Interflug Serie - Teil 4: Westwind## Der Wandel der 80er Jahre (1980-1989)
*Eine fünfteilige Serie über die Geschichte der Interflug - von den Anfängen bis zum Ende*
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### Wenn der Wind sich dreht
Toulouse, 23. Dezember 1980. In den Werkshallen von Airbus Industries steht eine nagelneue A310 mit einer ungewöhnlichen Lackierung: "DDR-ABA" prangt in großen Lettern am Rumpf, darunter der Schriftzug "Interflug". Es ist ein historischer Moment - zum ersten Mal übernimmt eine Airline aus dem Ostblock ein westliches Großraumflugzeug. Der Westwind weht nun auch durch die DDR-Luftfahrt.
### Der große Technologiesprung
Die 1980er Jahre begannen für Interflug mit einer Revolution. Nach jahrzehntelanger Abhängigkeit von sowjetischer Technologie wagte die DDR-Airline den Sprung ins westliche Lager - zumindest teilweise.
**Der Airbus A310: Ein Quantensprung**
Die Entscheidung für den Airbus A310 war mutig und umstritten zugleich. Während die Parteiführung zögerte, drängten die Techniker auf Modernisierung.
**Airbus A310-200 "Bertolt Brecht" bis "Thomas Müntzer"**
- **Passagiere:** 220 (Economy) oder 172 (Gemischt)
- **Reichweite:** 6.800 km
- **Geschwindigkeit:** 850 km/h
- **Besonderheiten:** Modernste Avionik, westlicher Komfort, Zweipiloten-Cockpit
**Klaus Henkel, damaliger Chefpilot A310:** "Das war wie ein Sprung vom Mittelalter in die Neuzeit. Plötzlich hatten wir Computer im Cockpit, GPS-Navigation und einen Komfort, den wir nie für möglich gehalten hätten."
Die ersten vier A310 (DDR-ABA bis DDR-ABD) wurden 1981-1982 ausgeliefert und revolutionierten das Streckennetz. Später folgten weitere Maschinen, insgesamt flog Interflug 23 Airbus A310.
### Modernisierung aus dem Osten
Parallel zu den westlichen Flugzeugen modernisierte sich auch die sowjetische Flotte. Die alten Iljuschin Il-62 wurden durch die verbesserte Il-62M ersetzt, und ein völlig neuer Typ hielt Einzug.
**Tupolew Tu-154M: Der sowjetische Fortschritt**
Ab 1982 ersetzte die Tu-154M schrittweise die älteren Tu-134 auf den Mittelstrecken.
**Tu-154M "Rostock" bis "Magdeburg"**
- **Passagiere:** 164-180
- **Reichweite:** 3.900 km
- **Besonderheiten:** Drei Triebwerke, robuste Konstruktion, auch für schlechte Pisten geeignet
Die Tu-154M war der Stolz der sowjetischen Luftfahrtindustrie und galt als eine der sichersten Maschinen ihrer Zeit. Bei Interflug bewährte sie sich besonders auf den Routen nach Osteuropa und Asien.
### Neue Routen, neue Märkte
Mit der moderneren Flotte konnte Interflug ihr Streckennetz erheblich erweitern. Die 80er Jahre brachten eine zweite Welle der Expansion.
**Westeuropa wird erobert:**
**1982: Frankfurt am Main** - Der Coup des Jahrzehnts
- **Bedeutung:** Direkter Angriff auf das Lufthansa-Drehkreuz
- **Route:** 4x täglich Berlin-Frankfurt mit A310
- **Reaktion:** Heftige Proteste der Bundesregierung
- **Erfolg:** Hohe Auslastung dank Geschäftsreisenden
**1983: München** - Bayern öffnet sich
- **Hintergrund:** Franz Josef Strauß und seine Ostpolitik
- **Besonderheit:** Erste bayerisch-DDR Luftverbindung
- **Publikum:** Hauptsächlich Touristen und Geschäftsleute
**1984: Wien** - Die neutrale Brücke
- **Österreich:** Traditionell gute Beziehungen zur DDR
- **Hub-Funktion:** Weiterverbindungen nach Südosteuropa
- **Erfolg:** Eine der profitabelsten Westrouten
**1985: Mailand** - Mode trifft Sozialismus
- **Italien:** Entspannte Haltung gegenüber der DDR
- **Passagiere:** Überraschend viele DDR-Touristen
- **Besonderheit:** Verbindung zu italienischen Kommunisten
### Die Charterflug-Revolution
Ein völlig neues Geschäftsfeld erschloss Interflug in den 80ern: Charterflüge für westliche Reiseveranstalter. Was undenkbar schien, wurde Realität - DDR-Piloten flogen Westdeutsche in den Urlaub.
**Die Charter-Erfolgsgeschichte:**
**Mallorca-Flüge (ab 1983)**
- **Partner:** Westdeutsche Reiseveranstalter
- **Erfolg:** Interflug günstiger als westliche Konkurrenz
- **Problem:** Ideologische Bedenken in der SED
- **Lösung:** "Solidaritätszuschlag" für entwickelte Länder
**Mittelmeer-Charter**
- **Ziele:** Mallorca, Kreta, Rhodos, Tunesien
- **Passagiere:** Hauptsächlich BRD-Bürger
- **Vorteil:** Niedrige Personalkosten der DDR
- **Kritik:** "Sozialismus dient dem Kapitalismus"
**Wolfgang Richter, Charter-Koordinator:** "Das war schon absurd - wir flogen BRD-Bürger nach Mallorca, während unsere eigenen Leute höchstens an die Ostsee durften. Aber es brachte dringend benötigte Devisen."
### Service-Revolution: Der Kunde ist König
Mit den westlichen Flugzeugen hielt auch westlicher Service-Standard Einzug. Interflug musste lernen, mit Lufthansa, Air France und British Airways zu konkurrieren.
**Neue Service-Standards:**
**Kabinenausstattung A310**
- **First Class:** 12 Sitze mit 2+2 Anordnung
- **Business Class:** 30 Sitze, deutlich mehr Komfort
- **Economy:** Moderne Sitze, Bordentertainment
- **Küche:** Internationale Menüs statt DDR-Standardkost
**Geschultes Personal**
- **Sprachtraining:** Englisch und weitere Sprachen
- **Service-Schulung:** Westliche Standards lernen
- **Erscheinungsbild:** Neue Uniformen im modernen Design
- **Haltung:** Vom sozialistischen Kollektiv zum Kundenservice
**Bordprogramm 2.0**
- **Entertainment:** Westliche Filme und Musik (zensiert)
- **Gastronomie:** Internationale Küche, westliche Weine
- **Zeitschriften:** Auswahl auch westlicher Publikationen
- **Duty Free:** Erstmals westliche Markenartikel
### Die Computerwelt hält Einzug
Die 80er Jahre brachten auch den Computer in die DDR-Luftfahrt. Interflug investierte massiv in moderne Technik.
**Reservierungssystem "SIRA"**
- **Entwicklung:** Eigene DDR-Entwicklung mit westlicher Technik
- **Funktion:** Online-Buchungen, Sitzplatzreservierung
- **Innovation:** Eines der ersten computergestützten Systeme im Ostblock
- **Problem:** Nicht kompatibel mit westlichen Systemen
**Navigation und Sicherheit**
- **GPS-Empfänger:** Heimlich aus dem Westen importiert
- **Radar-Modernisierung:** Berlin-Schönefeld wird Hightech-Airport
- **Kommunikation:** Satellitentelefon in den A310
- **Wartung:** Computergestützte Diagnose
### Wirtschaftlicher Druck und Devisennot
Der Fortschritt hatte seinen Preis. Die DDR kämpfte mit chronischem Devisenmangel, und Interflug musste zunehmend wirtschaftlich denken.
**Finanzielle Herausforderungen:**
**Westflugzeuge sind teuer**
- **A310:** 40 Millionen D-Mark pro Stück
- **Wartung:** Nur mit Westdevisen möglich
- **Treibstoff:** Westqualität für westliche Triebwerke nötig
- **Schulden:** Interflug verschuldete sich massiv
**Kreative Finanzlösungen**
- **Kompensationsgeschäfte:** Flugzeuge gegen DDR-Waren
- **Leasing:** Statt Kauf günstigere Miete
- **Charter:** Westdevisen durch westliche Kunden
- **Frachtgeschäft:** Profitable Cargo-Flüge
**Renate Fischer, Finanzchefin 1985-1989:** "Wir mussten Zauberer werden. Jeden Pfennig Westgeld dreimal umdrehen und trotzdem eine moderne Airline aufbauen. Manchmal grenzte es an ein Wunder, dass wir durchkamen."
### Politische Spannungen
Der Modernisierungskurs brachte Interflug in ideologische Konflikte. Westliche Technik und sozialistisches System passten nicht immer zusammen.
**Interne Widerstände:**
**Parteikritik**
- **Vorwurf:** "Kapitulation vor dem Westen"
- **Sorge:** Abhängigkeit von westlicher Technologie
- **Lösung:** Propaganda über "friedliche Nutzung"
**Personalprobleme**
- **West-Kontakte:** Crews unter Stasi-Verdacht
- **Republikflucht:** Mehrere Piloten setzen sich ab
- **Loyalitätskonflikt:** Sozialismus vs. westlicher Lebensstil
**Technologietransfer**
- **Embargo:** Viele westliche Systeme verboten
- **Schmuggelware:** Heimliche Beschaffung über Umwege
- **Spionage:** Westliche Geheimdienste interessiert an DDR-Piloten
### Der Beginn vom Ende
Gegen Ende der 80er Jahre wurde deutlich: Die DDR-Wirtschaft war am Limit. Auch Interflug spürte die Krise.
**Warnsignale:**
- **1987:** Erste Streckeneinstellungen aus Kostengründen
- **1988:** Flotte kann nicht weiter modernisiert werden
- **1989:** Massive Schulden bei westlichen Banken
Gleichzeitig veränderte sich das politische Klima. Gorbatschows Perestroika und Glasnost warfen ihre Schatten auch auf die DDR-Luftfahrt.
### Zahlen des Wandels
**Flottenstärke 1989:**
- **23 Airbus A310** (Langstrecke/Charter)
- **18 Tupolew Tu-154M** (Mittelstrecke)
- **12 Iljuschin Il-62M** (Langstrecke/Exotic)
- **8 Tupolew Tu-134** (Kurzstrecke)
- **Gesamt:** 61 Flugzeuge
**Passagierrekord 1988:**
- **2.100.000 Passagiere** - Allzeithoch
- **67 Destinationen** in 45 Ländern
- **Auslastung:** 76% - konkurrenzfähig
- **Mitarbeiter:** 8.500 - so viele wie nie
**Westanteil:**
- **60%** aller Passagiere flogen in westliche Länder
- **40%** des Umsatzes kam von Charterflügen
- **12** westeuropäische Destinationen
### Ein Jahrzehnt des Wandels
Die 80er Jahre hatten Interflug grundlegend verändert. Aus der ideologisch geprägten Staatsairline war eine moderne, kundenorientierte Fluggesellschaft geworden - zumindest an der Oberfläche.
Die westliche Technik hatte Standards gesetzt, die nicht mehr rückgängig zu machen waren. Die Crews hatten die weite Welt kennengelernt, die Passagiere westlichen Service geschätzt.
Doch der Preis war hoch: Massive Verschuldung, ideologische Verwirrung und ein System, das zunehmend seine eigenen Widersprüche offenbarte.
### Ausblick: Sturmwolken am Horizont
1989 stand Interflug auf dem Höhepunkt ihrer technischen Entwicklung, aber am Vorabend des größten Umbruchs ihrer Geschichte. Die Mauer würde fallen, das System kollabieren - und mit ihm eine der faszinierendsten Airlines der Welt.
**Im finalen Teil unserer Serie** erfahren Sie, wie der Mauerfall das Ende der Interflug besiegelte und wie aus einer stolzen DDR-Airline ein Stück Luftfahrtgeschichte wurde.
**Teil 5 folgt:** "Landung ohne Wiederkehr - Das Ende einer Legende (1989-1991)"
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*Dies ist Teil 4 der fünfteiligen Serie über die Geschichte der Interflug. Haben Sie den Wandel der 80er Jahre miterlebt? Sind Sie vielleicht mit einem der neuen Airbus geflogen oder waren Zeuge der Modernisierung? Ihre Erinnerungen sind wertvoll für die Geschichte!*
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