Nvidia, Deutschland und das Gefühl, auf der falschen Seite der Geschichte zu stehen


Es gibt Momente, in denen eine einzelne Zahl ausreicht, um einem das Gefühl zu geben, man lebe in der falschen Zeitlinie. Mitte Mai 2026 war so ein Moment. Der kalifornische Chiphersteller Nvidia erreichte eine Marktkapitalisierung von 5,7 Billionen US-Dollar. Deutschlands Bruttoinlandsprodukt liegt bei 5,45 Billionen Dollar. Ein einzelnes Unternehmen, gegründet 1993 in Santa Clara, ist an der Börse mehr wert als alles, was 84 Millionen Deutsche in einem Jahr erwirtschaften.

Ich musste kurz an 1989 denken. Nicht weil der Vergleich historisch trägt – er tut es nicht –, sondern wegen des Gefühls. Dieses leise Bewusstsein, dass sich die Welt gerade in eine Richtung bewegt, und man selbst steht daneben und schaut zu. Die Ostdeutschen konnten damals nichts dafür. Das war Systemzwang. Was ist meine Entschuldigung?


Der Vergleich, der eigentlich kein Vergleich ist
Marktkapitalisierung und Bruttoinlandsprodukt sind zwei fundamental verschiedene Größen. Das eine ist der gegenwärtige Preis, den Marktteilnehmer für zukünftige Gewinne zu zahlen bereit sind. Das andere ist die Summe aller Waren und Dienstleistungen, die in einem Jahr tatsächlich produziert wurden. Man vergleicht damit Erwartung mit Realität, Spekulation mit Substanz.
Und trotzdem ist der Vergleich nicht sinnlos. Er macht sichtbar, wie extrem die Kapitalströme in eine einzige technologische Wette geflossen sind. Nvidia produziert Grafikprozessoren, die für das Training und den Betrieb von KI-Systemen unverzichtbar geworden sind. Die Nachfrage ist real. Die Gewinne sind real. Und das Wachstum der vergangenen zwei Jahre spottete jeder klassischen Bewertungslogik.

Für den Kontext: Nvidia, Alphabet, Apple, Microsoft und Amazon zusammen kommen auf eine Marktkapitalisierung von über 20 Billionen Dollar. Das übertrifft die fünf größten europäischen Volkswirtschaften in der Summe. Europa schaut zu.


Was Gerald Hörhan dazu sagen würde – und was er verschweigt

Ich investiere seit einigen Jahren an der Börse. Meine intellektuelle Grundlage dafür ist wesentlich geprägt durch Gerald Hörhan, den selbsternannten „Investment Punk“. Seine Kernthese ist so einfach wie unbequem: Die deutsche Mittelschicht vernichtet Vermögen systematisch durch Sparkonten, Lebensversicherungen und eine kulturell tief verwurzelte Angst vor Aktien. Wer nicht in produktives Kapital investiert, verliert real – durch Inflation, durch entgangene Renditen, durch die Unfähigkeit, am Wachstum anderer teilzuhaben.
Das ist im Prinzip richtig. Und Nvidia ist dafür das aktuelle Extrembeispiel.
Ich war investiert. Nicht mit dem Timing eines Hellsehers, nicht mit der Konsequenz eines Profis, aber ich war dabei. Was ich dabei gelernt habe, ist weniger glamourös als es klingt: Das Schwierige am Investieren ist nicht die Entscheidung zu kaufen. Das Schwierige ist, nicht zu verkaufen, wenn der Kurs zwischenzeitlich 30 Prozent einbricht und jeder Kommentator erklärt, warum der Absturz diesmal fundamental begründet ist. Hörhan nennt das Nervenstärke. In der Praxis ist es die Fähigkeit, kurzfristigen Lärm von langfristiger Substanz zu unterscheiden – und das ist eine Disziplin, keine Glückssache.
Aber hier ist die Stelle, an der Hörhan-Anhänger ehrlich sein müssen: Den Nvidia-Zug in voller Länge mitgefahren ist nur, wer bereits 2022 oder früher in KI-bezogene Werte investiert war und die Nerven hatte, durch die Volatilität hindurchzuhalten. Wer heute liest, dass Nvidia 5,7 Billionen Dollar wert ist, und jetzt einsteigen möchte, kauft nicht am Anfang einer Geschichte – er kauft möglicherweise kurz vor einem Kapitel, das schmerzhaft endet.
Das ist keine Warnung vor dem Investieren. Es ist eine Warnung vor der Verwechslung von Nachrichtenkonsum mit Anlageentscheidung. Wer erst dann kauft, wenn eine Zahl spektakulär genug ist, um in der Tageszeitung zu landen, ist strukturell zu spät. Der Markt preist Nachrichten ein, bevor sie Nachrichten werden.


Warum entsteht so etwas nicht in Europa
Die eigentlich interessante Frage ist nicht, ob man Nvidia-Aktien kaufen soll. Die Frage ist, warum Nvidia in Santa Clara entstanden ist und nicht in München, Stuttgart oder Dresden.
Die Antworten sind bekannt, aber sie werden selten zusammen betrachtet. Deutschland hat eine hervorragende Ingenieurausbildung, aber eine chronisch unterentwickelte Risikokapitalkultur. Wer in Deutschland eine Firma gründet und scheitert, gilt sozial als gescheitert – in den USA gilt er als erfahren. Die Regulierungsdichte, die für etablierte Industrien sinnvoll sein mag, erstickt junge Technologieunternehmen in einer frühen Phase, in der Geschwindigkeit über Überleben entscheidet.
Dazu kommt ein strukturelles Problem im Bildungssystem: Informatik als Pflichtfach ist in deutschen Schulen bis heute kein Selbstverständnis. Wer KI-Infrastruktur bauen will, braucht Mathematiker, Physiker und Programmierer in industrieller Stückzahl. Die werden anderswo ausgebildet, anderswo bezahlt, anderswo gehalten.
Das Ergebnis ist nicht Dummheit. Es ist eine politische und kulturelle Priorisierungsentscheidung, die über Jahrzehnte getroffen wurde. Und die Rechnung kommt jetzt.


Die Politik, die das Investieren verteufeld
Während Nvidia in zwei Jahren mehr Börsenwert aufgebaut hat als Deutschland in einem Jahrzehnt an BIP, haben Teile der deutschen Politik aktiv daran gearbeitet, die private Kapitalbildung zu erschweren – und das mit moralischer Überzeugung.
Die Linke ist in dieser Frage wenigstens konsequent. Aktionäre sind in ihrer Weltsicht Ausbeuter, Kapitalerträge sind unverdienter Reichtum, und wer Aktien kauft, beteiligt sich an einem System, das es zu überwinden gilt. Das ist eine in sich geschlossene Ideologie. Man kann sie ablehnen, aber sie ist ehrlich.
Die SPD hingegen betreibt seit Jahrzehnten ein intellektuell unredlicheres Spiel. Sie beklagt die mangelnde Altersvorsorge der Mittelschicht, die Rentеnlücke, die Abhängigkeit vom staatlichen Umlageverfahren – und blockierte gleichzeitig jahrelang jede ernsthafte Diskussion über eine kapitalgedeckte Komponente in der Altersvorsorge. Die Aktienrente, die in anderen europäischen Ländern längst Realität ist, wurde in Deutschland so lange mit dem Etikett „Zockerei“ versehen, bis das Wort selbst zur Abschreckung ausreichte. Dabei ist der Unterschied zwischen einem breit gestreuten ETF-Sparplan und „Zockerei“ ungefähr so groß wie der zwischen einem Sparkonto und einem Kasino – aber die Rhetorik hat funktioniert.
Das Ergebnis ist bekannt: Der durchschnittliche Deutsche hält sein Geld auf dem Tagesgeldkonto, zahlt Abgeltungssteuer auf die Erträge, die er trotzdem erwirtschaftet, und fragt sich im Rentenalter, warum er weniger hat als sein niederländischer Nachbar, dessen Pensionsfonds seit dreißig Jahren in globale Aktien investiert. Die Antwort steht nicht in der Rentenmitteilung. Sie steht in den Protokollen des Bundestages.
Transaktionssteuern auf Aktiengeschäfte, die Behandlung von Kapitalerträgen als moralisch minderwertigem Einkommen, die systematische Bevorzugung von Immobilien gegenüber Wertpapieren im steuerlichen Gefüge – das alles sind keine Zufälle. Es sind politische Entscheidungen, die eine bestimmte Klientel ansprechen und eine andere bestrafen.


Was bleibt

Ich bin kein Pessimist in dieser Frage – zumindest nicht vollständig. Deutschland hat Substanz, die sich in keiner Marktkapitalisierung abbildet: Mittelstandskompetenz, Fertigungstiefe, Infrastruktur. Das ist nicht nichts.
Aber Substanz ohne Zukunftsfähigkeit ist langsam werdendes Kapital. Und Kapital, das langsam wird, während anderswo Kapital exponentiell wächst, verliert relativ – auch wenn es absolut stabil bleibt.
Das Gefühl von 1989 ist also nicht ganz falsch, nur die Metapher stimmt nicht ganz. Damals gab es eine Mauer. Heute gibt es keine äußere Schranke. Die Schranken sind kulturell, politisch, bildungspolitisch. Sie sind selbst gebaut – und sie werden selbst geöffnet oder nicht.
Das ist der unbequemere Befund. Und er hat den Vorteil, dass er auch eine andere Schlussfolgerung zulässt als die Resignation: Wer die Mechanismen versteht, kann handeln. Individuell, mit dem eigenen Kapital, den eigenen Entscheidungen, der eigenen Konsequenz. Der Staat wird es nicht regeln. Das war 1989 auch so – nur damals in die andere Richtung.

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