Der Selbstbeweihräucherungsverein tagt wieder
Über Podcast Awards, Haltungsposen und das große kollektive Schulterklopfen
Es ist wieder soweit. Irgendwo in Deutschland – wahlweise Berlin, Hamburg oder einer dieser Städte, die sich selbst für das Zentrum des Universums halten – versammelt sich die Podcasting-Szene, um sich gegenseitig Preise zu verleihen. Für Leistungen, die sie selbst definiert haben. Nach Kriterien, die sie selbst festgelegt haben. Bewertet von Menschen, die selbst Podcasts machen.
Man nennt das eine „Award-Verleihung". Ich nenne es das, was es ist: organisierter Narzissmus mit Catering.
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Das Prinzip
Verstehen Sie das Grundprinzip: Eine handvoll Menschen, die sich aus demselben Milieu kennen, auf denselben Konferenzen verkehren, dieselben Newsletter lesen und dieselben Ansichten teilen, entscheiden, wer in diesem Jahr besonders toll war. Die Nominierten sind überrascht – was insofern bemerkenswert ist, als dass viele davon im Vorfeld in Jurys saßen, auf Panels sprachen oder die Veranstaltung mitorganisiert haben.
Das Ergebnis ist in seiner Vorhersehbarkeit geradezu beruhigend. Wer gewinnt? Wer schon vorher dazugehörte. Wer gewinnt nichts? Wer sowieso nicht eingeladen wurde. Die Überschlagungen ereignen sich.
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Die Haltung
Das eigentlich Faszinierende ist nicht die Preisverleihung selbst. Es ist die moralische Infrastruktur drumherum.
Für mich persönlich ist das Ganze das Mos Eisley der deutschen Medienlandschaft. Ein brodelndes Sammelsurium der zweifelhaftesten Gestalten weit und breit — nur dass hier niemand mit dem Lichtschwert reinspaziert, um Ordnung zu schaffen. Stattdessen gibt es einen Empfang.
Podcast Awards der deutschen Szene kommen selten ohne ein Begleitprogramm aus, das sich aus gesellschaftlicher Verantwortung, Diversitätsbekundungen und dem Hinweis zusammensetzt, dass Podcasting irgendwie die Demokratie rettet. Auf der Bühne stehen Menschen, die – mit der Selbstverständlichkeit von jemandem, der gerade einen Oscar bekommen hat – erklären, warum ihr Format „wichtig" ist, „Haltung zeigt" und „Räume öffnet".
Welche Räume? Für wen geöffnet? Das bleibt, wie so vieles in dieser Szene, angenehm vage.
Was nicht vage bleibt: die Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen. Diese Gewissheit ist das eigentliche Produkt dieser Abende. Man kommt hinein als Podcasterin mit 12.000 Hörern und geht heraus als Stimme der Zeit.
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Das Ökosystem
Podcast Awards existieren nicht im Vakuum. Sie sind eingebettet in ein sorgfältig gepflegtes Ökosystem aus:
- **Konferenzen**, auf denen dieselben Gesichter über Reichweite, Monetarisierung und gesellschaftliche Verantwortung sprechen
- **Panels**, bei denen man sich gegenseitig interviewt
- **Newslettern**, in denen man sich gegenseitig empfiehlt
- **Social-Media-Threads**, in denen Gratulationen ausgetauscht werden, die verdächtig nach vorbereiteten Sprachregelungen klingen
- **Podcasts über Podcasting**, dem vielleicht deutlichsten Zeichen, dass eine Szene begonnen hat, sich selbst zu fressen
Dieses Ökosystem ist in sich vollständig geschlossen. Es braucht keine Außenwelt, keine Hörer, keine Relevanz jenseits seiner selbst. Es ist, in gewisser Hinsicht, ein Kunstwerk.
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Die Unabhängigen
Irgendwo da draußen – in Franken, im Sauerland, in Rostock-Lichtenhagen oder wo auch immer – sitzt jemand an einem Mikrofon, schneidet seinen Podcast selbst, hostet ihn selbst, bewirbt ihn selbst, und macht das seit Jahren. Ohne Redaktionsteam. Ohne Fördergelder. Ohne Netzwerk. Mit echter Sachkenntnis über ein Thema, das er kennt, weil er darin arbeitet.
Dieser Mensch wird keinen Award gewinnen. Nicht weil sein Format schlecht ist. Sondern weil er nicht auf der Konferenz war. Weil er keinen Newsletter hat. Weil er keine Haltung „zeigt" – er hat schlicht eine Meinung, und die interessiert die Jury herzlich wenig.
Awards bilden nicht die Podcast-Landschaft ab. Sie bilden die Award-Landschaft ab.
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Das Fazit
Ich will niemandem den Spaß verderben. Wenn Menschen, die ähnliche Dinge gut finden, sich einmal im Jahr treffen und sich gegenseitig etwas überreichen wollen: bitte. Das ist legitim. Das ist sogar menschlich.
Aber hört auf, so zu tun, als wäre es mehr als das.
Hört auf mit der Demokratieretorik. Hört auf mit den Sonntagsreden über offene Gesellschaft und Medienpluralismus, während ihr in einer Echobox sitzt, die geschlossener ist als mancher Kegelverein. Hört auf, euren Selbstbeweihräucherungsabend als Kulturleistung zu verklären.
Es ist ein Award. Vergeben von einer Szene. An sich selbst.
Das ist kein Verbrechen. Aber es ist auch kein Verdienst.
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*Sven Becker schreibt auf svensagt.de über Technik, Infrastruktur, Medien und die Dinge, die ihn beschäftigen. Einen Award hat er noch nicht gewonnen. Er hat auch nicht danach gefragt.*
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