Interflug Serie - Teil 2: Eiserner Vorhang, offener Himmel
## Die Expansionsphase der Interflug (1963-1975)
*Eine fünfteilige Serie über die Geschichte der Interflug - von den Anfängen bis zum Ende*
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### Die goldenen Jahre beginnen
Es ist ein kalter Februartag 1963. Auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld rollt eine silberne Iljuschin Il-18 zur Startbahn. An Bord: 75 Passagiere, Ziel Sofia. Was nach einer normalen Linienverbindung aussieht, ist in Wahrheit ein historischer Moment: Interflug startet in ihre Blütezeit. Die bescheidenen Anfänge sind vorbei - jetzt geht es um die große weite Welt.
### Neue Flügel für neue Träume
Nach der Namensänderung von "Deutsche Lufthansa der DDR" zu Interflug im Jahr 1963 war der Weg frei für eine beispiellose Expansion. Die DDR-Regierung hatte erkannt: Eine nationale Fluggesellschaft war mehr als nur Transport - sie war ein Symbol für Fortschritt, Modernität und internationale Anerkennung.
**Die neue Führung unter Hans Reichelt** (ab 1964) hatte ehrgeizige Pläne:
- Verdopplung der Flotte bis 1970
- Erschließung neuer Märkte im Westen
- Modernisierung der Technik
- Professionalisierung des Services
### Die Flotte wächst: Vom Propeller zum Düsenjet
Die technische Revolution bei Interflug begann 1963 mit der Einführung der **Iljuschin Il-18**. Diese viermotorige Turboprop-Maschine war ein Quantensprung:
**Iljuschin Il-18 "Moskwa"**
- 75-100 Passagiere (je nach Konfiguration)
- Reichweite: 3.700 km
- Geschwindigkeit: 650 km/h
- Erstmals Druckkabine für Komfort in großer Höhe
Doch der wahre Durchbruch kam 1965: die erste **Tupolew Tu-134**. Interflug war eine der ersten Airlines weltweit, die diesen sowjetischen Düsenjet einsetzte.
**Tupolew Tu-134 "Sachsen"**
- 72 Passagiere
- Reichweite: 1.900 km
- Geschwindigkeit: 850 km/h
- Moderne Avionik und westlicher Komfort
1967 folgte die Königin der Interflug-Flotte: die **Iljuschin Il-62**. Mit diesem Langstreckenjet konnte die DDR-Airline endlich auch entfernte Ziele anfliegen.
**Iljuschin Il-62 "DDR-SEA" bis "DDR-SEM"**
- 168 Passagiere
- Reichweite: 6.700 km
- Geschwindigkeit: 850-900 km/h
- Vier Triebwerke am Heck - unverwechselbare Silhouette
### Expansion nach Westen: Mut zur Lücke
Was heute selbstverständlich erscheint, war damals eine Sensation: Eine DDR-Airline flog in den Westen! Trotz Kaltem Krieg und politischer Spannungen gelang Interflug der Durchbruch.
**Meilensteine der West-Expansion:**
**1966: London-Heathrow** - Der erste Linienflug in den Westen
- Drei Flüge pro Woche mit Il-18
- Diplomatischer Coup für die DDR
- Westdeutsche Proteste blieben erfolglos
**1967: Paris-Orly** - Die Stadt der Lichter
- Täglich außer sonntags
- Beliebtes Ziel für DDR-Funktionäre
- Symbol für die Entspannungspolitik
**1970: Amsterdam-Schiphol** - Das liberale Holland
- Hub für Weiterverbindungen
- Wichtig für Geschäftsreisen
- Erste Kooperationen mit KLM
**1972: Zürich** - Das Tor zur Schweiz
- Neutrale Schweiz als Brückenkopf
- Hohe Nachfrage aus der DDR
- Profitable Route von Anfang an
### Konkurrenz im eigenen Land: Interflug vs. Lufthansa
Eine der faszinierendsten Geschichten dieser Zeit ist die direkte Konkurrenz zur westdeutschen Lufthansa. Beide Airlines kämpften um die Vorherrschaft im deutschen Luftraum und um internationale Anerkennung.
**Der Kampf um Berlin:**
- Lufthansa durfte nicht nach Berlin fliegen (Vier-Mächte-Status)
- Interflug nutzte diesen Vorteil geschickt aus
- Berlin-Schönefeld wurde zum Drehkreuz ausgebaut
- "Fliegen Sie mit der echten deutschen Airline" - Werbeslogan von Interflug
**Internationale Prestigeschlacht:**
- Beide Airlines warben um dieselben Destinationen
- Interflug oft günstiger, aber mit sowjetischer Technik
- Lufthansa mit westlichem Komfort, aber höheren Preisen
- Politische Dimensionen: Anerkennung der DDR stand auf dem Spiel
### Service mit sozialistischer Note
Interflug entwickelte in den 60er und 70er Jahren einen eigenen Stil. Der Service war eine Mischung aus sozialistischer Ideologie und internationalen Standards.
**Besonderheiten des Interflug-Service:**
**Die Stewardessen:**
- Strenge Auswahl: politische Zuverlässigkeit und Aussehen
- Uniform in DDR-typischem Design
- Mehrsprachig: Deutsch, Russisch, Englisch, Französisch
- Oft Botschafterinnen der DDR
**Das Bordprogramm:**
- DDR-Zeitschriften und Propaganda-Material
- Sowjetische Filme bei Langstreckenflügen
- Traditionelle deutsche Küche mit sozialistischem Touch
- Wodka und DDR-Sekt als Spezialitäten
**Die Uniformen:**
- Piloten in klassischem Dunkelblau
- Stewardessen in modernem Design der 60er/70er
- Bodenpersonal in charakteristischen Interflug-Farben
- Symbol für den Fortschritt der DDR
### Neue Destinationen, neue Märkte
Die Streckenkarte der Interflug wuchs rasant. Aus den wenigen Ostblock-Verbindungen der Anfänge wurde ein Netzwerk, das drei Kontinente umspannte.
**Europa (bis 1975):**
- **Ostblock:** Moskau, Leningrad, Kiew, Warschau, Prag, Budapest, Bukarest, Sofia
- **Westeuropa:** London, Paris, Amsterdam, Zürich, Stockholm, Kopenhagen, Helsinki
- **Südeuropa:** Rom (ab 1974), Athen (ab 1975)
**Afrika:**
- **Kairo** (1969) - Tor nach Afrika und in den Nahen Osten
- **Algier** (1973) - Verbindung zu befreundeten arabischen Staaten
**Asien:**
- **Delhi** (1970) - erste Langstrecke nach Asien
- **Bombay** (1974) - Indien als wichtiger Partner der Blockfreien
### Zahlen, die beeindrucken
Die Erfolgsgeschichte der Interflug lässt sich auch in Zahlen ablesen:
**1963:**
- 8 Flugzeuge
- 180.000 Passagiere
- 15 Destinationen
**1975:**
- 32 Flugzeuge
- 1.200.000 Passagiere
- 35 Destinationen
- 3.500 Mitarbeiter
**Besondere Rekorde:**
- **1971:** Erste Million Passagiere erreicht
- **1973:** Längste Route: Berlin-Delhi (5.600 km)
- **1974:** Höchste Auslastung: 78%
- **1975:** Umsatz: 250 Millionen Mark der DDR
### Technik-Revolution hinter dem Eisernen Vorhang
Was viele nicht wussten: Interflug war technisch oft ihrer Zeit voraus. Die sowjetischen Flugzeuge galten als veraltet, doch die DDR-Ingenieure entwickelten innovative Lösungen.
**Technische Innovationen:**
- **Navigationssysteme:** Eigene Entwicklungen für präzise Navigation
- **Kommunikation:** Moderne Funkausstattung trotz Embargos
- **Wartung:** Hochmoderne Werkstätten in Berlin-Schönefeld
- **Ausbildung:** Pilotenschule mit internationalem Ruf
**Die Werkstätten von Schönefeld** wurden zum Geheimtipp:
- Wartung für andere sozialistische Airlines
- Modifikationen sowjetischer Flugzeuge
- Entwicklung eigener Systeme
- Export von Know-how
### Schatten der Erfolgsgeschichte
Nicht alles war Gold, was glänzte. Die politischen Zwänge der DDR warfen auch Schatten auf den Erfolg der Interflug.
**Politische Einschränkungen:**
- Crew-Mitglieder mussten politisch zuverlässig sein
- Westliche Technologie nur schwer zugänglich
- Devisenmangel limitierte Investitionen
- Routen mussten politisch genehmigt werden
**Sicherheitsbedenken:**
- Strenge Kontrollen der Besatzungen
- Angst vor Republikflucht der Crews
- Überwachung durch Staatssicherheit
- Eingeschränkte Bewegungsfreiheit im Westen
### Ausblick: Die Welt ruft
1975 stand Interflug auf dem Höhepunkt ihrer ersten Expansionsphase. Mit einer modernen Flotte, einem wachsenden Streckennetz und über einer Million Passagiere pro Jahr hatte sich die DDR-Airline international etabliert. Doch das war erst der Anfang.
Die wahren Abenteuer warteten noch: Flüge nach Kuba, Vietnam und Afrika. Geheimmissionen, diplomatische Flüge und die Erschließung von Destinationen, von denen andere Airlines nur träumen konnten.
### Ausblick auf Teil 3
Im nächsten Teil unserer Serie tauchen wir ein in die vielleicht aufregendste Periode der Interflug-Geschichte: Die Zeit der exotischen Destinationen und politischen Missionen. Erfahren Sie, wie eine DDR-Airline zur Brücke zwischen den Kontinenten wurde und warum Interflug-Piloten die Welt auf eine Art bereisten, die einmalig war.
**Bleiben Sie dabei für Teil 3:** "Brücken über Kontinente - Die exotischen Destinationen"
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*Dies ist Teil 2 der fünfteiligen Serie über die Geschichte der Interflug. Waren Sie selbst Passagier der frühen Interflug-Flüge? Haben Sie Erinnerungen an die Konkurrenz zwischen Ost und West in der Luft? Teilen Sie Ihre Erlebnisse in den Kommentaren!*
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