Die innere Dreifaltigkeit des schlechten Tages



Es gibt Tage, da bin ich ganz normal.

Ich stehe auf. Ich trinke Kaffee. Ich funktioniere. Irgendwie. Das ist die Regel, und die Regel ist gut, und die Regel schützt uns alle.

Dann gibt es die anderen Tage.

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Dieser hier hatte einen konkreten Auslöser. Er hatte sogar ein Datum, eine Uhrzeit und einen offiziellen Pressemitteilungstext dahinter: ÖPNV-Streik.

Das klingt zunächst nach einem Problem für Menschen, die Bus und Bahn fahren. Und das stimmt auch. Nur stellt sich heraus, dass ein Streik im öffentlichen Nahverkehr nicht nur ein Problem für die Menschen ist, die normalerweise Bus und Bahn fahren — sondern ein Problem für alle, die an diesem Tag auf denselben Straßen unterwegs sind wie die Menschen, die normalerweise Bus und Bahn fahren und das an diesem Tag eben nicht können.

Diese Menschen sind dann Auto gefahren.

Und damit beginnt es.

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**Phase eins: Autofahrer-Tourette.**

Das ist noch die harmlose Phase. Jeder kennt sie. Man sitzt im Auto, schaut nach vorne, und da ist er. Der Mensch, der bei grün nicht losfährt, weil er in Gedanken noch irgendwo zwischen der Haltestelle, an der er sonst aussteigt, und der Frage ist, wo er jetzt eigentlich hin soll. Das ist nicht böse gemeint. Das ist ein Mensch, der sein Fortbewegungsmittel gewechselt hat, ohne das Betriebssystem dazu zu aktualisieren.

Zwischen dem Landkreis Fürth, dem Stadtgebiet Fürth und dem Stadtgebiet Nürnberg hat meine Dashcam an diesem Tag Material aufgezeichnet, das Sascha Fahrnünftig für mindestens drei Monate ausgesorgt hätte. Alleine. Ohne Zulieferung von irgendwo sonst. Das volle Programm: der Spurwechsel ohne Schulterblick, die Einfahrt in den Kreisverkehr mit der Entschlossenheit eines Mannes, der Kreisverkehre bisher nur aus dem Fernsehen kennt, das Linksfahren auf der Landstraße aus dem einfachen Grund, dass es dort mehr Platz gibt.

Autofahrer-Tourette ist gesellschaftlich akzeptiert, weil niemand es hört außer dem Armaturenbrett. Man sagt Dinge. Leise. Die Dinge sind nicht nett, aber sie sind funktional. Sie erfüllen eine hydraulische Funktion: Druck raus, System wieder stabil. Das war's. Kurze Sequenz. Vorüber.

Wenn es ein guter Tag wäre, würde es dabei bleiben.

Es war kein guter Tag. Es war ein Streiktag. Das Material hörte nicht auf. Mein Blutdruck hatte zu diesem Zeitpunkt bereits einen Arbeitsdruck erreicht, der bei einem handelsüblichen Hochdruckreiniger aus dem Hause Kärcher auf dem Typenschild stehen würde. Mit Sicherheitshinweis.

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**Phase zwei: Der innere R. Lee Ermey.**

Es ist kein guter Tag.

Der innere R. Lee Ermey tritt auf ohne Ankündigung, ohne Vorlauf, ohne Kostüm — er braucht kein Kostüm. Er ist bereits da. Er hat immer gewartet. Und wenn Phase eins ihn geweckt hat, dann übernimmt er mit der Effizienz eines Mannes, der Zeit für Umwege grundsätzlich nicht eingeplant hat.

Der innere R. Lee Ermey brüllt nicht. Das ist das Missverständnis. Brüllen ist emotionale Inkontinenz. Der innere R. Lee Ermey spricht mit einer Präzision, die Wände eindrückt. Jeder Satz sitzt. Jede Formulierung ist das Ergebnis jahrelanger Übung in der Kommunikation mit Menschen, die einen strukturellen Mangel an Selbstreflexion mit sich herumtragen.

Er stellt Fragen, die keine Fragen sind: "Was genau", sagt der innere R. Lee Ermey, "war der Plan? Gab es einen Plan? Oder haben wir heute auf den Plan verzichtet und einfach geschaut, was passiert? Wunderbar. Wie läuft das für uns?"

Er ist sachlich. Das macht es schlimmer. Empörung kann man wegdiskutieren. Sachlichkeit im Militärton sitzt anders.

Der innere R. Lee Ermey hat keine Probleme mit Bürokratie, mit Inkompetenz, mit sinnfreien Prozessen. Er hat Lösungen. Die Lösungen sind nicht immer sozialverträglich. Aber sie sind Lösungen.

Meistens halte ich ihn durch Schweigen in Schach. Das funktioniert an manchen Tagen ganz gut.

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**Phase drei: Klaus Kinski in der Version von Max Giermann.**

Die kennt man entweder — oder man kennt sie noch nicht, und dann ist man noch nicht wirklich tief genug in den YouTube-Abend gegangen. Max Giermann hat etwas erschaffen, das die Grenze zwischen Parodie und psychologischer Feldstudie vollständig verwischt. Es ist nicht Kinski. Es ist die Idee von Kinski, destilliert, verdichtet, auf eine Konzentration gebracht, bei der normale Menschen Handschuhe tragen würden.

Wenn der innere R. Lee Ermey irgendwann erkennt, dass Sachlichkeit hier nicht weiterführt — dass das Problem nicht lösbar ist, weil es kein technisches Problem ist, sondern ein kosmisches Grundmissverständnis zwischen der Welt und dem, was die Welt eigentlich sein sollte — dann übergibt er das Mikrofon.

Und dann kommt Kinski. Giermann-Kinski.

Giermann-Kinski beginnt mit dem Ton. Es ist kein Brüllen. Es ist ein Leiden. Ein Leiden, das sich artikuliert. Ein Leiden, das Vokabular hat. "Ich LEIDE", sagt der innere Giermann-Kinski, "ich leide KÖRPERLICH an der Dummheit, die sich hier vor mir ausbreitet wie ein schlechtes Büfett, das niemand bestellt hat, das aber trotzdem da ist, und alle nehmen davon, und niemand fragt, warum es da ist."

Der innere Giermann-Kinski trägt keine Lösungen vor. Der innere Giermann-Kinski ist kein Problemlöser. Er ist ein Zeuge. Er bezeugt. Er dokumentiert den Verfall mit einer Leidenschaft, die man eigentlich für schöne Dinge aufsparen sollte, die er aber vollständig in die Beschreibung des Schrecklichen investiert.

Er hat Monologe. Die Monologe haben Zwischentöne. Er kann über einen falsch eingeräumten Geschirrspüler fünf Minuten sprechen, als wäre es der Untergang des Abendlandes — und am Ende hat man das Gefühl, es sei tatsächlich der Untergang des Abendlandes. Das ist die Kunst.

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**Das Rotationsprinzip.**

An einem dieser Tage wechseln alle drei ab. Das ist das Interessante. Es ist kein Nacheinander. Es ist ein Rotationssystem, das von äußeren Stimuli gesteuert wird.

Jemand fährt auf der Kreisstraße zwischen Zirndorf und Fürth mit 40 in der Mitte: Autofahrer-Tourette.
Jemand fährt auf der Stadtgrenze Nürnberg links, bremst, schaut, bremst nochmal, schaut nochmal: R. Lee Ermey übernimmt, präzise, ohne erhobene Stimme, aber mit dem Tonfall eines Mannes, der die Situation vollständig analysiert hat und mit dem Ergebnis unzufrieden ist.
Jemand biegt an der Kreuzung ab, an der man nicht abbiegt, weil dort ein Schild steht, das das Abbiegen verbietet, was aber an einem Streiktag offenbar nicht für alle gilt: Giermann-Kinski, volle Monologlänge, mit Leiden, mit Vokabular, mit dem Gestus eines Mannes, dem die Welt gerade erklärt, dass das Schild nur ein Vorschlag war.

Dazwischen: kurze Phasen des normalen Menschen. Kaffee. Atemübungen. Die stille Überzeugung, dass es irgendwann vorbeigeht.

Es geht vorbei.

Bis zum nächsten Streik.

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*Der Autor dieser Zeilen betont ausdrücklich, dass alle beschriebenen inneren Zustände vollständig nach innen gerichtet sind, niemanden gefährden und im Zweifelsfall durch ausreichend Abstand zur Außenwelt gemanagt werden. Autofahrer-Tourette ist eine Metapher. R. Lee Ermey ist eine Metapher. Klaus Kinski in der Version von Max Giermann ist ebenfalls eine Metapher. Wer das anders liest, hat das Prinzip der Satire möglicherweise nicht vollständig erfasst — und löst damit möglicherweise Phase zwei aus.*

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