Die Geschichte von Quelle: Vom kleinen Fürther Laden zum europäischen Versandhaus-Giganten
Die Geschichte des Versandhauses Quelle ist eine der faszinierendsten Erfolgsgeschichten des deutschen Einzelhandels – und zugleich ein Lehrstück über Aufstieg und Fall eines Handelsimperiums. Von den bescheidenen Anfängen in einer Fürther Seitenstraße bis zum größten Versandhaus Europas und schließlich zur Insolvenz 2009 spiegelt die Quelle-Geschichte die Entwicklung des deutschen Konsums im 20. Jahrhundert wider.
## Die Anfänge: Gustav Schickedanz und der Traum vom direkten Verkauf
Das Unternehmen wurde am 26. Oktober 1927 von Gustav Schickedanz (1895–1977) in Fürth gegründet. Der Name "Quelle" war Programm: 1927 gründete er ein Versandhaus, dessen Kunden ohne Zwischenhandel, also an der Quelle, einkaufen sollten.
Gustav Schickedanz, am 1. Januar 1895 als zweites Kind des Drechslermeisters Leonhard Michael Schickedanz geboren, hatte bereits vor der Quelle-Gründung Erfahrungen im Handel gesammelt. Wenig später eröffnete er die Großhandlung für Kurz-, Weiß- und Wollwaren. Vier Jahr später, 1927, gründete er das Versandhaus Quelle Fürth.
Die Vision war revolutionär für die damalige Zeit: Sein Ziel damals war, eine konsequent verbraucherfreundliche Preispolitik zu betreiben: Qualität sollte für die breite Masse erschwinglich sein. Das Geschäft startete in der Königswarterstraße 10 (heute: Fürther Freiheit) und sollte von dort aus Deutschland erobern.
## Tragödie und Neubeginn
Das junge Unternehmen wurde bereits 1929 von einer persönlichen Tragödie überschattet. Am 13. Juli 1929 kam sie zusammen mit ihrem Sohn Leo (5) und Gustav Schickedanz' Vater Leo Schickedanz (72) bei einem Autounfall ums Leben. Gustav Schickedanz' erste Ehefrau Anna, die ebenfalls in der Unternehmensleitung tätig war, starb bei diesem Unglück.
Trotz dieses schweren Schicksalsschlags führte Schickedanz das Unternehmen weiter und baute es kontinuierlich aus. 1938 konnte das Versandhaus Quelle zwei Millionen Stammkunden zählen und 1939 erreichte es einen Umsatz von 40 Millionen Reichsmark.
## Der Aufstieg zum Marktführer
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann eine neue Ära für Quelle. Nach der entlastenden Einstufung als „Mitläufer" durch die Nürnberger Hauptspruchkammer 1949 begann S. mit Unterstützung seiner Ehefrau Grete den Wiederaufbau der „Großversandhaus Quelle Gustav Schickedanz KG".
Die Nachkriegszeit brachte den großen Durchbruch. Quelle war ein Pionier auf dem Gebiet des Versands von Konsumgütern. Die Kombination aus Mode, Uhren, Elektronik und Haushaltswaren unter einem Dach machte das Unternehmen zu einer beliebten Einkaufsadresse.
Das Unternehmen expandierte rasant und entwickelte sich zu einem modernen Logistikzentrum. Hier konnten 100.000 Sendungen pro Tag abgefertigt werden. Und Quelle entwickelte sich zum Universalversandhaus, das mit günstigen und qualitativen Eigenmarken wie „Quellux", „Mars" oder „Universum" auf Kundenfang ging.
Der Höhepunkt des Erfolgs wurde 1964 erreicht: 1964 wurde man offiziell das größte Versandhaus Europas. Quelle hatte sich vom kleinen Fürther Laden zum europäischen Marktführer entwickelt.
## Die goldenen Jahre und das ikonische Logo
Das charakteristische Logo der "reichenden Hand" wurde zum Symbol für Qualität und Vertrauen im deutschen Versandhandel. Die Quelle war ein deutschlandweit bekanntes, 1927 von Gustav Schickedanz gegründetes Versandhaus mit dem Logo der reichenden bzw. helfenden Hand.
Die Eigenmarken wie "Quellux", "Mars" und "Universum" etablierten sich als Qualitätsmarken, die Millionen von deutschen Haushalten erreichten. Besonders im Bereich der Elektronik und Haushaltsgeräte konnte sich Quelle als vertrauensvoller Partner der Verbraucher positionieren.
## Der lange Weg zum Niedergang
Trotz der jahrzehntelangen Erfolgsgeschichte geriet Quelle ab den 1990er Jahren zunehmend unter Druck. Der Wandel im Einzelhandel, die Konkurrenz durch neue Vertriebsformen und das Internet setzten dem traditionellen Versandhandelsmodell zu.
1998 schlossen sich Quelle Deutschland mit Karstadt und der Tochter Neckermann zur KarstadtQuelle AG zusammen. Diese Fusion sollte das Unternehmen stärken, führte jedoch zu einer komplexen Unternehmensstruktur.
Die Quelle AG fusionierte 1999 mit der Karstadt AG zu der KarstadtQuelle AG. Am 1. Juli 2007 erfolgte die Umbenennung in Arcandor AG.
## Das Ende einer Ära
Die finale Krise ließ nicht lange auf sich warten. 2007 wurde KarstadtQuelle durch Arcandor übernommen. Der Mutterkonzern kämpfte fortan mit sinkenden Umsätzen. Arcandor meldete im Jahr 2009 Insolvenz an und infolge der Abhängigkeit ging auch Quelle unter.
Die Insolvenz von Quelle im Jahr 2009 markierte das Ende einer 82-jährigen Erfolgsgeschichte. Ein Unternehmen, das Generationen von Deutschen geprägt hatte und zum Synonym für Versandhandel geworden war, existierte nicht mehr.
## Vermächtnis und Bedeutung
Die Geschichte von Quelle ist mehr als nur die Chronik eines Unternehmens – sie ist ein Spiegel der deutschen Konsumgeschichte. Von den ersten Katalogen in den 1920er Jahren über die Wirtschaftswunderzeit bis hin zur digitalen Revolution zeigt die Quelle-Geschichte, wie sich Handel und Konsumverhalten über acht Jahrzehnte hinweg entwickelt haben.
Leider ist die Geschichte der Quelle – dem größten der alten Versandhäuser – inzwischen ebenfalls Geschichte. Doch das Vermächtnis von Gustav Schickedanz und seinem Versandhaus lebt weiter: Die Idee des direkten Verkaufs an den Verbraucher, die Fokussierung auf Qualität zu erschwinglichen Preisen und die Entwicklung effizienter Logistiksysteme haben den modernen Einzelhandel nachhaltig geprägt.
Heute, in Zeiten von Online-Shopping und E-Commerce, erscheinen viele der Innovationen von Quelle als Vorläufer der aktuellen Entwicklungen. Die "reichende Hand" mag verschwunden sein, aber die Grundprinzipien des Versandhandels, die Gustav Schickedanz 1927 in Fürth etablierte, bestimmen noch immer weite Teile des modernen Handels.
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*Die Geschichte von Quelle erinnert uns daran, dass auch die erfolgreichsten Unternehmen sich kontinuierlich wandeln müssen, um in einer sich verändernden Welt zu überleben. Sie bleibt ein faszinierendes Kapitel deutscher Wirtschaftsgeschichte und ein Lehrstück über Innovation, Erfolg und die Notwendigkeit der Anpassung an neue Zeiten.*
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