Wenn ein Baum die Antwort gibt, die der Netzbetreiber schuldet
Ein Mittwochnachmittag in Cadolzburg, 13. Mai 2026. Ein Baum fällt auf eine Mittelspannungsleitung in Steinbach. Teile des Marktes haben keinen Strom. Schaden behoben, Meldung kurz, alles gut — so liest sich das in der Nürnberger Nachrichten. Kurz, knapp, fertig. Weiterschalten.
Ich nicht.
Denn mich interessiert nicht der Baum. Mich interessiert die Frage dahinter: Wie konnte der Baum überhaupt so nah an die Leitung kommen, dass er drauffallen konnte?
Was sagt die Theorie?
Schauen wir mal, was eigentlich Vorschrift ist. Laut TenneT — einem der großen deutschen Übertragungsnetzbetreiber — erfolgt die Inspektion von Hoch- und Höchstspannungsfreileitungen durch Begehung und Befliegung in einem Zyklus von zwei Jahren. Zwei Jahren. Das klingt nach einem soliden Rhythmus. Per Helikopter, mit LIDAR, Thermalkameras, Korona-Kameras — die Technik ist da, sie ist beeindruckend und sie existiert.
Aber — und das ist das große Aber — wir reden hier von Mittelspannung. Von der Ebene unterhalb der großen Übertragungsnetze. Von den Leitungen, die direkt durch unsere Ortslagen, Felder und Wälder laufen. Und da wird es interessant, weil: einheitliche gesetzliche Vorgaben für Inspektionsintervalle im Verteilnetz gibt es in Deutschland nicht in dieser Klarheit. Die Netzbetreiber regeln das selbst, nach eigenem Ermessen, nach eigener Risikoabwägung.
Freigeschnitten? Wann zuletzt?
Es gibt für Freileitungstrassen sogenannte Schutzstreifen. Innerhalb dieser Streifen gilt eine Freihaltepflicht von Bewuchs. Das ist klar geregelt, das steht in allen Netzbetreiberunterlagen schwarz auf weiß. Langfristige Trassenpflegevereinbarungen mit Forstunternehmen werden empfohlen. Die Kontrollverantwortung bleibt beim Betreiber.
Die Frage ist: Wie wird diese Pflicht in der Praxis gelebt?
Ich behaupte: In vielen Bereichen des Mittelspannungsnetzes wird die Trassenbegehung auf das Minimum reduziert, das irgendwie noch vertretbar erscheint. Warum? Weil Personal teuer ist. Weil Strecken lang sind. Weil der Druck, die Netzentgelte nicht explodieren zu lassen, real ist. Weil ein Baum, der noch steht, kein Problem ist — bis er fällt.
Das ist die klassische Ausfallstrategie statt der Inspektionsstrategie. Man wartet, bis etwas passiert, und reagiert dann. Reaktiv statt präventiv.
Cadolzburg ist kein Einzelfall
Jeder, der sich ein bisschen in der Region auskennt, weiß: Stromausfälle durch umgefallene Bäume auf Leitungen sind kein seltenes Ereignis. Sie passieren nach jedem etwas stärkeren Sturm. Sie passieren, wenn alte Bäume im Schutzstreifen langsam morsch werden und niemand es bemerkt hat. Sie passieren, weil Bäume wachsen — und zwar schneller als Inspektionszyklen.
Ich will dem Netzbetreiber keine böse Absicht unterstellen. Ich unterstelle Systemversagen. Das ist etwas anderes, aber nicht weniger ernst.
Die eigentliche Frage
Also nochmal, direkt: Wie oft werden Freileitungstrassen im Mittelspannungsnetz tatsächlich begangen? Nicht per Helikopter — zu Fuß, mit Augen, mit einem Menschen, der sich die konkrete Situation vor Ort ansieht? Und wann wurde die Trasse in Steinbach zuletzt auf Bewuchs im Schutzstreifen überprüft?
Diese Fragen sollte eigentlich die Presse stellen.
Die Antwort auf diese Fragen wäre interessanter als die Meldung selbst. Aber sie ist unbequemer zu recherchieren. Und sie bringt Widerspruch von Netzbetreibern, die ungern über ihre Instandhaltungsrhythmen sprechen.
Stattdessen lesen wir: Schaden behoben.
Ja. Bis zum nächsten Baum.
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