Das Mittelmeer, die Flut, die nicht kam — Ein Beitrag über wissenschaftliche Konsensmodelle, geologische Geduld und die Kunst, an der falschen Stelle zu suchen
Am 6. Oktober 1970 kehrte das Tiefseebohrschiff Glomar Challenger in den Hafen von Lissabon zurück. In seinen Bohrkernbehältern steckte das, was die Geologie des Mittelmeers für die nächsten fünfzig Jahre definieren sollte: Gips, Halit, Muschelreste aus hochkonzentrierter Salzlake. Das Mittelmeer, so lautete die Schlussfolgerung, war vor etwa sechs Millionen Jahren ausgetrocknet. Eine riesige, salzgefüllte Senke, bis zu zwei Kilometer tief unter dem globalen Meeresspiegel. Und dann, eine halbe Million Jahre später, soll der Atlantik durch die heutige Straße von Gibraltar eingebrochen sein — in einem Wasserfall, der nach Angaben der Entdecker hundertmal größer gewesen wäre als die Victoriafälle.
Klingt nach großem Kino. David Attenborough drehte eine Dokumentation darüber. Gibraltar gab eine Briefmarke heraus. Der Konsens war geboren.
Und jetzt, im Mai 2026, erscheint in Spektrum der Wissenschaft ein Artikel mit dem Titel: „Die Sintflut, die nicht stattfand.“
Was die neue Forschung sagt
Der Artikel von Dana Mackenzie, übersetzt aus dem Knowable Magazine, referiert den aktuellen Stand einer wissenschaftlichen Revision, die seit der Jahrtausendwende an Fahrt gewinnt. Die Kernaussagen:
Das Bild einer vollständigen Austrocknung und anschließenden katastrophalen Flut gilt vielen Geologen inzwischen als überholt. Wahrscheinlicher sind zyklische, teilweise Abriegelungen des Mittelmeers vom Atlantik — gesteuert durch orbitale Klimazyklen im 23.000-Jahre-Takt, die den Meeresspiegel immer wieder leicht anhoben und senkten und damit die damals sehr flache Verbindung öffneten und schlossen. Die Salzablagerungen auf Sizilien zeigen 16 solcher Schichten, die genau diesem Rhythmus entsprechen.
Das sogenannte Austrocknungsmodell hat zudem ein grundlegendes Mengenproblem: Die vorhandenen Salzablagerungen unter dem Mittelmeer entsprechen etwa fünf Prozent des gesamten Salzgehalts der Weltmeere. Um diese Menge durch einmalige Verdunstung zu erklären, müsste das Becken rund zehnmal leergelaufen und wieder vollgelaufen sein. Was die Zyklus-Theorie stützt — und die Katastrophen-Theorie belastet.
Der schlagendste neue Befund stammt aus der letzten Expedition der JOIDES Resolution, der Nachfolgerin der Glomar Challenger, im Dezember 2023. Das Forschungsschiff bohrte im Alborán-Meer — dem Becken direkt östlich der Straße von Gibraltar, der sogenannten Vorhalle jedes möglichen Atlantikeinbruchs. Das Ergebnis, so die britische Geowissenschaftlerin Rachel Flecker: fein laminierte Sedimentkerne in verschiedenen Farben, die ruhige, energiearme Ablagerungsbedingungen anzeigen. Keine Salzschicht. Keine Flutspuren. Genau das Gegenteil dessen, was eine Megaflut hinterlassen hätte.
Fleckers Fazit ist deutlich: Die Verbindung zwischen Atlantik und Mittelmeer verlief vor und während der Salinitätskrise nicht durch Gibraltar. Das bedeutet: Fünfzig Jahre lang wurde an der falschen Stelle gesucht.
Das eigentliche Tor war woanders
Wo dann? Möglicherweise durch einen vulkanischen Inselbogen, der Afrika einst mit den Balearen verband. Möglicherweise durch Kanäle quer durch Spanien oder Marokko, die heute über dem Meeresspiegel liegen, aber vor sieben Millionen Jahren noch unter Wasser standen. Das Mittelmeer der Messinischen Periode sah ohnehin grundlegend anders aus als heute — das Tyrrhenische Becken war noch nicht geöffnet, Sizilien ragte noch nicht so weit aus dem Untergrund, die Küstenlinien waren andere.
Für Phase 3 der Krise, das sogenannte Lago-Mare-Stadium, liefert ein Computermodell von Daniel García-Castellanos aus dem Jahr 2025 eine elegante Lösung: Das Mittelmeer wurde in dieser Phase nicht durch den Atlantik, sondern durch die Erosion seiner eigenen, steil abfallenden Küsten wieder mit Wasser versorgt — von Osten, aus dem damals viel größeren Süßwassersee Paratethys, dem Vorläufer von Schwarzem Meer und Kaspischem See. Wolga, Don, Donau als indirekte Zulieferer. Das Ergebnis: ein Meeresspiegel, der sich etwa 300 Meter unter dem heutigen Niveau stabilisierte — weder leeres Becken noch voller Ozean.
Warum mich das nicht überrascht
Ich sage das ohne Häme gegenüber den Forschern der frühen 1970er Jahre, die unter den damaligen technischen Möglichkeiten solide Arbeit geleistet haben. Aber die Geschichte der Messinischen Salinitätskrise ist ein Lehrbuchbeispiel für etwas, das ich für ein wiederkehrendes Muster in der Wissenschaftskommunikation halte: Das dramatischste Modell setzt sich durch, weil es sich am besten erzählen lässt.
Sintflut. Megaflut. Tausendfach mächtiger als der Niagara. Briefmarke. Attenborough-Dokumentation.
Der nüchternere Befund — zyklische Teilabriegelungen, schrittweise Wiederbefüllung, kein einzelnes Auslöseereignis — ist erklärungsbedürftiger und fotogener ist er auch nicht. Aber er ist wahrscheinlich näher an der Wirklichkeit.
Was mich an diesem Fall besonders beschäftigt, ist der Satz des Sedimentologen Vinicio Manzi, der am Ende des Spektrum-Artikels steht: „In gewisser Weise ist das noch beangstigender, weil es zeigt, dass man extreme Zustände auch ohne extreme Ereignisse erreichen kann.“ Das ist der Satz, über den ich nachdenke.
Und jetzt zum Eger Graben
Ich habe an dieser Stelle schon mehrfach über die Seismizität im Eger Graben und im Vogtland geschrieben, über das ELISE-Forschungsprojekt, über die Frage, was unter Böhmen brodelt. Meine persönliche Überzeugung — ich halte das für geologisch zwingend, auch wenn der Zeithorizont viele Menschenleben umspannen mag — ist, dass in dieser Region irgendwann vulkanische Aktivität stattfinden wird. Nicht als Apokalypse. Nicht als Yellowstone-Szenario. Aber als das, was der Eger Graben tektonisch ankündigt: ein Rift, der sich entwickelt, ein Mantel, der aufsteigt, CO₂-Ausgasungen, die seit Jahrzehnten gemessen werden.
Was die Salinitätskrise lehrt, ist genau das, was ich für den Eger Graben für relevant halte.
Kein Knall nötig. Keine Megaflut. Keine Zancleische Katastrophe.
Eine leichte Verflachung der Meeresstraße — vielleicht ein paar Dutzend Meter über Äonen — hat gereicht, um das gesamte Mittelmeer chemisch umzustrukturieren und 89 Prozent aller endemischen marinen Arten auszulöschen. Nicht durch ein singuläres Ereignis, sondern durch den unspektakulären, akkumulierten Effekt kleiner geologischer Veränderungen über Zehntausende von Jahren.
Der Eger Graben öffnet sich. Langsam. Unauffällig. Die Schwarmbeben im Vogtland sind kein Zufall, sondern Symptom. Die CO₂-Ausgasungen, die in der Region gemessen werden, sind kein lokales Kuriosum, sondern ein Signal.
Ob das in hundert Jahren zu einem phreatomagmatischen Ereignis führt oder in zehntausend — das weiß niemand. Ich auch nicht. Aber die Frage, ob es kommt, stellt sich mir nicht mehr.
Was mich die Salinitätskrise gelehrt hat: Man muss nicht auf die Megaflut warten, um zu verstehen, dass die Geologie bereits in Bewegung ist.
Ein kurzes Nachspiel zu den Bohrschiffen
Es gibt einen weiteren Aspekt des Spektrum-Artikels, der mich beschäftigt — und der wenig mit Geologie, viel aber mit Forschungsinfrastruktur zu tun hat.
Die JOIDES Resolution, das Schiff, das im Dezember 2023 die entscheidenden Bohrkerne aus dem Alborán-Meer holte, ist außer Dienst gestellt worden. Rachel Flecker formuliert es so: „Genau in dem Moment, als wir die nötige Technologie entwickelten, um auf diese Proben zuzugreifen, verloren wir das dafür geeignete Schiff.“
Man könnte das als Randnotiz abtun. Ich tue das nicht. Die Messinische Salinitätskrise hatte Auswirkungen auf das globale Klima — durch die Bindung von Kohlenstoff in Gipsablagerungen, deren spätere Auflösung Wärme freisetzt. Proben aus dieser Periode könnten helfen, aktuelle Klimamodelle zu kalibrieren. Und das Werkzeug, um diese Proben zu gewinnen, existiert nicht mehr.
Das ist keine Katastrophe. Das ist schleichender Verlust. Ohne Knall.
Auch das kennen wir.
Quellen und weiterführende Lektüre
Dana Mackenzie, „The cataclysmic flood that wasn’t“, Knowable Magazine 2026, übersetzt in Spektrum der Wissenschaft, 22. Mai 2026.
García-Castellanos et al., Science Advances, 2025.
Aloisi et al., Nature Communications, 2024.
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