Wer war zuerst da?



Es gibt Sätze, die einem nicht mehr loslassen. Mein Vater — er ist leider schon lange nicht mehr unter uns — hatte einen davon, den er in solchen Situationen immer hervorholte: *Wer war zuerst da, die Anwohner oder das Gewerbegebiet?*

An der Virnsberger Straße in Nürnberg-West entsteht gerade ein neues Logistikzentrum auf dem sogenannten Meister-Areal. Union Investment investiert 60 Millionen Euro in die Umwandlung eines alten Fachmarktzentrums — rund 100.000 Quadratmeter, zuletzt mit einem Real-Markt als Ankermieter — in einen modernen City-Logistik-Hub mit rund 20.000 bis 27.000 Quadratmeter Logistikfläche, ergänzt um einen Edeka-Nahversorger, Gewerbeflächen, Photovoltaik und Dachbegrünung. Der Abriss läuft seit Oktober 2024, die Fertigstellung ist schrittweise für 2026 und 2027 geplant.

Der Bürgerverein Nürnberger Westen sorgt sich um das Lkw-Aufkommen. Die Nürnberger Nachrichten berichten darüber, eingeordnet unter der Rubrik "Aufreger". So weit, so üblich.

Nur: bevor man kollektiv in Sorge verfällt, wäre die naheliegendste Frage eigentlich die meines Vaters.

Denn auf dem Meister-Areal stand vorher ein Fachmarktzentrum. Fachmarktzentren haben Lieferverkehr. Großflächiger Einzelhandel hat Lkw. Der Real-Markt wurde nicht per Lastenfahrrad beliefert. Das Gewerbegebiet Kleinreuth bei Schweinau ist darüber hinaus kein Zufallsprodukt der letzten Monate — es existiert, weil dort Gewerbe hingehört. Die Stadt Nürnberg führt das Areal selbst als Logistikstandort. Und die gute Anbindung an Südwesttangente und Frankenschnellweg, die der Bürgerverein als Problem benennt, ist natürlich exakt der Grund, warum Logistik dort funktioniert — und warum Union Investment 60 Millionen Euro investiert.

 Wer das Projekt schon einmal auf einer Karte angeschaut hat, stellt fest: Die Nürnberger Ringbahn läuft direkt am Gelände vorbei. Das ist keine Randnotiz. City-Logistik und Schienenanbindung passen ausgesprochen gut zusammen — Cargo-Tram, Güterumschlag, kombinierter Verkehr. Andere Städte denken in diese Richtung. Ob das hier jemand ernsthaft geprüft hat oder ob man sich mit 60 Millionen Euro einfach auf die Straßenanbindung verlässt, wäre eine Frage, die ich als Bürgerverein stellen würde. Eine produktivere jedenfalls als die generelle Klage über Lkw auf einer Gewerbegebietszufahrt.

Das Phänomen ist nicht neu und nicht auf die Virnsberger Straße beschränkt. Man kennt es von Flughäfen, von Bahnstrecken, von Autobahnen: Da gibt es ein Grundstück, eine Wohnung, ein Haus — und das ist günstig. Auffällig günstig. Weil nebenan etwas ist, das Lärm macht oder Verkehr erzeugt. Wer dort kauft oder mietet, trifft eine Entscheidung. Der Preis ist dabei der ehrlichste Hinweis, den der Markt geben kann.

Das soll keine Empathielosigkeit sein. Lärm ist unangenehm, nächtlicher Lkw-Verkehr ist belastend, und konkrete Zahlen — die übrigens öffentlich bisher fehlen — wären durchaus wünschenswert. Aber der Reflex, ein Logistikzentrum auf einer ausgewiesenen Gewerbefläche zu beklagen, auf der vorher schon gewerblicher Lieferverkehr stattfand, verdient zumindest eine Gegenfrage.

Und die Lokalpresse, die das als Bürgeranliegen aufgreift, ohne diese Frage auch nur anzudeuten, macht es sich ein bisschen einfach. Betroffenheit erzeugt Klicks. Die Einordnung ist mühsamer.

Mein Vater hatte das in einem Satz. Ich habe jetzt einen Blogbeitrag gebraucht.


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