Frage an Radio Eriwan: Stimmt es, dass LinkedIn eine Plattform für professionellen Diskurs ist?
Radio Eriwan antwortet:
Frage an Radio Eriwan: Stimmt es, dass LinkedIn eine Plattform für professionellen Diskurs ist?
Im Prinzip ja — aber das setzt voraus, dass die Beteiligten zumindest den Versuch unternehmen, auf der Sachebene zu bleiben. Dieser Versuch findet auf LinkedIn in abnehmendem Maße statt, wie ein einzelner Thread unter einem Beitrag von Thomas Kemmerich exemplarisch belegt.
Im Prinzip ja — aber zunächst zu Kemmerich selbst. Er fordert die dauerhafte Abschaffung der CO2-Steuer und zitiert dazu Timo Wollmershäuser vom Ifo-Institut. Das Zitat ist korrekt wiedergegeben. Es belegt allerdings nicht das, was Kemmerich damit belegen möchte. Wollmershäuser sagt, dass hohe Energiepreise Kaufkraft abziehen und dem Staat unter dem Strich nichts bringen. Das ist ein Argument gegen die fiskalische Effizienz der CO2-Steuer — kein Argument dafür, dass ihre Abschaffung die Inflation senkt. Kemmerich verwechselt Ursache und Wirkung. Aber er bleibt immerhin im Bereich des wirtschaftspolitischen Arguments. Was dann folgt, ist eine andere Kategorie.
Im Prinzip ja — aber Kommentator eins antwortet auf Kemmerichs These mit dem Hinweis, man solle doch "die Konzerne in die Pflicht nehmen" und eine Übergewinnsteuer einführen, weil die Ölmultis gerade "den größten Reibach in der Geschichte" machten. Das ist keine Replik auf ein Argument zur CO2-Steuer. Das ist ein anderes Thema, verkleidet als Widerlegung. Zur Untermauerung wird noch schnell eine Koalition der Betroffenen aufgerufen — Rentner, Fußgänger, Radfahrer, ÖPNV-Nutzer — die mit der ursprünglichen Frage ebenfalls nichts zu tun hat, aber moralisch eindrucksvoll klingt. Radio Eriwan nennt das: Nebelwerfen mit Herzschmerz.
Im Prinzip ja — aber Kommentator zwei erklärt Kemmerich zum Rohrkrepierer, weil er FDP war, und erwähnt, dass eine Mitstreiterin früher bei der AfD war. Damit ist für ihn die inhaltliche Arbeit getan. Kein Wort zur CO2-Steuer. Kein Wort zur Inflation. Kein Wort zu Wollmershäuser. Herkunft ersetzt Argument. Das ist auf LinkedIn keine Ausnahme. Das ist Methode.
Im Prinzip ja — aber Kommentator drei fragt, ob man jemanden ernst nehmen könne, der "faktisch nur einen Tag Ministerpräsident war" und diesen Titel trotzdem im Profil führe. Das ist bemerkenswert, weil es gleich zwei Denkfehler in einem Satz vereint. Erstens: Die Amtsdauer eines Menschen bestimmt nicht die Qualität seines wirtschaftspolitischen Arguments. Ein falsches Argument bleibt falsch, wenn es ein Bundeskanzler macht. Ein richtiges Argument bleibt richtig, wenn es jemand macht, der einen Tag im Amt war. Zweitens: "Ministerpräsident a.D." ist ein korrekter Titel, den Kemmerich zu führen berechtigt ist — unabhängig davon, wie die Umstände seines Amtsendes zu bewerten sind. Aber auf LinkedIn zählt der Angriff auf den Titel mehr als die Auseinandersetzung mit der These.
Im Prinzip ja — aber das eigentliche Ergebnis dieses Threads ist folgendes: Der Mann mit dem handwerklich schwächsten Argument — Kemmerich — ist gleichzeitig der einzige, der überhaupt ein Argument macht. Die Kommentatoren, die ihn der Dummheit oder Unseriosität zeihen, liefern keines. Sie liefern Klassenfeind-Semantik, Herkunftsdenken und Titelpedanterie.
Radio Eriwan stellt fest: LinkedIn hat das Kunststück vollbracht, eine Plattform zu schaffen, auf der das Führen eines korrekten Titels als Diskreditierung gilt und das Wort "Reibach" als volkswirtschaftliche Analyse durchgeht. Das Profil kann man behalten. Die Kommentarfunktion wäre verzichtbar.
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