De-Mail ist tot. Überraschung. Und die anderen auch
Es gibt Momente, in denen man nicht weiß, ob man lachen oder einfach zur Tagesordnung übergehen soll. Der Bundestag hat vergangene Woche das Ende von De-Mail beschlossen. Nach 15 Jahren, hohen Betriebskosten und aufwändigen Prüfverfahren. Das Ende kommt zum 31. Dezember 2026. Falls der Bundesrat zustimmt — und es gibt keinen erkennbaren Grund, warum er es nicht täte.
Das ist keine Neuigkeit. Das ist die Bestattung eines Patienten, der seit Jahren tot ist.
Aber De-Mail steht nicht allein. Es ist Teil einer Reihe. Und die Reihe hat eine Struktur, die man kennen sollte.
Das Muster
Die Grundannahme lautet jedes Mal: Wenn Deutschland — oder Europa — es selbst baut, wird es besser, sicherer, souveräner. Unabhängiger von den Amerikanern. Der Subtext ist nationaler Stolz verkleidet als Technologiepolitik. Das Ergebnis ist meistens dasselbe.
Fall 1: Paydirekt / Giropay (2015–2024)
PayPal startete im Jahr 2000. Es dauerte stolze 16 Jahre, bis die deutsche Kreditwirtschaft eine Antwort darauf entwickelt hatte. Im Herbst 2015 gingen die Banken und Sparkassen mit Paydirekt an den Start — zu einem Zeitpunkt, als PayPal in Deutschland bereits auf 20 Millionen Nutzer zusteuerte.
Das klassische Henne-Ei-Problem folgte prompt: Die Shops schlossen sich nur an, wenn viele Kunden da waren. Die Kunden wollten den Dienst aber nur nutzen, wenn viele Shops angeschlossen waren. Erschwerend kam hinzu, dass Paydirekt ausschließlich in Deutschland funktionierte, während PayPal weltweit verfügbar war.
2021 bündelte die Deutsche Kreditwirtschaft die Kräfte und führte die Dienste Paydirekt, Giropay und Kwitt unter der Marke Giropay zusammen. Das half nicht. In einem Ranking zur Markenbekanntheit von digitalen Bezahldiensten landete Giropay 2023 auf Platz 5 — hinter PayPal, Klarna, Payback und Amazon Pay. Bei den Marktanteilen nach Umsatz erreichte Giropay gerade einmal 0,4 Prozent.
Ende 2024 war Schluss. Die paydirekt GmbH stellte den Betrieb ein. Investiert hatte man, laut verschiedenen Berichten, einen dreistelligen Millionenbetrag.
Fall 2: De-Mail (2011–2026)
De-Mail startete 2011 als sichere und rechtlich verbindliche Alternative zur herkömmlichen E-Mail — gedacht für den Kontakt mit Behörden, mit Nachweiswirkung. Die Idee war nicht grundsätzlich falsch. Die Ausführung war es.
Der Bundesrechnungshof hatte 2021 nachgerechnet: Das Innenministerium versprach Einsparungen von rund 3,5 Millionen Euro durch reduzierte Portokosten — tatsächlich waren es gerade einmal 3.500 Euro. Tausend zu eins. Das ist kein Ausreißer. Das ist repräsentativ.
De-Mail war 2023 faktisch gestorben, als der letzte Provider den Betrieb einstellte. Was jetzt passiert, ist die juristische Nachlassregelung. Telekom-Chef Höttges hatte das Projekt frühzeitig als „toten Gaul“ bezeichnet. Das war nicht unhöflich. Das war präzise.
Fall 3: Gaia-X (2019–laufend, de facto gescheitert)
Gaia-X wurde im Oktober 2019 unter dem damaligen Wirtschaftsminister Peter Altmaier ins Leben gerufen — mit dem Ziel, eine Dateninfrastruktur für Europa aufzubauen, die sich durch Leistungsfähigkeit, Sicherheit und Souveränität auszeichnen sollte. Der „Airbus der Cloud“ war die Formel. Man erinnert sich.
Bereits im Frühjahr 2021 kamen erste Zweifel auf, weil viele Unternehmen und selbst deutsche Behörden lieber auf etablierte Cloudanbieter setzten. Im November 2021 trat das französische Gründungsmitglied Scaleway aus — ausgerechnet beim Gaia-X-Gipfel in Mailand, mit dem Hinweis auf zu viel Bürokratie und inhaltliche Leere.
Im Februar 2025 zog dann Nextcloud-Chef Frank Karlitschek die Bilanz: „Gaia-X ist tot. Es bleibt schlicht nicht viel mehr von dem Projekt.“ Vom ursprünglichen Ziel, eine europäische Cloudalternative zu den amerikanischen Hyperscalern aufzubauen, sei nicht mehr die Rede. Gaia-X sei von einem Marktplatz und einer Plattform für Referenzimplementierungen zu einer Sammlung von Datenspezifikationen geworden. „Diese interessieren aber niemanden mehr.“
Ein Mitgrund für den Verfall: Unternehmen wie Alibaba, Huawei und der US-Überwachungssoftware-Spezialist Palantir waren von Anfang an mit dabei. Die souveräne europäische Cloud, gebaut mit den Firmen, vor denen man souverän sein wollte. Das ist keine Pointe. Das ist Realität.
Fall 4: Wero (2024–laufend, Richtung offen)
Nach Giropay braucht man eine neue Hoffnung. Die heißt jetzt Wero — ein europäisches Zahlungssystem der European Payments Initiative. Vier Monate nach Markteinführung im Sommer 2024 hatten fast drei von vier Befragten noch nie von Wero gehört. Nur zwei Prozent hatten den Dienst schon genutzt.
Das ist kein Beweis für das Scheitern. Es ist ein Frühindikator, den man kennt.
Die Struktur des Scheiterns
Die Projekte sind unterschiedlich. Das Muster ist es nicht.
Erstens: Sie starten immer zu spät. Der Markt ist zu dem Zeitpunkt bereits entschieden, wenn der deutsche oder europäische Gegenentwurf fertig ist.
Zweitens: Sie sind zu kompliziert für den Nutzer und zu bürokratisch für die Anbieter.
Drittens: Der politische Wille hält nie bis zur Marktreife. Robert Habeck, Altmaiers Nachfolger im Wirtschaftsministerium, verfolgte andere Projekte. So geht das immer.
Viertens: Die Nachfolger werden sofort angekündigt. Ob die angekündigte DeutschlandID als Nachfolger von BundID hält, was De-Mail versprach, wird sich zeigen müssen. Die Latte liegt niedrig.
Ich weiß nicht, wie lächerlich ich das finden soll. Ich neige dazu: sehr. Aber es ist eine Lächerlichkeit, die echtes Geld kostet und echte Jahre verschwendet. Insofern hält sich die Heiterkeit in Grenzen.
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