27 Jahre danach: Ein Tag, der mich mehr geprägt hat als ich damals ahnte


Am 3. Mai 1999 bin ich in die Hahnenkammkaserne in Heidenheim bei Gunzenhausen eingerückt. Wehrpflichtiger, Panzerbataillon, Mittelfranken. Ich war nicht gefragt worden, ob ich das wollte. Das war auch der Sinn der Sache.

Heute, 27 Jahre später, lohnt es sich, kurz innezuhalten. Nicht aus Nostalgie. Nostalgie ist eine Krankheit, die man mit ausreichend Realitätssinn in Schach halten kann. Sondern weil dieser Tag tatsächlich etwas in mir verändert hat — und weil ich glaube, dass wir als Gesellschaft gerade dabei sind, genau das zu verlernen, was mir dieser Eingriff in meine Persönlichkeitsrechte beigebracht hat.

Leopard 2, M113 und die Kunst, mit echten Arschlöchern klarzukommen

Zehn Monate. Das war die Grundwehrdienstzeit, die mir der Staat damals abverlangte. In dieser Zeit habe ich Leopard 2, M113, Keiler, Skorpion und Fuchs kennengelernt — Fahrzeuge, deren Komplexität man nicht aus Handbüchern begreift, sondern nur dann, wenn man bei Minusgraden im Freien an ihnen arbeitet und jemand neben einem steht, dem das herzlich egal ist.

Ich habe dort gelernt, mit Menschen klarzukommen, die ich mir nicht ausgesucht hatte. Das klingt trivial. Es ist es nicht. In einer Zeit, in der man seine digitale Blase sorgsam kuratieren kann und auf TikTok bei jedem Unbehagen einen Erfahrungsbericht mit Triggerwarnungen produziert, ist die schlichte Fähigkeit, mit jemandem zu funktionieren, den man für einen kompletten Idioten hält, eine unterschätzte Kernkompetenz.

Dazu kommt etwas, das ich noch schwerer vermitteln kann: die Erfahrung, dass schwierige Zeiten vorbei gehen. Das klingt banal. Aber wenn man es am eigenen Leib erlebt hat — wenn man weiß, dass auch ein langer, sinnloser, körperlich anstrengender Tag irgendwann endet — dann hat man eine Art Grundvertrauen, das sich nicht durch Motivationsvideos ersetzen lässt.

Das Subventionsproblem, das keiner so nennen wollte

Ich war und bin kein Fan der Wehrpflicht als Institution. Nicht weil mir Wehrdienst grundsätzlich fremd wäre — ich habe mich danach noch sechs Jahre als Reservist verpflichtet und das war meine eigene Entscheidung. Sondern weil die Wehrpflicht in ihrer deutschen Ausprägung ein Doppelleben führte, über das man ungern sprach.

Der Zivildienst funktionierte als staatlich organisiertes Billiglohnprogramm für den Pflegesektor und andere Bereiche des Gemeinwohls. Das war kein Nebeneffekt — das war Systemdesign. Wer dort arbeitete, wurde nach Tarif bezahlt, der unter dem lag, was der Markt hätte zahlen müssen. Notwendige Strukturreformen wurden auf Eis gelegt, weil das Problem jährlich mit einem frischen Jahrgang gelöst werden konnte.

2011 wurde die Wehrpflicht ausgesetzt. Das Pflaster wurde entfernt. Die Wunde war noch da, nur jetzt ohne Verband und erheblich älter. Was wir heute im Pflegebereich erleben, hat viele Ursachen — aber dieser strukturelle Aufschub gehört dazu.

Was aus der Kaserne geworden ist

Die Hahnenkammkaserne in Heidenheim bei Gunzenhausen existiert nicht mehr als Kaserne. Auf dem Gelände produziert heute die Firma Heizomat Heizanlagen und Zubehör. Pelletkessel, Hackschnitzelheizungen, Steuerungstechnik. Industrielle Wärmeerzeugung statt gepanzerter Fahrzeuge.

Das hat eine gewisse Logik. Wo einst Systeme standen, die im äußersten Fall Energie in anderer Form freisetzen sollten, werden jetzt Systeme gebaut, die Gebäude warm halten. Man kann das als Ironie lesen. Ich lese es lieber als sachlich korrekte Umnutzung einer Liegenschaft.

Ich drücke Heizomat aufrichtig die Daumen. Das Unternehmen produziert dort etwas Sinnvolles, schafft Arbeitsplätze in einer strukturschwachen Region und kümmert sich offenbar um das, was es tut. Das ist mehr, als man von vielen anderen Nachnutzungen ehemaliger Militärareale sagen kann.

27 Jahre

Ich bin nicht dankbar für die Wehrpflicht. Dankbarkeit wäre das falsche Wort für etwas, das mir nicht freigestellt war. Aber ich wäre unehrlich, wenn ich sagen würde, es hätte mich nichts gelehrt.

Es hat mich gelehrt, dass man Dinge tun kann, die man nicht möchte, ohne daran zugrunde zu gehen. Dass unangenehme Menschen keine Naturkatastrophe sind, sondern ein Umstand, mit dem man umzugehen lernt. Und dass Zeit vergeht — auch wenn sie sich nicht so anfühlt.

Das sind keine großen Weisheiten. Aber es sind Dinge, die man heute offenbar immer seltener irgendwo lernt.

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