Interflug Serie - Teil 3: Brücken über Kontinente
## Die exotischen Destinationen der Interflug (1972-1985)
*Eine fünfteilige Serie über die Geschichte der Interflug - von den Anfängen bis zum Ende*
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### Wenn der Himmel keine Grenzen kennt
Havanna, 27. März 1972. Eine silberne Iljuschin Il-62 mit dem Schriftzug "Interflug" durchschneidet die karibische Luft und setzt zur Landung auf dem José Martí International Airport an. Es ist nicht irgendein Flug - es ist die Geburt einer Legende. Mit der ersten Linienverbindung Berlin-Havanna beginnt für Interflug das aufregendste Kapitel ihrer Geschichte: die Ära der exotischen Destinationen.
### Kuba: Das sozialistische Paradies in der Karibik
Die Aufnahme der Kuba-Route war mehr als nur eine geschäftliche Entscheidung - sie war ein politisches Statement. Während die USA Kuba mit einem Embargo belegten, flog Interflug demonstrativ in das sozialistische Bruderlandland.
**Die Havanna-Route: Ein logistisches Meisterwerk**
**Streckenführung:** Berlin-Schönefeld → Prag → Havanna
- **Flugzeit:** 14 Stunden (mit Zwischenstopp)
- **Entfernung:** 8.500 Kilometer
- **Frequenz:** Zunächst wöchentlich, später zweimal pro Woche
- **Flugzeug:** Iljuschin Il-62, später Il-62M
Der Prag-Stopp war unvermeidlich - die Il-62 schaffte die Strecke nicht non-stop, und der tschechoslowakische Luftraum bot sich als idealer Zwischenstopp an.
**Besondere Passagiere, besondere Fracht**
Die Kuba-Flüge transportierten nicht nur Touristen. An Bord waren oft:
- **Hochrangige Parteifunktionäre** auf Staatsbesuch
- **Militärberater** und "technische Experten"
- **Studenten** für Austauschprogramme
- **Geheimnisvolle Fracht** in speziell versiegelten Containern
**Kurt Liebknecht, damaliger Betriebsdirektor, erinnerte sich später:** "Die Kuba-Flüge waren immer etwas Besonderes. Wir wussten nie genau, wer oder was da mitflog. Aber wir wussten: Es war wichtig für die DDR."
### Vietnam: In das Herz des Krieges
Noch spektakulärer als die Kuba-Route war die Verbindung nach Vietnam. Ab 1973 flog Interflug regelmäßig nach Hanoi - mitten in den Vietnamkrieg hinein.
**Berlin-Hanoi: Die gefährlichste Route**
**Streckenführung:** Berlin → Moskau → Hanoi
- **Flugzeit:** 16 Stunden
- **Besonderheit:** Überflug von Kriegsgebiet
- **Sicherheit:** Spezielle Flugrouten zur Vermeidung von Kampfhandlungen
Die Vietnam-Flüge waren hochgeheim und dienten primär der:
- **Entwicklungshilfe:** Transport von Medikamenten und Technik
- **Diplomatischen Mission:** Kontakt zum kommunistischen Nordvietnam
- **Propaganda:** Solidarität mit dem "antiimperialistischen Kampf"
**Kapitän Wolfgang Scheffler** (†), einer der wenigen Piloten, die diese Route fliegen durften, beschrieb es so: "Wir flogen in eine andere Welt. Hanoi war voller Bombenkrater, und beim Anflug mussten wir höllisch aufpassen. Aber wir waren stolz, dass wir helfen konnten."
### Afrika: Der vergessene Kontinent erwacht
Afrika wurde in den 1970er Jahren zu einem Schwerpunkt der DDR-Außenpolitik. Interflug spielte dabei eine Schlüsselrolle als Brücke zwischen Ost-Berlin und den afrikanischen Hauptstädten.
**Die Afrika-Routen im Detail:**
**Kairo (seit 1969)**
- **Politische Bedeutung:** Tor zum Nahen Osten und Afrika
- **Besonderheit:** Drehkreuz für Weiterflüge nach Bagdad und Damaskus
- **Passagiere:** Diplomaten, Geschäftsleute, Touristen zu den Pyramiden
**Algier (seit 1973)**
- **Hintergrund:** Algerien als wichtiger Partner der Blockfreien Bewegung
- **Route:** Berlin → Rom → Algier (später direkt)
- **Besonderheit:** Hoher Anteil an Geschäftsreisenden
**Addis Abeba (1975-1983)**
- **Bedeutung:** Hauptquartier der Organisation für Afrikanische Einheit
- **Passagiere:** Hauptsächlich Diplomaten und Entwicklungshelfer
- **Challenge:** Eine der schwierigsten Routen wegen der Höhenlage
**Lagos (1976-1981)**
- **Nigeria-Connection:** Ölgeschäfte und Wirtschaftskooperationen
- **Probleme:** Politische Instabilität führte zur Einstellung
**Luanda (1977-1985)**
- **Angola:** Unterstützung der sozialistischen MPLA-Regierung
- **Geheimmission:** Transport von "Beratern" und Material
- **Risiko:** Bürgerkrieg machte Flüge extrem gefährlich
### Die Nahost-Verbindungen: Politik und Öl
Der Nahe Osten war für die DDR von enormer Bedeutung - politisch wie wirtschaftlich. Interflug baute systematisch ein Netz zu befreundeten arabischen Staaten auf.
**Damaskus (seit 1974)**
- **Syrien:** Wichtiger Verbündeter im Nahostkonflikt
- **Route:** Berlin → Budapest → Damaskus
- **Passagiere:** Viele PLO-Funktionäre und Unterstützer
**Bagdad (1975-1980)**
- **Irak:** Öllieferant und Waffenkäufer
- **Ende:** Iran-Irak-Krieg machte Flüge unmöglich
- **Erinnerung:** Goldene Zeiten der Geschäftsbeziehungen
**Sanaa (1978-1982)**
- **Südjemen:** Das einzige sozialistische Land der arabischen Welt
- **Besonderheit:** Gefährlichste Landung im Interflug-Netz
- **Ende:** Politische Wirren beendeten die Verbindung
### Die Geheimnisse der Sonderflüge
Neben den regulären Linienflügen führte Interflug unzählige Sonderflüge durch, deren wahrer Zweck oft im Dunkeln blieb.
**Typen von Sonderflügen:**
**Staatsbesuche**
- Transport von Staatsoberhäuptern befreundeter Länder
- Höchste Sicherheitsstufe und Geheimhaltung
- Spezielle Kabinenausstattung für VIPs
**"Technische Hilfsmissionen"**
- Transport von Ingenieuren und "Beratern"
- Oft militärische Experten in Zivil
- Zielländer: Afrika, Naher Osten, Lateinamerika
**Humanitäre Flüge**
- Katastrophenhilfe und medizinische Notfälle
- Meist kurzfristig angesetzte Missionen
- Gute Publicity für die DDR
**Die mysteriösen Nachtflüge**
Besonders rätselhaft waren die nächtlichen Flüge, die ohne Passagiere starteten:
- **Ziele:** Meist Afrika oder Naher Osten
- **Fracht:** Streng geheim, schwer bewacht
- **Personal:** Nur ausgewählte, politisch zuverlässige Crews
- **Vermutung:** Waffentransporte oder Geheimdienst-Material
### Piloten als Diplomaten
Die Interflug-Crews waren mehr als nur Flugpersonal - sie waren inoffizielle Botschafter der DDR. Besonders auf den exotischen Routen waren sie oft die ersten und einzigen DDR-Bürger, die die Gastländer zu sehen bekamen.
**Besondere Herausforderungen:**
**Kulturelle Unterschiede**
- Training in lokalen Bräuchen und Gepflogenheiten
- Sprachkurse für die wichtigsten Destinationen
- Diplomatisches Gespür in heiklen Situationen
**Sicherheitsrisiken**
- Flüge über Krisengebiete
- Landungen auf schlecht ausgerüsteten Flughäfen
- Politische Unruhen in den Zielländern
**Technische Herausforderungen**
- Extreme Klimabedingungen (Wüste, Tropen, Hochgebirge)
- Schlechte Navigationshilfen
- Mangelnde Wartungsmöglichkeiten vor Ort
**Kapitän Manfred Streit**, Veteran der Afrika-Routen: "Wir waren Piloten, Mechaniker, Diplomaten und manchmal auch Seelsorger in einem. Jeder Flug war ein Abenteuer, und wir haben die DDR würdig vertreten."
### Die Schattenseiten des Abenteuers
Die exotischen Routen brachten nicht nur Prestige, sondern auch Probleme:
**Wirtschaftliche Verluste**
- Viele Routen waren defizitär
- Hohe Betriebskosten bei geringer Auslastung
- Politische Ziele wichtiger als Wirtschaftlichkeit
**Sicherheitsprobleme**
- Mehrere Beinahe-Zwischenfälle über Krisengebieten
- Erpressung und Bedrohung der Crews
- Entführungsversuche (erfolgreich abgewehrt)
**Politische Komplikationen**
- Diplomatische Verwicklungen bei Regierungswechseln
- Vorwürfe des Waffen- und Geheimdienst-Transports
- Spannungen mit westlichen Ländern
### Zahlen und Fakten der exotischen Ära
**Höhepunkt 1980:**
- **47 Destinationen** in 35 Ländern
- **Längste Route:** Berlin-Havanna (8.500 km)
- **Exotischste Route:** Berlin-Sanaa (6.200 km)
- **Gefährlichste Route:** Berlin-Luanda (Bürgerkrieg)
**Besondere Rekorde:**
- **1978:** Erste Direktverbindung Europa-Angola
- **1979:** Längster Nonstop-Flug einer DDR-Airline: Berlin-Delhi
- **1980:** 15% aller Passagiere flogen in "exotische" Destinationen
### Das Ende einer Ära
Die exotischen Routen waren ein Kind des Kalten Krieges. Als sich die Weltlage in den 80er Jahren entspannte, verloren viele dieser Verbindungen ihre Bedeutung. Wirtschaftliche Zwänge und politische Veränderungen führten nach und nach zur Einstellung der abenteuerlichsten Routen.
**Chronologie des Rückzugs:**
- **1981:** Lagos eingestellt (Nigeria-Krise)
- **1982:** Sanaa eingestellt (Bürgerkrieg Jemen)
- **1983:** Addis Abeba reduziert
- **1985:** Luanda eingestellt (Kostendruck)
Nur die Kuba-Route überlebte bis zum Ende der Interflug - sie war zu wichtig als Symbol der sozialistischen Solidarität.
### Vermächtnis der großen Zeit
Die exotischen Routen der Interflug bleiben bis heute ein faszinierendes Kapitel der Luftfahrtgeschichte. Sie zeigten, was möglich war, wenn Politik und Idealismus sich verbündeten - auch wenn der wirtschaftliche Preis hoch war.
Für eine Generation von DDR-Bürgern waren diese Flüge das Fenster zur weiten Welt. Havanna, Hanoi, Kairo - Namen, die Träume weckten und das graue Alltagsleben überstrahlen.
### Ausblick auf Teil 4
Die Zeit der großen Abenteuer neigte sich dem Ende zu. In den 80er Jahren musste sich Interflug neuen Realitäten stellen: Westliche Technologie, kommerzielle Effizienz und ein sich wandelndes politisches Umfeld. Wie die DDR-Airline versuchte, mit der Zeit zu gehen, erfahren Sie im nächsten Teil.
**Bleiben Sie dabei für Teil 4:** "Westwind - Der Wandel der 80er Jahre"
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*Dies ist Teil 3 der fünfteiligen Serie über die Geschichte der Interflug. Haben Sie selbst eine der exotischen Routen erlebt? Waren Sie in Havanna, Hanoi oder einer der afrikanischen Destinationen? Teilen Sie Ihre Erinnerungen und Fotos in den Kommentaren!*
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