Vom Weltmarktführer zum Insolvenzfall:
Es gibt kaum ein besseres Beispiel für den dramatischen Wandel einer Branche als die Geschichte der Eastman Kodak Company. Gegründet Ende des 19. Jahrhunderts, wurde Kodak zum Synonym für Fotografie – und scheiterte am Ende ausgerechnet an einer Erfindung, die aus dem eigenen Haus stammte. Ein Blick auf mehr als 130 Jahre unternehmerischen Auf- und Abstiegs.
1. Die Gründung: Ein Selfmade-Unternehmer mit Vision (1880–1900)
Die Geschichte von Kodak beginnt mit einem Mann, der nie das College besuchte: George Eastman, geboren 1854 in Waterville, New York. Als junger Buchhalter entdeckte er seine Leidenschaft für die Fotografie – ein damals mühsames Handwerk, das schweres Equipment und chemische Kenntnisse erforderte.
1880 begann Eastman in seiner Küche mit der Entwicklung von trockenem Fotopapier und Glasplatten. Bereits drei Jahre später gründete er die Eastman Dry Plate Company in Rochester, New York. Sein eigentlicher Durchbruch gelang ihm jedoch 1888 mit dem ersten Kodak-Rollfilm und der dazugehörigen Kamera.
Der Slogan war so simpel wie revolutionär: »You press the button, we do the rest.« Die Kamera kostete 25 Dollar, beinhaltete einen 100-Bilder-Film und wurde nach dem Entwickeln komplett an Kodak eingeschickt – das Unternehmen entwickelte die Fotos, lud einen neuen Film ein und schickte die Kamera zurück. Fotografie war damit zum ersten Mal für jedermann zugänglich.
2. Aufstieg zur Weltmacht: Kodak dominiert den Markt (1900–1960)
Mit der Brownie-Kamera, die 1900 für nur einen Dollar auf den Markt kam, demokratisierte Kodak die Fotografie endgültig. Millionen von Haushalten konnten sich nun eine Kamera leisten. Kodak wuchs rasant und dehnte seine Aktivitäten weltweit aus.
Im frühen 20. Jahrhundert expandierte das Unternehmen massiv: Produktionsstätten in England, Frankreich und Kanada entstanden. Kodak produzierte nicht nur Kameras und Filme, sondern entwickelte auch Chemikalien, Papiere und Drucker. Das Geschäftsmodell war brillant: Die Kamera war erschwinglich, aber die regelmäßig benötigten Filme und Entwicklungsservices brachten den eigentlichen Gewinn – ein früher »Rasierer und Klingen«-Ansatz.
George Eastman war auch als Philanthrop bekannt: Er spendete große Teile seines Vermögens an Bildungseinrichtungen und Kliniken, darunter das MIT und die Universität Rochester. 1932 beendete er sein Leben selbst – mit einem letzten handgeschriebenen Abschiedsbrief, der lautete: »My work is done. Why wait?«
3. Das goldene Zeitalter: Kodak auf dem Höhepunkt (1960–1980)
Die 1960er und 70er Jahre waren Kodaks glorreiche Ära. Das Unternehmen hielt zeitweise über 90 Prozent des amerikanischen Filmmarktes und beschäftigte weltweit mehr als 60.000 Menschen – allein in Rochester über 30.000. Der Kodachrome-Film, 1935 eingeführt, galt als der beste Farbfilm der Welt und wurde von Profifotografen und Amateuren gleichermaßen geliebt.
Kodak war mehr als ein Unternehmen – es war Teil der amerikanischen Kultur. Familie bedeutete Kodak-Momente. Der Begriff »Kodak Moment« prägte die Sprache und beschrieb unvergessliche Augenblicke, die es festzuhalten galt. Die gelbe Verpackung der Kodak-Filme wurde zu einem der bekanntesten Markenzeichen der Welt.
4. Die verhängnisvolle Erfindung: Kodak und die Digitalkamera (1975)
Hier beginnt das vielleicht tragischste Kapitel der Unternehmensgeschichte. Im Jahr 1975 entwickelte der Kodak-Ingenieur Steve Sasson die erste funktionsfähige Digitalkamera der Welt. Das Gerät wog 3,6 Kilogramm, hatte eine Auflösung von 0,01 Megapixeln und brauchte 23 Sekunden, um ein einziges Bild auf einer Musikkassette zu speichern.
Als Sasson seine Erfindung dem Management präsentierte, soll die Reaktion ernüchternd gewesen sein. Die Führungsetage erkannte zwar das Potenzial, fürchtete aber, dass die Digitaltechnologie das hochprofitable Filmgeschäft kannibalisieren würde. Die Erfindung wurde unter Verschluss gehalten. Erst Ende der 1980er Jahre begann Kodak ernsthaft mit der Entwicklung digitaler Produkte – zu spät, wie sich zeigen sollte.
Diese Entscheidung gilt heute als Lehrbuchbeispiel für das Innovationsdilemma: Ein Unternehmen mit einem dominanten, hochprofitablen Geschäftsmodell ist strukturell kaum in der Lage, Technologien zu fördern, die eben dieses Modell zerstören – selbst wenn sie aus dem eigenen Haus stammen.
5. Der Absturz: Digitaler Wandel und verpasste Chancen (1990–2012)
In den 1990er Jahren begann der Niedergang schleichend. Der digitale Fotomarkt wuchs exponentiell, während der Verkauf von Analogfilmen einbrach. Konkurrenten wie Sony, Canon und später Samsung und Apple drängten mit digitalen Produkten auf den Markt und übernahmen Schritt für Schritt Marktanteile.
Kodak reagierte zu zögerlich und zu spät. Zwar brachte das Unternehmen 1991 eine professionelle digitale Spiegelreflexkamera auf den Markt und investierte Milliarden in digitale Technologien – doch es gelang nie, sich als führende Marke im Digitalzeitalter zu etablieren. Die Markenidentität war zu stark mit Analogfilm verknüpft.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 1996 war Kodak noch 28 Milliarden US-Dollar wert und beschäftigte weltweit 145.000 Menschen. Bis 2012 war der Aktienkurs um über 90 Prozent gefallen. Im Januar 2012 meldete Kodak Insolvenz nach Chapter 11 an.
6. Neustart: Kodak nach der Insolvenz (2013–heute)
2013 trat Kodak aus der Insolvenz heraus – als ein deutlich kleineres Unternehmen. Das Konsumentengeschäft mit Kameras und Filmen wurde weitgehend aufgegeben. Stattdessen konzentrierte sich Kodak auf B2B-Märkte: kommerzielle Drucktechnologie, Verpackungsdruck und industrielle Anwendungen.
Interessant ist, dass Kodak auch im analogen Bereich eine kleine Renaissance erlebte: Im Zuge des Vinyl- und Filmfoto-Comebacks in den 2010er Jahren begann Kodak, Klassiker wie den Ektachrome-Film neu aufzulegen. Eine Nischenrückkehr – aber einer, die zeigt, dass die Marke noch immer emotionale Kraft besitzt.
2020 sorgte Kodak kurzzeitig für Schlagzeilen, als die US-Regierung dem Unternehmen im Rahmen der Covid-19-Pandemie ein Darlehen von 765 Millionen Dollar zur Herstellung von Pharmavorprodukten in Aussicht stellte – das Projekt wurde jedoch nie realisiert.
7. Was bleibt: Lektionen aus dem Fall Kodak
Die Geschichte von Kodak ist mehr als eine Unternehmensbiografie – sie ist eine Warnung und eine Lehrgeschichte für die gesamte Wirtschaftswelt. Drei zentrale Lektionen lassen sich ableiten:
Innovationsdilemma: Marktführer sind am stärksten gefährdet, disruptive Technologien zu verschlafen – gerade weil sie so viel zu verlieren haben. Kodak erfand die Digitalkamera und begrub sie.
Markenidentität als Falle: Eine starke Marke kann auch lähmen. Kodak = Film war so fest verankert, dass ein Neubeginn als Digitalunternehmen psychologisch kaum möglich war.
Wandel als Überlebensfrage: Unternehmen müssen bereit sein, ihr eigenes Geschäftsmodell zu kannibalisieren, bevor es jemand anderes tut. Kodak zögerte – und bezahlte dafür.
»The Kodak Moment has passed.«
– The Economist, 2012
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