Von der Farbenfabrik zum Fotokonzern: Die Geschichte von Agfa
*Ein Rückblick auf 160 Jahre Innovations- und Unternehmensgeschichte*
---
## Die Geburtsstunde einer Legende (1867)
Die Geschichte von Agfa beginnt im Jahr 1867 in Berlin – damals noch im Königreich Preußen. Carl Alexander von Martius und Paul Mendelssohn-Bartholdy, der Sohn des berühmten Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy, gründeten die **Aktien-Gesellschaft für Anilin-Fabrikation** – kurz: Agfa. Das Unternehmen widmete sich zunächst der Herstellung von Anilinfarbstoffen, einem damals hochmodernen Industriezweig, der auf der neu entdeckten Teerchemie basierte.
Der Name „Agfa" ist ein Akronym dieser ursprünglichen Firmenbezeichnung und sollte das Unternehmen durch alle seine späteren Wandlungen hindurch begleiten. Dass aus einer Berliner Farbenfabrik einmal ein weltbekanntes Fotounternehmen werden würde, ahnte damals wohl kaum jemand.
---
## Der Weg in die Fotografie (1880er–1920er Jahre)
Der entscheidende Schwenk zur Fotografie vollzog sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts. 1894 begann Agfa mit der Produktion von fotografischen Trockenplatten und Papieren – und legte damit den Grundstein für das Geschäftsfeld, das den Konzern über ein Jahrhundert prägen sollte.
In den Folgejahrzehnten entwickelte sich Agfa zu einem der führenden Hersteller von fotografischen Materialien in Europa. Die Gründung des **Agfa-Filmwerks** in Wolfen (Sachsen-Anhalt) im Jahr 1909 markierte einen weiteren Meilenstein: Hier entstand eine der größten Filmfabriken der Welt, die über Jahrzehnte hinweg Millionen von Filmrollen produzierte.
1925 vollzog sich eine wegweisende industrielle Konsolidierung: Agfa wurde Teil des neu gegründeten **IG Farben**-Konzerns, einem der mächtigsten Chemieunternehmen der Welt. Diese Eingliederung brachte erhebliche Ressourcen und technologische Synergien mit sich.
---
## Innovation in Farbe: Die Agfacolor-Ära (1930er–1950er Jahre)
Der vielleicht bedeutendste technische Durchbruch in der Geschichte von Agfa gelang 1936: die Markteinführung von **Agfacolor Neu**, dem ersten praktisch nutzbaren Mehrschichten-Farbumkehrfilm. Dieses Verfahren revolutionierte die Amateurfotografie und Filmproduktion weltweit. Das Agfacolor-Verfahren lag technisch auf Augenhöhe mit dem kurz zuvor eingeführten amerikanischen Kodachrome und wurde zur Grundlage vieler moderner Farbfilmverfahren.
Während des Zweiten Weltkriegs geriet das Unternehmen tief in die Verstrickungen des NS-Regimes – ein dunkles Kapitel, das auch die IG Farben und ihre Tochtergesellschaften wie Agfa betraf, einschließlich des Einsatzes von Zwangsarbeit.
Nach Kriegsende und der Auflösung der IG Farben 1945 durch die alliierten Siegermächte wurde Agfa neu strukturiert. Es entstanden zwei weitgehend unabhängige Nachfolgeunternehmen: **Agfa AG** im westdeutschen Leverkusen (später Teil von Bayer) und die **VEB Filmfabrik Wolfen** im ostdeutschen Teil.
---
## Globaler Aufstieg und Bayer-Ära (1960er–1990er Jahre)
Im Westen erlebte Agfa unter dem Dach des Bayer-Konzerns eine Blütezeit. 1964 erfolgte die Fusion mit dem belgischen Fotounternehmen **Gevaert** zur **Agfa-Gevaert N.V.**, die ihren Sitz in Mortsel bei Antwerpen hatte. Diese Verbindung schuf einen der größten Fotokonzerne der Welt und stärkte die globale Wettbewerbsfähigkeit erheblich.
In den folgenden Jahrzehnten expandierte Agfa-Gevaert in zahlreiche Marktsegmente: Neben dem klassischen Fotofilm umfasste das Portfolio nun auch medizinische Bildgebung, grafische Systeme sowie industrielle Anwendungen. Der ikonische **Agfa-Fotofilm** wurde in dieser Zeit in aller Welt verkauft und war ein Synonym für erschwingliche Qualitätsfotografie.
---
## Die digitale Herausforderung und der Niedergang des Filmgeschäfts (1990er–2000er Jahre)
Mit dem Aufkommen der Digitalfotografie in den 1990er Jahren geriet das traditionelle Filmgeschäft unter enormen Druck. Agfa reagierte mit Investitionen in digitale Technologien, konnte den strukturellen Rückgang des Analogfilmgeschäfts aber letztlich nicht aufhalten. Im Jahr 2004 meldete die Konsumfotografie-Sparte **Agfa Photo** Insolvenz an – ein Schock für die Branche und das Ende einer Ära für Millionen von Amateurfotografen.
Gleichzeitig wurden Teile des Unternehmens ausgegliedert: Das medizinische Bildgebungsgeschäft lief unter **Agfa HealthCare** weiter, die grafischen Systeme unter **Agfa Graphics**.
---
## Agfa heute: Transformation und Neuausrichtung
Das heutige Agfa-Gevaert fokussiert sich auf drei Kernbereiche: digitale Röntgensysteme und medizinische IT (**Radiology Solutions**), Inkjet-Tinten und Druckplatten (**Digital Print & Chemicals**) sowie Offsetdrucklösungen (**Offset Solutions**). Der einstige Massenhersteller von Fotofilmen ist heute ein Spezialist für Industrie- und Medizintechnologie.
---
## Das bleibende Erbe
Die Geschichte von Agfa ist eine Geschichte von Wandel, Innovation und Anpassung. Millionen von Familienfotos weltweit wurden auf Agfa-Film gebannt, bedeutende Spielfilme nutzten das Agfacolor-Verfahren, und die Fabrik in Wolfen ist heute ein lebendiges Denkmal der Fotogeschichte.
Agfa mag als Fotomarke für Verbraucher heute nahezu verschwunden sein – die Geschichte dieses einzigartigen deutschen Unternehmens bleibt jedoch ein faszinierendes Kapitel der Industrie- und Kulturgeschichte.
---
*Quellen und weitere Lektüre: Agfa-Gevaert Unternehmensarchiv, FilmMuseum Wolfen, Historisches Unternehmensarchiv Bayer AG*
Kommentare
Kommentar veröffentlichen