Zwei Stunden Pathos und der Wunsch nach einer Zigarette: Ein Kinoabend mit Godzilla

 Gestern war ich mit zwei meiner drei Patenkinder im Kino. Es lief „Godzilla Minus Zero“, die Fortsetzung von „Godzilla Minus One“, jenem japanischen Film, der 2024 überraschend den Oscar für die besten visuellen Effekte geholt hat. Die Erwartungen waren also nicht ganz klein. Die Ernüchterung kam trotzdem nicht vom Monster, sondern von der Erzählweise.

Um es kurz zu machen: Man muss das japanische Kino gewohnt sein. Ich bin es nicht, und die beiden neben mir waren es auch nicht. Befremdlich war das Wort, auf das wir uns hinterher einigen konnten. Ich gebe offen zu, dass ich zwischendurch den dringenden Wunsch verspürte, kurz rauchen zu gehen. Das ist bei einem Film über eine sechzig Meter hohe, radioaktive Echse eine bemerkenswerte Leistung.

Das hat mich trotzdem neugierig gemacht. Warum fühlt sich ein Godzilla aus Tokio so völlig anders an als einer aus Hollywood? Die Antwort liegt, wie so oft, in der Geschichte.

1954: Ein Monster aus dem Fallout

Am 1. März 1954 zündeten die USA auf dem Bikini-Atoll die Wasserstoffbombe Castle Bravo. Die Sprengkraft fiel rund zweieinhalbmal so hoch aus wie berechnet. Der Fallout ging unter anderem auf das japanische Fischerboot „Daigo Fukuryū Maru“ nieder, den „Glücklichen Drachen Nr. 5“. Die Besatzung kehrte strahlenkrank zurück, der Funker Aikichi Kuboyama starb im September desselben Jahres. Neun Jahre nach Hiroshima und Nagasaki war das für Japan kein Zwischenfall, sondern ein offener Nerv.

Am 3. November 1954 kam Ishirō Hondas „Gojira“ in die japanischen Kinos. Der Name ist eine Mischung aus den japanischen Wörtern für Gorilla und Wal. Das Monster wird durch Atomtests aus der Tiefe geweckt und legt Tokio in Schutt und Asche. Die Bilder von verbrannten Straßen, Notlazaretten und strahlenverseuchten Kindern waren keine Fantasie, sondern Erinnerung. Godzilla war von Anfang an kein Bösewicht, sondern die Bombe mit Schuppen.

Der 3. November ist bis heute der „Godzilla Day“. Nicht zufällig sind auch „Minus One“ 2023 und „Minus Zero“ 2026 in Japan genau an diesem Tag gestartet.

1956: Die erste Amerikanisierung

Interessant ist, was die Amerikaner zwei Jahre später daraus machten. Für den US-Markt wurde der Film zu „Godzilla, King of the Monsters!“ umgeschnitten. Man drehte Szenen mit Raymond Burr als amerikanischem Reporter nach, die nachträglich in den Film montiert wurden, und schwächte die Kritik an den Atomtests deutlich ab. Aus einer Anklage wurde ein Monsterfilm mit Augenzeugen. Damit war das Muster für die nächsten siebzig Jahre gesetzt.

Siebzig Jahre, zwei Welten

In Japan hat die Reihe mehrere Epochen durchlaufen. In der Shōwa-Ära bis 1975 wandelte sich Godzilla vom Schrecken zum Beschützer Japans, der sich mit Mothra, King Ghidorah und Mechagodzilla prügelte, zuweilen mit einer Choreografie, die eher an Catchen erinnerte als an Katastrophenkino. Die Heisei-Ära ab 1984 wurde wieder ernster und endete 1995 konsequent mit Godzillas Tod durch eine Art Kernschmelze. Die Millennium-Ära ab 1999 bestand fast nur aus Neustarts.

Seit 2016 läuft die Reiwa-Ära, und die hat es in sich. „Shin Godzilla“ von Hideaki Anno ist im Grunde eine Satire auf die japanische Verwaltung nach Fukushima. Das Monster verwüstet Tokio, während Ministerien in endlosen Sitzungen Zuständigkeiten klären, Protokolle abstimmen und Pressekonferenzen vorbereiten. Ich habe selten einen Film gesehen, der Bürokratie so präzise seziert. Wer meinen Beitrag über den Aktendeckel als Nationalheiligtum kennt, ahnt, dass mir das gefallen hat. „Minus One“ wiederum verlegte die Handlung in das zerstörte Nachkriegsjapan von 1947 und erzählte von einem Kamikaze-Piloten, der nicht gestorben ist und daran fast zerbricht.

Hollywood hat es zweimal versucht. 1998 lieferte Roland Emmerich eine Riesenechse ab, die in New York Eier legte und bei Fans so verhasst war, dass Toho sie später offiziell umbenannte: Sie heißt seither nur noch „Zilla“. Ab 2014 kam das sogenannte MonsterVerse von Legendary Pictures mit „Godzilla“, „Kong: Skull Island“, „King of the Monsters“, „Godzilla vs. Kong“, „The New Empire“ und der Serie „Monarch“. Dort ist Godzilla ein uralter Titan, der das Gleichgewicht der Natur wiederherstellt, notfalls auch gegen einen Riesenaffen. Im März 2027 soll mit „Godzilla x Kong: Supernova“ der nächste Teil kommen.

Warum uns das japanische Kino so fremd ist

Der Unterschied liegt nicht im Monster, sondern im Bauplan. Westliches Erzählkino folgt fast immer demselben Schema: ein Held, ein Konflikt, eine Eskalation, ein Sieg. Die klassische japanische Erzählstruktur, das Kishōtenketsu, kennt diesen Zwang zum Konflikt nicht. Sie führt ein, entwickelt, setzt eine Wendung und fügt dann zusammen. Das fühlt sich für uns an, als würde der Film immer wieder anhalten, um nachzudenken. Genau das tut er auch.

Dazu kommt das Schauspiel. Gefühle werden laut und unübersehbar gezeigt: Schreie, Tränen, tiefe Verbeugungen, lange Blicke ins Leere. Für westliche Augen wirkt das schnell überzogen, in Japan ist es eine eigene Tradition, die vom Theater kommt. Und schließlich ist da das Kollektiv. Bei uns rettet Bruce Willis allein die Welt, in Tokio packen Ingenieure, Fischer, Veteranen und Beamte gemeinsam an. Das ist ehrlicher, aber eben weniger heroisch.

Der wichtigste Unterschied aber ist Godzilla selbst. Im amerikanischen Film ist er ein Gegner oder ein Verbündeter, also eine Figur. Im japanischen Film ist er eine Katastrophe, vergleichbar mit einem Erdbeben oder einem Tsunami. Man besiegt ihn nicht, man übersteht ihn. Wer in einem Land lebt, das regelmäßig von der Natur durchgeschüttelt wird, erzählt solche Geschichten anders als jemand, dessen größte Bedrohung im Kino ein Außerirdischer mit schlechten Absichten ist.

Und die Tränendrüse?

Eines muss man „Minus Zero“ lassen: Er drückt nicht so penetrant auf die Tränendrüse, wie Hollywood es zu tun pflegt. Keine Geigen im Sonnenuntergang, keine Flagge im Wind, kein kleiner Hund, der in letzter Sekunde gerettet wird. Ganz frei von Pathos ist er deshalb nicht, es kommt nur aus einer anderen Richtung. Die Japaner leiden mit Haltung, die Amerikaner mit Orchester. Was einem davon besser bekommt, ist Geschmackssache. Mir persönlich ist das stille Leiden lieber, auch wenn es mich zwischendurch vor die Tür treiben wollte.

Fazit

Für meine Patenkinder ist das MonsterVerse vermutlich die bessere Wahl: laut, schnell, bunt und ohne viele Worte. Insofern steht der nächste Kinoabend im März schon halb fest. Für mich bleibt die Erkenntnis, dass Godzilla eigentlich zwei völlig verschiedene Wesen sind, die zufällig denselben Namen tragen. Das eine ist ein Mahnmal des Atomzeitalters, das andere ein Popcorn-Titan.

Vielleicht ist es mit dem japanischen Godzilla ein wenig wie mit den Kinderfotos bei der Verwandtschaft: Als Kind findet man sie befremdlich, und zwanzig Jahre später versteht man plötzlich, warum sie jemand aufgehängt hat.

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