Der Bus fährt schon mal vor — aber noch nicht allein
Es gibt Schlagzeilen, die größer klingen als das, was dahinter steckt. „Der Busverkehr der Zukunft braucht keine Fahrer“ ist so eine. Die Welt hat sie diese Woche gesetzt, und der Artikel darunter ist gar nicht schlecht — aber die Überschrift verspricht mehr als der Text hält.
Also schauen wir mal genauer hin.
Was wirklich geplant ist
Im Rhein-Erft-Kreis plant die Verkehrsgesellschaft REVG ab 2029 bis zu 100 autonom fahrende Kleinbusse einzusetzen. Klingt konkret. Ist es auch — aber mit Einschränkungen, die man kennen sollte: Zwei Jahre lang fahren die Fahrzeuge zunächst mit einem Sicherheitsfahrer an Bord. Das System lernt dabei die Strecken, das Wetter, die Eigenheiten des Verkehrs. Erst danach, also frühestens 2031, könnte echter Betrieb ohne Fahrer stattfinden. Und selbst dann sitzt in einer Zentrale Personal, das die gesamte Flotte überwacht — und per Fernkommando eingreift, wenn ein Trecker die Spur blockiert und der Bus sich brav an die durchgezogene Linie hält.
Das ist kein Kritikpunkt. Das ist vernünftig. Aber es ist eben auch nicht das Ende des Busfahrers nächsten Dienstag.
Ich hab das schon mal gesehen — in Cadolzburg
Ich war dabei, als in Cadolzburg ein autonomer Bus durch die Gegend gefahren ist. Mein Eindruck war überschaubar. Nicht weil die Technik prinzipiell falsch wäre, sondern weil das, was dort zu sehen war, mit realem Betrieb wenig zu tun hatte. Die Strecke war gesperrt. Der Bus fuhr also nicht im Verkehr — er fuhr neben dem Verkehr, geschützt vor ihm. Das ist ungefähr so, als würde man einen Schwimmer ins Becken lassen und dann behaupten, er könne den Ärmelkanal überqueren.
Solche Schaufensterprojekte haben ihre Berechtigung — sie zeigen, was möglich ist, unter kontrollierten Bedingungen. Aber sie zeigen eben nicht, was im Alltag funktioniert. Und bis das tatsächlich funktioniert, wird noch einiges Wasser die Bibert runterfließen.
Warum der Schritt trotzdem Sinn ergibt
REVG-Geschäftsführer Walter Reinarz nennt die eigentlichen Gründe offen: 25 Prozent der Mitarbeiter scheiden in den nächsten Jahren aus. Dazu kommt das klassische Problem des ländlichen Nahverkehrs — man kann nicht zu jeder Tageszeit für zwei Fahrgäste einen regulären Bus schicken. Der Fahrer verursacht mehr als die Hälfte der Betriebskosten. Das sind die echten Treiber dieser Entwicklung, keine Technikbegeisterung um ihrer selbst willen.
Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt sieht es ähnlich und empfiehlt in einer aktuellen Studie sogar autonome Schienenfahrzeuge auf stillgelegten Strecken. Der ländliche Raum ist der eigentliche Zielbereich — nicht die Innenstadt, nicht der Hauptbahnhof.
Was die eigentlichen Bremsen sind
Und hier wird es interessant, weil der Welt-Artikel an dieser Stelle kurz und ehrlich wird: Autonome Busse brauchen ein stabiles 5G-Netz. Das gibt es längst nicht überall — und selbst dort, wo das Smartphone „5G“ anzeigt, kann die Verbindungsqualität unzureichend sein. Dazu kommt der Strombedarf: Die Bordrechnersysteme haben einen erheblichen Eigenverbrauch, der Betriebshof braucht einen neuen Netzanschluss — und das Netz ist heute schon überlastet.
Man beachte: Das sind keine Probleme der Fahrzeugtechnik. Das sind Infrastrukturprobleme. Und wer in der Branche arbeitet, weiß, dass Infrastrukturprobleme in Deutschland selten schnell gelöst werden.
Was Experten sagen — und was sie meinen
Professor Torsten Bertram von der TU Dortmund nennt einen Zeitraum von rund zehn Jahren für einen breiten Regelbetrieb in NRW. Sein Kollege vom DLR, Professor Gernot Liedtke, formuliert die eigentliche Warnung: Das Thema ist bei den Aufgabenträgern — also den Städten und Kreisen — kaum präsent, obwohl man jetzt planen und ausschreiben müsste, wenn man in zehn Jahren fahren will.
Und dann fällt ein Satz, den ich bemerkenswert finde: Deutschland wartet derzeit lieber ab und kauft dann fertige Systeme aus den USA oder anderen Märkten. Das sei die Logik der Digitalwirtschaft. Stimmt — und es ist dieselbe Logik, die wir bei Smartphones, Cloud-Infrastruktur und sozialen Netzwerken schon kennen. Erst ignorieren, dann einkaufen, dann klagen, dass man keine Souveränität mehr hat.
Mein Eindruck
Der autonome Bus wird kommen. Nicht übermorgen, aber er wird kommen — und zwar dort zuerst, wo er wirklich gebraucht wird: auf dem Land, auf klar definierten Strecken, in Regionen, die heute de facto keinen funktionierenden ÖPNV mehr haben.
Die Technik ist nicht das Hauptproblem. Das Netz ist ein Problem. Der Strom ist ein Problem. Und die Planungsbereitschaft der Kommunen ist ein Problem.
Der Busfahrer verschwindet nicht nächstes Jahr. Aber wer heute in einer Verkehrsgesellschaft arbeitet und glaubt, das geht ihn noch zehn Jahre nichts an — der sollte den Welt-Artikel vielleicht doch noch einmal lesen.
Quelle: Stefan Laurin, Die Welt, Mai 2026 — „Der Busverkehr der Zukunft braucht keine Fahrer“
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