Washington damals und heute — Scharlau, von Lojewski und das, was verloren gegangen ist
Wer sich alte Tagesschau-Ausgaben auf YouTube ansieht, stößt irgendwann auf einen Ton, der heute selten geworden ist. Sachlich, ruhig, ohne Selbstinszenierung. Zwei Namen fallen dabei auf: Winfried Scharlau und Wolf von Lojewski, beide für eine Weile Gesicht der ARD-Auslandsberichterstattung aus Washington.
Dabei ist zunächst eine Präzisierung angebracht: Die beiden waren nicht über Jahre hinweg gemeinsam Studioleiter. Von Lojewski leitete das ARD-Studio in Washington von 1987 bis 1992. [Reportagen Wiki](https://reportagen.fandom.com/de/wiki/Wolf_von_Lojewski) [WHO'S WHO](https://whoswho.de/bio/wolf-von-lojewski.html) Scharlau wurde 1991 ARD-Korrespondent und Studioleiter in Washington, wo er etwa ein Jahr lang mit von Lojewski zusammenarbeitete. [Wikipedia](https://de.wikipedia.org/wiki/Winfried_Scharlau_(Journalist)) Die Überschneidung dauerte also ungefähr ein Jahr, bevor von Lojewski im Frühjahr 1992 zum ZDF wechselte und dort das „heute-journal" übernahm. Die Wirkung, die beide hinterlassen haben, ist trotzdem real — und sie erklärt sich aus dem, was sie mitbrachten.
Was beide auszeichnete, war keine Karriere, die in Washington begann. Scharlau war vor seiner Zeit in den USA ARD-Asienkorrespondent in Hongkong und Singapur gewesen, hatte davor die Redaktion „Weltspiegel" geleitet sowie als Chefredakteur des NDR-Fernsehens gearbeitet. [Munzinger](https://www.munzinger.de/register/portrait/biographien/Winfried%20Scharlau/00/16241) Von Lojewski kannte Washington bereits aus seiner ersten Korrespondentenzeit von 1971 bis 1974, als er über den Vietnamkrieg und die Watergate-Affäre berichtete, hatte danach den Weltspiegel und die Tagesthemen moderiert und fünf Jahre das ARD-Studio London geführt [Reportagen Wiki](https://reportagen.fandom.com/de/wiki/Wolf_von_Lojewski) — bevor er als Mann mit dreißig Jahren Auslandserfahrung für seine zweite Washington-Periode zurückkehrte.
Das ist kein unwichtiges Detail. Wer in Washington sitzt, sitzt auf einer der dichtesten Nachrichtenlagen der Welt. Außenpolitik, Militär, Kongress, Weißes Haus — das alles gleichzeitig einzuordnen erfordert Substanz, nicht nur Sendezeit. Anfang der 1990er Jahre hatte Washington entsprechend viel zu bieten. Anlässlich des Golfkriegs warnte von Lojewski öffentlich vor einer Einschränkung der Unabhängigkeit der Berichterstattung [WHO'S WHO](https://whoswho.de/bio/wolf-von-lojewski.html) durch Militär-PR und gesteuerte Pressekonferenzen. Das ist eine Haltung, die heute kaum jemand noch so direkt formuliert — weil man die eigene Einordnung längst für die eigentliche journalistische Leistung hält.
Der Vergleich mit dem, was heute aus Washington kommt, drängt sich auf. Elmar Theveßen leitet seit 2019 das ZDF-Studio in Washington und ist in den letzten Jahren vor allem durch Vorfälle aufgefallen, die das Grundproblem des gegenwärtigen Auslandsjournalismus gut illustrieren. Theveßen räumte ausdrücklich ein, im Fernsehen zur besten Sendezeit eine Falschaussage über Charlie Kirk verbreitet zu haben, und sprach selbst davon, er habe „im Eifer des Gefechts" journalistisches Handwerk mit überbordender persönlicher Meinungseinordnung überlagert — er habe, in seinen eigenen Worten, „ein Label draufgeklebt". [Hoecker](https://www.hoecker.eu/blog/elmar-thevessen-raeumt-die-verbreitung-von-falschbehauptung-zu-charlie-kirk-ein-das-muss-weckruf-und-ansporn-fuer-einen-agendawechsel-im-oeffentlich-rechtlichen-rundfunk-sein/) Das ist immerhin ehrlich. Aber es beschreibt genau das, was bei Scharlau und von Lojewski strukturell nicht vorkam: dass der Korrespondent selbst zum Urteilssprecher wird, bevor die Fakten vollständig sind.
Das ist kein persönliches Versagen eines einzelnen Journalisten. Es ist ein Systemproblem. Der Washington-Korrespondent von heute soll nicht nur berichten, er soll einordnen, kommentieren, bewerten — und zwar in Echtzeit, auf Social Media, im Podcast, in der Liveschalte. Die Distanz, die Scharlau und von Lojewski als Selbstverständlichkeit praktizierten, ist strukturell kaum noch möglich. Das Tempo frisst sie.
Trotzdem bleibt die Frage erlaubt: Wäre von Lojewski heute mit einem Label unterwegs? Wohl kaum. Sein Stil wurde selbst zu seiner aktiven Zeit als unaufgeregt, leise und kundig beschrieben [Tagesspiegel](https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/wolf-vonlojewski-wird-80-mister-heute-journal/20013416.html) — Eigenschaften, die im heutigen Medienbetrieb eher als Schwäche denn als Stärke wahrgenommen würden.
Scharlau ist 2004 gestorben. Von Lojewski, Jahrgang 1937, lebt zurückgezogen in der Nähe von Wiesbaden. Beide können nicht mehr kommentieren, was aus ihrer Zunft geworden ist.
Man muss das nicht verklären. Auch damals gab es schlechten Journalismus. Aber wenn der Vergleich mit alten Tagesschau-Ausgaben heute so auffällt — wenn man beim Zuschauen das Gefühl hat, dass da jemand einfach berichtet, ohne sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen — dann sagt das weniger über die Vergangenheit aus als über die Gegenwart.
Washington war damals ein Ort für Korrespondenten. Heute ist es oft ein Bühnenraum für Kommentatoren. Der Unterschied ist nicht nur stilistisch. Er ist handwerklich.
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