Alpine Divorce, dritter Akt: Diesmal ging es bergab

 


Nachtrag zu „Alpine Divorce, zweiter Akt: Diesmal ging es bergauf“

Am Sonntag habe ich mich über den Hochkönig aufgeregt. Über zwei Begleiter, die einen 20-Jährigen aus dem Nürnberger Raum am Königsjodler auf 2600 Metern zurückließen und weiter Richtung Gipfel stiegen, während er den Notruf absetzte. Ich dachte, damit sei das Thema für diesen Herbst durch. Dann las ich die Sammelmeldung zum Wochenende, und es stellte sich heraus: Am selben Allerheiligentag, ein paar Bergketten weiter westlich, hatte jemand die Variante in die andere Richtung ausprobiert.

Was am Stopselzieher passiert ist

Ein 21-Jähriger aus Bayern und eine 17-Jährige aus Baden-Württemberg brechen am 1. November gegen halb zwei Uhr nachts in Ehrwald auf. Ziel ist der Sonnenaufgang auf der Zugspitze, Route ist der Klettersteig Stopselzieher. Auf rund 2500 Metern stecken sie im teils kniehohen Schnee fest, das Weitergehen ist zu gefährlich. Dann trennen sie sich. Er steigt ins Tal ab. Sie bleibt oben und setzt den Notruf ab.

Ein Hubschrauber kann wegen des Wetters zunächst nicht fliegen. Also steigen sieben Bergretter aus Ehrwald von der Bergstation der Zugspitzbahn zu ihr ab, also von oben nach unten, durch denselben Schnee. Später gelingt doch noch die Bergung mit dem Polizeihubschrauber. Die junge Frau kommt ins Klinikum Garmisch und kann es nach der Erstuntersuchung unverletzt verlassen. Zum weiteren Abstieg des 21-Jährigen hat die Polizei bisher nichts gesagt.

Was die Meldung nicht sagt

Ich will fair bleiben. Wir kennen nur ein paar Zeilen Polizeibericht. Vielleicht hat er sich den Abstieg zugetraut und ihr nicht. Vielleicht war ausgemacht, dass er unten die Rettung einweist. Vielleicht wollte sie selbst nicht mehr weiter, weder rauf noch runter. Das alles ist möglich, und genau deshalb verurteile ich hier niemanden nach Paragrafen.

Aber eine Frage bleibt, und sie lässt sich nicht wegerklären. Hilfe holen musste er nicht, die hatte sie per Telefon schon gerufen. Es gab also nur zwei Möglichkeiten: Beide bleiben zusammen und warten, oder einer geht. Gegangen ist der 21-Jährige. Geblieben ist die 17-Jährige, nachts, allein, auf 2500 Metern im Schnee. Man kann das drehen, wie man will, es wird nicht besser.

Ein Steig mit Vorgeschichte

Der Stopselzieher gilt auf dem Papier als leichter Klettersteig, Schwierigkeit A/B. Es ist der kürzeste Weg von Ehrwald auf die Zugspitze, dafür mit rund 1750 Höhenmetern am Stück. Im Hochsommer bei gutem Wetter ist das eine schöne, lange Tour. Im November, nachts, nach Neuschnee, ist es etwas völlig anderes.

Das ist keine Theorie. Am 6. Dezember 2025 riss dort ein Schneebrett einen 19-Jährigen rund 350 Meter in die Tiefe, er war nicht am Seil gesichert und starb. Sein Begleiter hing gesichert am Stahlseil und setzte sofort den Notruf ab. Im Mai 2026 stürzte am selben Steig bei einer nächtlichen Begehung erneut ein 19-Jähriger tödlich ab, sein Begleiter wurde per Seilwinde aus der Wand geholt. Drei Notfälle junger Leute an einem Steig innerhalb eines Jahres, zwei davon tödlich. Man muss kein Bergführer sein, um da ein Muster zu sehen.

Drei Fälle, drei Richtungen

Lege ich die drei Fälle nebeneinander, ergibt sich ein seltsames Bild. Am Großglockner ging ein Partner los, um Hilfe zu holen. Das Gericht hat ihn nicht dafür verurteilt, sondern für die Fehler davor. Am Hochkönig gingen zwei Begleiter bergauf weiter, zu einer Hütte, die längst geschlossen war. Am Stopselzieher ging einer bergab. Die Richtungen unterscheiden sich, die Konstante nicht: Zurück bleibt jedes Mal der Schwächste, Erschöpfteste oder Jüngste.

Früher hat man das Seilschaft genannt. Man war im wörtlichen Sinne aneinander gebunden, und wer ging, nahm den anderen mit oder blieb eben. Das Klettersteigset hat diese Verbindung abgeschafft. Jeder hängt mit seinen eigenen Karabinern am Drahtseil, und offenbar hängt man innerlich inzwischen genauso allein da. Die Technik ist nicht schuld. Aber sie macht es leichter, zu vergessen, dass man zu zweit losgegangen ist.

Und wieder die anderen

Was in all diesen Meldungen untergeht, sind wieder die sieben aus Ehrwald. Ehrenamtliche, die an einem Feiertag von der Bergstation aus in den Schnee absteigen, weil der Hubschrauber nicht fliegen kann, und weil zwei junge Leute um halb zwei nachts einen Sonnenaufgang wollten. Die sind nicht gegangen. Die sind gekommen.

Gerhard Kremser hat am Hochkönig gesagt, die Berge laufen nicht davon. Das stimmt. Manche Begleiter laufen dafür inzwischen in beide Richtungen.

Quellen

tirol.ORF.at: Notlage bei nächtlicher Tour auf Zugspitze, 01.11.2026

MeinBezirk.at (Reutte): Kletterei im Schnee, Jugendliche in alpiner Notlage, 01.11.2026

VOL.AT / APA: Duo bei nächtlicher Tour auf Zugspitze in Notlage geraten, 02.11.2026

ALPIN.de: Kniehoher Schnee an der Zugspitze: 17-Jährige aus Stopselzieher-Klettersteig gerettet, 02.11.2026

Kreisbote: Schnee und schlechtes Wetter: Bergsteiger geraten an der Zugspitze in Notlage, 02.11.2026

bergsteigen.com: Lawine geht am Stopselzieher Klettersteig ab – Klettersteiggeher stirbt an der Zugspitze, 07.12.2025

Salzburg24: 250 Meter abgerutscht: 19-Jähriger stürzt auf Tiroler Zugspitze in den Tod, 23.05.2026

hoehenrausch.de: Zugspitze von Ehrwald über den Stopselzieher (Tourendaten)

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