Die Neue Heimat lässt grüßen – oder: Wie die SPD ihre Fehler mit Nostalgie adelt
Es gibt Ideen, die sind so gut, dass man sie einfach zweimal machen muss. Vorzugsweise mit einem Abstand von etwa 40 Jahren, damit die Zeitzeugen des ersten Desasters entweder vergessen haben, was passiert ist, oder schlicht nicht mehr da sind, um laut zu protestieren.
Lars Klingbeil, Bundesfinanzminister, Vizekanzler und sichtlich bemüht, nach den mageren Scholz-Jahren so etwas wie sozialdemokratische Tatkraft auszustrahlen, hat eine Idee. Eine große. Eine kühne. Eine, bei der Immobilienökonom Tobias Just sofort fragt, warum der Staat dann eigentlich nicht auch erschwingliche Chemieproduktion oder erschwingliche Kommunikationstechnik organisieren sollte — eine Frage, die Klingbeil vermutlich nicht gestellt haben möchte, die aber jeder stellen sollte, der noch alle Tassen im Schrank hat.
Die Idee: eine **„Bundesgesellschaft für bezahlbaren Wohnraum"**. Der Bund als Mehrheitseigner, private Investoren dürfen mitmachen, und das Ganze soll laut Klingbeil explizit „keine Baufirma und keine Behörde" sein. Was es stattdessen sein soll, bleibt in dem dreiseitigen Konzeptpapier — drei Seiten, man beachte das intellektuelle Schwergewicht — angenehm nebulös.
Nun gut. Drei Seiten für eine Bundesgesellschaft. Das Grundgesetz hat 146 Artikel. Aber vielleicht ist Kürze ja eine Tugend, wenn man Dinge plant, die man lieber nicht zu detailliert aufschreiben möchte.
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## Ein kurzer Blick zurück — für alle, die Geschichtsunterricht schwänzten
Es war einmal — genauer gesagt in den frühen 1980er Jahren — eine Organisation namens **„Neue Heimat"**. Gegründet vom DGB, also den Gewerkschaften, also dem organisierten Arm der Sozialdemokratie, war sie zeitweise der größte nicht-staatliche Wohnungsbaukonzern Europas. Fast eine halbe Million Wohnungen. Ein Apparat, der Beschäftigten und Mietern gleichermaßen das Gefühl gab, dass hier jemand an ihrer Seite steht.
Das Ende kennen wir. Der *Spiegel* enthüllte 1982 in einer legendären Titelgeschichte, was hinter den Kulissen wirklich lief: Vetternwirtschaft, Selbstbedienung, Missmanagement von atemberaubendem Ausmaß. Luxusreisen auf Firmenkosten, dubiose Kredite, Immobiliengeschäfte zum Vorteil von Insidern. Der Konzern war faktisch pleite. Am Ende wurde er für die symbolische Summe von **einer D-Mark** an einen Hamburger Bäckermeister verscherbelt — und der gab ihn bald wieder zurück, weil selbst er merkte, dass er damit nichts anfangen konnte.
Die Neue Heimat war nicht einfach gescheitert. Sie war ein Monument der Hybris: die feste Überzeugung, dass gut gemeinte staatliche Kontrolle über den Wohnungsmarkt schon irgendwie gut ausgehen würde, wenn nur die Richtigen am Steuer sitzen.
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## Und jetzt?
Jetzt sitzt Lars Klingbeil am Steuer. Ein Mann, der erklärt, er wolle „keine Baufirma und keine Behörde" schaffen — was man auch so übersetzen könnte: Er weiß noch nicht genau, was er eigentlich will, möchte aber auf jeden Fall, dass es gut klingt.
Das Konzept sieht vor, dass die neue Gesellschaft Wohnungsbauprojekte entwickelt und deren Umsetzung „transparent im Markt ausschreibt". Die Baufirmen liefern dann die Wohnungen. Transparent. Im Markt. Man darf sich das vorstellen wie ein Staatsunternehmen, das Projekte plant, ausschreibt und koordiniert — ohne selbst zu bauen, ohne selbst Behörde zu sein, aber mit dem vollen politischen Einfluss des Bundes als Mehrheitseigner.
Was könnte da schiefgehen?
Fragen wir Radio Eriwan: Im Prinzip ja, aber...
Im Prinzip ja, aber Vergabeverfahren im öffentlichen Bereich sind in Deutschland so geschmeidig und schnell wie ein Güterwaggon ohne Schmierung auf einer Steigung. Im Prinzip ja, aber private Investoren, die sich an einer staatlich dominierten Gesellschaft beteiligen, tun das selten aus Idealismus. Im Prinzip ja, aber wer glaubt, dass Bundesgesellschaften frei von politischer Einflussnahme, Postengeschacher und strategischen Personalentscheidungen sind, der glaubt vermutlich auch, dass der ADAC ein neutraler Verkehrsclub ist.
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## Das eigentliche Problem
Das Problem ist nicht Klingbeil persönlich. Das Problem ist ein Denkmuster, das in Teilen der SPD so tief verwurzelt ist wie das Bekenntnis zu Willy Brandt: die Idee, dass der Staat, wenn er nur groß genug auftritt und laut genug „bezahlbar" sagt, Marktversagen wegorganisieren kann.
Der Wohnungsmangel in deutschen Städten ist real. Die Ursachen sind bekannt: zu wenig Bauland, zu viel Regulierung, zu lange Genehmigungsverfahren, zu hohe Baukosten — zu einem guten Teil verursacht durch eben jene staatlichen Vorschriften, die man mit gutem Willen einst eingeführt hat. Die Antwort darauf ist keine neue Bundesgesellschaft. Die Antwort wäre, die selbst geschaffenen Hindernisse abzubauen.
Aber das ist mühsam, bringt keine Schlagzeilen, und man kann dafür keinen Geschäftsführerposten vergeben.
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## Schorsch, mei Tropf'n
Es gibt ein altes fränkisches Prinzip, das man sinngemäß so übersetzen kann: Wenn das Dach undicht ist, sollte man das Dach reparieren — und nicht einen Eimer aufstellen und behaupten, das sei Wassermanagement.
Die Neue Heimat war der größte Eimer der deutschen Nachkriegsgeschichte. Er hat eine Menge Wasser gesammelt. Dann ist er umgekippt.
Klingbeils Bundesgesellschaft für bezahlbaren Wohnraum ist, Stand heute, ein dreiseitiges Konzeptpapier und eine Pressemitteilung. Es ist noch kein Eimer. Vielleicht wird es auch keiner.
Aber die Erinnerung an die Neue Heimat sollte uns allen Warnung genug sein: Wenn die SPD anfängt, Wohnraum zu organisieren, sollte man schon mal nachschauen, wo der nächste Bäckermeister wohnt.
Der könnte bald wieder gefragt sein.
Quelle
https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/wohnungsbau-klingbeils-baugesellschaft-weckt-erinnerungen-an-neue-heimat-02/100215815.html
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