Campi Flegrei: Der Supervulkan zählt die Jahre Ein neues Preprint liefert einen Zeitrahmen für einen „Regimewechsel“ unter Neapel. Was bedeutet das — und wie gefährlich ist es wirklich?
Wer sich regelmäßig mit Vulkanologie beschäftigt, hat eine gewisse Toleranz gegenüber Schlagzeilen entwickelt, die den unmittelbar bevorstehenden Untergang Neapels verkünden. Die Phlegräischen Felder — auf Italienisch Campi Flegrei, auf Latein so viel wie "brennende Felder" — sind ein dankbares Objekt für Katastrophenjournalismus. Der größte aktive Supervulkan Europas liegt unter einer Metropolregion mit mehr als einer Million Einwohnern. Das gibt sich als Thema quasi von selbst.
Ein aktuelles Preprint von Davide Zaccagnino und Kollegen, erschienen auf arXiv im Mai 2026, verdient allerdings mehr als den üblichen reflexhaften Abgesang. Die Forschenden vom Nationalen Vulkanologischen Institut in Rom und der Southern University of Science and Technology in Shenzhen haben nicht einfach neue Messdaten präsentiert. Sie haben eine mathematische Kategorisierung des Aktivitätsmusters vorgenommen — und kommen zu einem Ergebnis, das nachdenklich macht.
Was die Daten sagen
Seit 2005 steigt die Aktivität der Campi Flegrei kontinuierlich und ohne die früheren Unterbrechungen. Der Untergrund hat sich seither um mehr als 1,60 Meter angehoben. Flache Beben nehmen zu. Der Ausstotz vulkanischer Gase steigt, ebenso die Temperaturen im Untergrund. Das ist bekannt — die Frage war bisher immer: exponentiell oder etwas anderes?
Zaccagnino und sein Team haben nun argumentiert, dass die Aktivität nicht einem einfachen exponentiellen Wachstum folgt, sondern einer sogenannten Singularität endlicher Zeit (Finite-Time-Singularity, FTS). Der Unterschied ist entscheidend: Bei einer einfachen Exponentialfunktion wächst die Aktivität mit konstanter Rate. Bei einer FTS beschleunigt auch die Wachstumsrate selbst — positive Rückkopplungen treiben den Prozess an, bis er innerhalb einer messbaren Zeitspanne an einem fundamentalen Umkipppunkt ankommt.
Die physikalische Erklärung, die die Forschenden anbieten, ist plausibel: Die Erdkruste wird durch den Druck aufsteigender magmatischer Fluide zunehmend gedehnt und chemisch geschwächt. Je mehr sie geschwächt wird, desto sensibler reagiert sie auf weitere Belastungen. Das System „merkt“ sich vergangene Deformationen. Jede neue Episode beeinträchtigt die mechanische Integrität der Kruste weiter — ein klassischer sich selbst verstärkender Prozess.
2033 bis 2035: Was der Zeitrahmen bedeutet
Die Autoren berechnen, dass der Regimewechsel wahrscheinlich zwischen 2033 und 2035 eintreten wird. Zu diesem Zeitpunkt könnte sich die Erdoberfläche über den Phlegräischen Feldern um mehr als vier Meter angehoben haben. Das klingt dramatisch — und zumindest die Zahlen sind es auch.
Allerdings: Was genau beim Regimewechsel passiert, lassen die Forschenden bewusst offen. Möglich ist eine kleinere, lokale Eruption in einem Teilbereich des Gebiets, durch die sich Spannungen abrupt entladen. Ebenso möglich ist ein Nachgeben und Brechen der Kruste, das keine ausgewöhnliche Eruption auslöst. Oder ein weitgehend folgenloser Rückgang der Aktivität. Die Autoren explizieren klar: Das System befinde sich nicht in einer Phase des systemweiten Kollaps. Die Schäden in der Kruste und die Beben seien lokal begrenzt, und es fehlten die typischen Vorläufersignale einer großen Eruption.
Das ist keine Entwarnung. Aber es ist eine wichtige Differenzierung — die in der Schlagzeilenberichterstattung naturgemäß verloren geht.
Einordnung: Was ein Preprint wert ist
Das Dokument ist ein Preprint — noch nicht peer-reviewt, noch nicht in einem Fachjournal veröffentlicht. Das bedeutet nicht, dass es wertlos ist. Es bedeutet, dass die Ergebnisse noch durch unabhängige Fachkollegen bewertet werden müssen. Die angewandte Methodik — die Unterscheidung zwischen einfachem exponentiellen Wachstum und einer FTS anhand geophysikalischer Zeitreihen — ist methodisch anspruchsvoll und wird sich im Peer-Review-Prozess bewähren müssen.
Zudem gilt: Selbst wenn die mathematische Beschreibung zutreffend ist, bleibt die Frage, ob die geologischen Systeme, die sie beschreibt, tatsächlich so verhalten werden, wie das Modell es voraussagt. Vulkane sind komplexe, nichtlineare Systeme. Vorhersagen auf Dekaden-Maßstab sind für die Praxis der Katastrophenschutzplanung nützlich — für exakte Terminprognosen taugen sie nicht.
Ein Blick nach Hause: Der Eger-Graben und das, was kommt
Wer die Campi Flegrei betrachtet, dem drängt sich — zumindest als jémand, der in der Nähe des Egerbeckens aufgewachsen ist — unweigerlich ein Vergleich auf. Der Eger-Graben in Böhmen, keine 150 Kilometer von Nürnberg entfernt, ist geologisch aktiv. Die Schwarmbeben des Vogtlands und des Egerbeckens sind seit Jahrzehnten dokumentiert. 1985 waren sie in Nürnberg deutlich zu spüren — jenes Erlebnis, das mein persönliches Interesse an Geologie überhaupt erst ausgelöst hat.
Der Eger-Graben ist kein schlafender Riese im Sinne der Campi Flegrei. Die Dimensionen sind andere, die Zeitskalen andere. Aber die Grundmechanik — aufsteigende Fluide, Krustendeformation, seismische Beschleunigung — ist verwandt. Das ELISE-Forschungsprojekt untersucht genau diese Prozesse im Eger-Graben mit modernen geophysikalischen Methoden. Die Erkenntnisse aus Neapel sind für dieses Forschungsfeld nicht irrelevant.
Und es gilt eine persönliche Überzeugung, die ich hier nicht verberge: Dass der Eger-Graben — auf geologischen Zeitskalen — irgendwann wieder vulkanisch aktiv werden wird, ist keine Spekulation, sondern eine geologische Zwangsläufigkeit. Wann genau, das wird keine Mathematik dieser Welt vorhersagen können. Aber die Richtung ist klar.
Was bleibt
Die Studie von Zaccagnino und Kollegen ist ein seriöser Beitrag zur Vulkanforschung. Sie liefert einen methodischen Rahmen, der über die reine Datenbeschreibung hinausgeht und eine kausale Interpretation anbietet. Der Zeitrahmen 2033–2035 ist eine wissenschaftliche Schätzung mit klaren Unsicherheiten — kein Datum im Kalender, das man rot einkreisen sollte.
Was die Studie mit Sicherheit begründet: Die Empfehlung der Autoren für eine engmaschige, kontinuierlich aktualisierte Überwachung ist berechtigt. Eine Million Menschen leben im Einzugsbereich der Campi Flegrei. Das allein rechtfertigt maximale wissenschaftliche Aufmerksamkeit — unabhängig davon, ob der Regimewechsel eine Eruption bedeutet oder nicht.
Die Erde erinnert uns gelegentlich daran, dass sie ihre eigenen Pläne hat. Wir dürfen zuschauen und messen. Mehr nicht.
Quelle: Davide Zaccagnino et al., Preprint arXiv 2026, doi: 10.48550/arXiv.2604.25204. Berichterstattung: Nadja Podbregar, wissenschaft.de, 22. Mai 2026.
Tags: Campi Flegrei, Vulkanologie, Phlegräische Felder, Eger-Graben, Geologie, Neapel, Supervulkan
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