re:publica — Das Klassentreffen der Selbsterleuchteten
Berlin lädt jedes Jahr zur größten Selbstbeweihräucherungsveranstaltung des deutschen Digitalbetriebs. Eintrittspreis: Haltung zeigen. Erkenntnisgewinn: fakultativ.
Es gibt Veranstaltungen, die existieren, um Probleme zu lösen. Die BAUMA zeigt Maschinen, die wirklich graben. Die IFA zeigt Geräte, die wirklich funktionieren könnten. Und dann gibt es die re:publica in Berlin — eine Veranstaltung, die seit Jahren konsequent demonstriert, dass man für sehr viel Geld sehr wenig sagen und dabei sehr laut klatschen kann.
Man könnte es so formulieren: Die re:publica ist die FIBO ohne Muskeln und die Fashion Week ohne Stil. Ein Ort, an dem nicht Ideen, sondern Selbstbilder ausgestellt werden. Wer hingeht, möchte nicht lernen. Wer hingeht, möchte gesehen werden. Am besten von Leuten, die genauso hingefahren sind, um gesehen zu werden.
Ein Kreiswichsverein mit Presseakkreditierung ist immer noch ein Kreiswichsverein.
Das Publikum ist gut beschreibbar. Es ist der Haufen linker Texter, Berater, Aktivisten und sogenannter Digitalexperten, die aussehen wie das Grauen aus der Mottenkiste der 68er — Palästinensertuch, Jutebeutel, Brille ohne Sehstärke — sich aber mit todernster Miene als progressiv verkaufen. Progressiv im Sinne von: weiter als du. Weiter wohin, das bleibt bewusst vage. Hauptsache voran.
Das Geschäftsmodell der re:publica ist so simpel wie effektiv: Man versammelt Menschen, die ohnehin einer Meinung sind, lässt sie diese Meinung gegenseitig bestätigen, verkauft das als Diskurs und hofft, dass irgendwo ein Politiker zuschaut und Respekt zeigt. Oder zumindest Angst hat. Angst wovor, genau, ist auch hier nicht ganz klar. Aber Angst soll er haben. Das ist das Ziel.
„Wir müssen reden." — Ja. Aber vielleicht mal mit jemandem, der anderer Meinung ist.
— Beobachtung, die auf der re:publica selbst nicht vorkommen wird
Das Programm folgt seit Jahren dem bewährten Muster: Panels über Hass im Netz, gehalten von Leuten, die selbst sehr hässlich im Netz sind, solange es gegen die Richtigen geht. Vorträge über Desinformation, bei denen der Begriff Desinformation ausschließlich für Informationen gilt, die dem Weltbild der Vortragenden widersprechen. Diskussionen über KI, Demokratie, Klimagerechtigkeit und digitale Souveränität — alles Themen, bei denen das Ergebnis bereits vor der Veranstaltung feststeht und nur noch akklamiert werden muss.
Was auf der re:publica nicht stattfindet: echter Widerspruch. Echter Widerspruch wäre unhöflich. Wäre toxisch. Wäre rechts. Der Applaus kommt verlässlich, weil alle im Saal schon wissen, was kommt, bevor es gesagt wird. Das nennt man dort Gemeinschaft. Anderswo nennt man es Echokammer. Aber Echokammer ist ein Wort, das nur auf andere angewendet wird.
Wer sich für das Gewissen der Digitalpolitik hält, sollte gelegentlich prüfen, ob er überhaupt noch mit jemandem redet, der das nicht tut.
Die Hauptleistung der re:publica besteht darin, den Teilnehmern das angenehme Gefühl zu geben, an etwas Wichtigem teilzunehmen. Das ist nicht nichts. Gefühle sind echte Dinge. Aber ein Gefühl ist kein Ergebnis, und eine Konferenz, die hauptsächlich Gefühle produziert, ist kein Kongress — sie ist Wellness für den politischen Selbstwert.
Berlin passt dazu. Berlin ist die Stadt, die seit Jahrzehnten arm, sexy und vor allem stolz auf sich selbst ist — ohne dass dieser Stolz durch messbare Leistung gedeckt sein muss. Die re:publica ist das Berliner Lebensgefühl in Konferenzformat gegossen: viel Lärm, wenig Substanz, und wer das sagt, hat einfach nicht verstanden, worum es geht.
Worum es geht, fragt man besser nicht. Die Antwort ist lang, komplex, intersektional und wird mit einem Blick begleitet, der signalisiert, dass man sehr enttäuscht ist.
Ich bin nicht enttäuscht. Ich war nie dabei. Das war eine bewusste Entscheidung.
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