KI im Lokaljournalismus: Besser spät als nie — oder besser nie?


Ute hat mich auf einen Beitrag von kress.de aufmerksam gemacht, der mich ehrlich gesagt nicht sonderlich überrascht, aber dennoch zum Nachdenken bringt. Der Verlag Nürnberger Presse — also der Laden hinter den Nürnberger Nachrichten — automatisiert seinen Lokaljournalismus mit KI. Das Ergebnis laut Eigenaussage: Vier Blattmacher sollen künftig das vollständige Printprogramm mit täglich 100 bis 150 Seiten produzieren. Früher beschäftigte man dafür bis zu 43 Mitarbeitende — ein Rückgang des personellen Aufwands um rund 90 Prozent. Stellvertretender Chefredakteur Armin Jelenik nennt das eine „Renaissance des Lokalen". Schöner Begriff. Mal sehen, ob er stimmt.

Konkret funktioniert das Ganze so: Über ein Upload-Tool können registrierte Autorinnen und Autoren — Vereinsschreiber, Organisationen oder freie Mitarbeitende — Texte und Bilder einstellen. Eine KI unterstützt bei der Textproduktion und weist per Faktencheck auf Unstimmigkeiten hin. Eine Layout-Engine platziert die Inhalte anschließend in den Lokalteilen. Im Lokalsport werden Amateurfußball-Ergebnisse und Tabellen vollautomatisch ins Redaktionssystem importiert.

Das klingt nach einem vernünftigen Ansatz — zumindest auf dem Papier.

Jetzt zu meiner ehrlichen Einschätzung.

Der Lokaljournalismus in unserer Region ist schon heute nicht das, was er mal sein sollte. Ich kritisiere das regelmäßig, zuletzt beim Thema Stromausfall und beim Beitrag zum Meister Areal: Da wird nicht mehr wirklich recherchiert, da wird abgeschrieben, zusammengefasst, weggelassen. Die Pressemitteilung der Stadt landet nahezu 1:1 im Blatt. Das ist kein Journalismus, das ist Durchlauferhitzer.

Wenn das der Status quo ist — und ich behaupte, er ist es — dann sehe ich im Grunde drei mögliche Entwicklungen.

Erstens: Nichts ändert sich. Die Verlage machen weiter wie bisher, sparen Personal, liefern weniger Qualität, verlieren Abonnenten. Das endet bekannt: langsam, aber sicher im Aus. Kein Drama, kein großer Knall — einfach ein schleichendes Sterben.

Zweitens: Die KI macht es tatsächlich besser. Das klingt nach einer steilen These, aber denkt mal nach: Wenn ein Vereinsschreiber seinen Bericht selbst hochlädt, die KI ihn redigiert und auf Fakten prüft, und das Layout automatisch gebaut wird — dann ist das zumindest so gut wie das, was aktuell viele festangestellte Redakteure noch liefern. Entgegen der ursprünglichen Annahme des Verlags funktionieren sublokale Inhalte sehr gut digital. Vielleicht findet man so tatsächlich wieder Leser, die man längst abgeschrieben hatte.

Drittens: Es wird mit KI nicht besser — oder sogar schlechter. Halluzinierende Texte, fehlerhafte Tabellen, Fakten die stimmen, aber keinen Zusammenhang ergeben. Dann stirbt die Zeitung halt schneller. Auch das wäre ein Ergebnis — ein lehrreiches.

Ich persönlich finde: Es ist den Versuch wert. Was haben die Verlage zu verlieren, das sie nicht ohnehin gerade verlieren? Der Verlag Nürnberger Presse befindet sich seit Längerem im umfassenden Umbau und will bis Ende 2027 rund 200 Stellen abbauen — bei insgesamt rund 790 Beschäftigten. Der Zug ist also sowieso in Bewegung. Die Frage ist nur, ob er irgendwo ankommt oder entgleist.

Man wird sehen, was dabei rauskommt.



Quelle: https://kress.de/news/beitrag/152839-vier-blattmacher-statt-43-nuernberger-presse-automatisiert-lokaljournalismus-mit-ki.html

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