Der ruhende Veteran und sein rastloser Bruder – Mount St. Helens und Bezymianny im Vergleich
*Zwei Vulkane, eine Handschrift, ein grundlegend verschiedener Tagesplan.*
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Irgendwo über Kamtschatka kreist gerade wieder eine Aschewolke. Das VAAC Tokio – das Volcanic Ash Advisory Center, das für den Luftraum über dem westlichen Pazifik zuständig ist – hat eine Warnung herausgegeben: Bezymianny. Schon wieder. Oder noch immer. Je nachdem, wie man die Dauerberieselung an eruptiven Aktivitäten auf der russischen Halbinsel zählen möchte.
Wer den Namen Bezymianny nicht kennt, dem sei gesagt: Auf Deutsch heißt der Vulkan schlicht „der Namenlose". Was bei seiner Entdeckung vermutlich nach einem harmlosen Platzhalter klang, hat sich als unbeabsichtigte Ironie erster Güte entpuppt. Denn dieser Namenlose ist heute einer der aktivsten Vulkane der Welt – und er hat einen berühmteren Bruder auf der anderen Seite des Pazifiks, der gerade den ruhigeren Teil des Duos gibt: den Mount St. Helens im US-Bundesstaat Washington.
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18. Mai 1980 – das Datum, das alles definiert
Man kommt nicht am Mount St. Helens vorbei, ohne den 18. Mai 1980 zu erwähnen. Es wäre, als würde man über den FC Bayern schreiben und die Meisterschale weglassen. An diesem Morgen kollabierte die Nordflanke des Berges, löste die größte Hangrutschung der aufgezeichneten Geschichte aus und schickte eine seitliche Explosionswolke mit einer Geschwindigkeit von mehreren hundert Kilometern pro Stunde in die Landschaft. 57 Menschen starben. Der Berg verlor rund 400 Meter seiner Gipfelhöhe und sieht seither aus wie ein Vulkan, der mitten im Satz aufgehört hat zu reden.
Was danach kam, war in gewisser Weise fast unspektakulärer: Lavadom-Wachstum, weitere Ausbrüche in den 1980ern, dann Ruhe, dann nochmals eine aktive Phase von 2004 bis 2008, die medial deutlich weniger Aufmerksamkeit bekam als der große Knall. Und seitdem? Stille. Relative, überwachte, wissenschaftlich sorgfältig beobachtete Stille.
Die USGS – United States Geological Survey – schaut dem St. Helens heute mit einem dichten Netz aus Seismometern, GPS-Stationen und Gasmonitoren beim Nichtstun zu. Das ist keine Ironie, sondern Vernunft: Ein Vulkan, der einmal gezeigt hat, was er kann, bekommt dauerhaft Beobachtung. Auch wenn er gerade schläft.
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Bezymianny: Der Bruder, der nie aufgehört hat
Auf der anderen Seite des Pazifiks, auf der russischen Kamtschatka-Halbinsel, liegt Bezymianny – und der schläft nicht.
Die auffällige Parallele zwischen den beiden Vulkanen beginnt 1956. In diesem Jahr legte Bezymianny eine Eruption hin, die das Lehrbuch für seitliche Vulkanexplosionen hätte schreiben können – 24 Jahre bevor St. Helens es auf amerikanischer Seite nachspielte. Flankenkollaps. Seitliche Druckentlastung. Zerstörter Gipfel. Neuer Lavadom. Dasselbe Drehbuch, anderer Kontinent.
Der entscheidende Unterschied: Bezymianny hat danach nicht aufgehört. Während St. Helens phasenweise pausiert, produziert sein russischer Verwandter seit Jahrzehnten zuverlässig Asche, Lava und gelegentlich die VAAC-Advisories, die den Flugverkehr über dem Nordpazifik beschäftigen. Aschesäulen von 10 bis 15 Kilometern Höhe sind keine Seltenheit. Der Lavadom wächst, kollabiert partiell, wächst wieder. Es ist weniger ein dramatisches Einzelereignis als ein dauerhafter Betriebszustand.
Das macht Bezymianny für Vulkanologen zu einem außerordentlich wertvollen Beobachtungsobjekt: Nirgendwo lässt sich der Zyklus aus Domwachstum, partiellen Kollaps-Explosionen und eruptiver Erneuerung so kontinuierlich studieren wie hier. Das KVERT – Kamchatkan Volcanic Eruption Response Team – sendet regelmäßig Statusberichte, und wer einen Blick auf die aktuellen Meldungen wirft, findet Bezymianny dort mit einer Verlässlichkeit, die schon fast tröstlich ist.
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Gleich gebaut, ungleich im Takt
Beide Vulkane sind Stratovulkane – die klassischen, kegelförmigen Berge, die man sich vorstellt, wenn jemand das Wort „Vulkan" sagt. Beide sitzen am pazifischen Feuerring. Beide verdanken ihre Existenz der Subduktion: Ozeanische Platte taucht unter kontinentale Platte, Magma steigt auf, Berg wächst.
Das bedeutet auch: Beide tragen dasselbe Grundrisiko. Komplexe Magmakammern. Instabile Flanken. Die Möglichkeit des katastrophalen Kollapses. Das Risikoprofil eines Stratovulkans im Subduktionsbereich ist kein Geheimnis – es ist bekannt, beschrieben und gefürchtet.
Was sich unterscheidet, ist der aktuelle Takt. St. Helens ist der ruhende Veteran, der seinen großen Moment bereits hatte und nun wartet – auf was auch immer als nächstes kommt. Bezymianny ist der rastlose Aktive, der seinen Betrieb nie wirklich eingestellt hat und der Wissenschaft damit Daten liefert, die kein einzelnes dramatisches Ereignis jemals produzieren könnte.
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Was die Luftfahrt damit zu tun hat
Die VAAC-Meldungen, die Bezymianny regelmäßig auslöst, sind kein akademisches Randthema. Vulkanasche ist für Flugzeugtriebwerke ungefähr so angenehm wie Sand im Getriebe – sie schmilzt bei Triebwerkstemperaturen, erstarrt auf Turbinenschaufeln und kann im schlechtesten Fall einen Totalausfall verursachen. Der Nordpazifik-Korridor ist einer der meistbeflogensten Langstreckenkorridore der Welt, und Kamtschatka liegt genau darunter.
Wenn Bezymianny eine Aschewolke in Reiseflughöhe schickt, müssen Flugpläne angepasst, Routen verändert und im Zweifelsfall Ausweichkorridore geflogen werden. Das kostet Kerosin, Zeit und Geld. Es ist daher kein Zufall, dass das VAAC Tokio den Bezymianny dauerhaft auf dem Radar hat – im wörtlichsten Sinne.
St. Helens spielt in dieser operativen Welt gerade keine Rolle. Keine aktiven Aschewarnungen, keine Flugroutenanpassungen. Was bleibt, sind Bildungsprogramme, Wanderwege, Besucherzentren und der jährliche Jahrestag am 18. Mai, der in Washington State medial aufgegriffen wird wie ein alter Bekannter.
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Was bleibt
Das Duo St. Helens und Bezymianny ist ein gutes Beispiel dafür, was Vulkanologie im Kern ausmacht: Es gibt keine abgeschlossenen Kapitel. Ein ruhender Vulkan ist kein toter Vulkan. Und ein dauerhaft aktiver Vulkan ist nicht notwendigerweise gefährlicher als einer, der gerade nichts tut – er ist nur ehrlicher.
St. Helens hat seinen Platz in der Geschichte der Geologie. Bezymianny hält derweil den Betrieb aufrecht und sorgt dafür, dass niemand vergisst, wie dieses Geschäft läuft.
Der Namenlose hat sich seinen Namen längst verdient. Er hat nur noch keinen bekommen.
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*Quellen und aktuelle Statusmeldungen: [USGS Cascades Volcano Observatory](https://www.usgs.gov/observatories/cvo) | [KVERT – Kamchatkan Volcanic Eruption Response Team](http://www.kscnet.ru/ivs/kvert/) | [VAAC Tokio](https://www.jma.go.jp/jma/indexe.html)*
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