Gut. Dann Auf der richtigen Seite des falschen Bogens
Es gibt Nachrichten, die man eigentlich nicht kommentieren müsste, weil sie sich selbst erklären. Und dann gibt es Nachrichten, bei denen man sich fragt, ob irgendjemand in diesem Land eigentlich zuhört. Der Luftfracht-Boom gehört zur zweiten Kategorie.
Die Welt verlagert ihre Lieferketten. Weil die Rote See zur Risikozone geworden ist, weil Suezkanal-Alternativen Zeit kosten, die kein Unternehmen hat, weichen Frachter auf Flugzeuge aus. Das globale Luftfrachtvolumen ist im vergangenen Jahr um gut elf Prozent gewachsen. Luxemburg profitiert. Brüssel profitiert. Lüttich profitiert. Istanbul hat Frankfurt als größten europäischen Luftfracht-Umschlagplatz abgelöst.
Deutschland profitiert um 1,8 Prozent.
Man könnte das als Pech verbuchen. Man könnte es als Marktgeschehen abtun, dem man hilflos gegenübersteht. Beides wäre bequem und beides wäre falsch. Was hier passiert, ist kein Zufall. Es ist das vorhersehbare Ergebnis einer Politik, die seit Jahren Standortkosten aufschichtet, Digitalisierung vertagt und Bürokratie als Qualitätsmerkmal versteht.
Die Kerosinpreise sind gestiegen, das stimmt – das ist kein deutsches Alleinproblem. Aber die Flugsicherungsgebühren haben sich seit 2019 verdoppelt. Die Luftverkehrsteuer liegt über dem EU-Durchschnitt. Die Zollbehörden sind auf den E-Commerce-Strom aus Fernost strukturell nicht vorbereitet, weil niemand die Digitalisierung dieser Prozesse ernsthaft vorangetrieben hat. Und wer glaubt, dass fehlende Nachtflugkapazitäten und mögliche weitere Betriebszeitbeschränkungen für ein Frachtgeschäft, das nach Definition nachts läuft, irrelevant sind, hat das Geschäftsmodell nicht verstanden.
Das Ergebnis: Die Ware fliegt an Deutschland vorbei. Buchstäblich.
Man muss kein Freihändler sein, um das als Problem zu erkennen. Luftfracht bewegt zwar nur einen Bruchteil der deutschen Außenhandelsmenge – aber über zehn Prozent des Wertes. Elektronik, Maschinen, Pharmazeutika. Hochwertige Güter, bei denen Geschwindigkeit und Verlässlichkeit über Aufträge entscheiden. Für den drittgrößten Außenhandelsstandort der Welt ist das keine Randnotiz.
Der Branchenverband BDL fordert das Übliche: geringere Standortkosten, wettbewerbsneutrale Regelungen für Biokerosin-Quoten, vereinheitlichte EU-Zollvorschriften, keine weiteren Einschränkungen. Forderungen, die so vernünftig klingen, dass man davon ausgehen darf, dass sie weitgehend ignoriert werden.
Denn die eigentliche Frage ist nicht, ob Deutschland die richtigen Instrumente kennt. Die kennt es. Die Frage ist, ob der politische Wille vorhanden ist, sie auch einzusetzen. Und da bin ich, nach allem, was man in den vergangenen Jahren beobachten konnte, skeptisch.
Wer auf der falschen Seite des Bogens steht, steht dort in der Regel nicht aus Versehen.
Quelle
Luftfracht boomt – und fliegt immer häufiger an Deutschland vorbei - WELT https://share.google/uzUAeOmTPgZotv9pv
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