Ihre Geschichten in den Kommentaren!*
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