Der Berater sitzt jetzt in Schweinfurt – und hat länger offen

 Fürth verliert sein DB-Reisezentrum. Ein Verlust ist das nur auf den ersten Blick

Am 7. Dezember 1835 dampfte der Adler von Nürnberg nach Fürth, und mit ihm begann die Geschichte der Eisenbahn in Deutschland. Entsprechend groß ist die Empörung, wenn ausgerechnet in Fürth etwas abgebaut wird, das nach Bahn aussieht. Zum Jahresende schließt das DB-Reisezentrum am Hauptbahnhof. Beratung gibt es dann nur noch im Video-Reisezentrum nebenan.

Die Nürnberger Nachrichten melden, dass die Deutsche Bahn die Schließung trotz massiver Kritik aus der Politik und von Gewerkschaftsseite beschlossen hat. Stadt und Gewerkschaft hatten versucht gegenzusteuern. Man kann das verstehen. Man kann sich aber auch einmal anschauen, was eigentlich wegfällt und was bleibt.

Was bisher geboten war

Das Reisezentrum ist schon seit Jahren nur noch eingeschränkt geöffnet, zuletzt montags bis freitags von 7:15 bis 17:15 Uhr, am Wochenende und an Feiertagen gar nicht. Wer berufstätig ist, hatte davon wenig. Wer am Samstag eine Frage zu seiner Reise hatte, stand vor verschlossener Tür.

Das Video-Reisezentrum dagegen wurde schon bei seiner Eröffnung mit längeren Zeiten beworben: wochentags bis 19 Uhr, samstags von 8 bis 15 Uhr und sonntags von 9 bis 14 Uhr, also genau dann, wenn viele Menschen tatsächlich verreisen. Das Prinzip dahinter ist einfach: Wer mehrere Standorte aus einer Zentrale bedient, kann Randzeiten abdecken, die sich an einem einzelnen Schalter nie rechnen würden.

Der Mensch ist nicht weg, er sitzt woanders

Der wichtigste Punkt geht in der Debatte gern unter. Im Video-Reisezentrum spricht man nicht mit einem Automaten und nicht mit einem Chatbot, sondern mit einer echten Reiseberaterin oder einem echten Reiseberater. Die sitzen in Schweinfurt und bedienen von dort mehrere Standorte in Nordbayern. Fahrkarten, Reservierungen, BahnCard, Abos, Fragen zur Verbindung: Das Leistungsangebot bleibt im Kern dasselbe. Der Unterschied ist, dass zwischen Kunde und Berater kein Tresen steht, sondern eine Kamera.

Für die Bahn heißt das: Sie fasst Personal zusammen und lässt es dort arbeiten, wo gerade Kundschaft ist, statt es an einem Dienstagvormittag in Fürth auf Kunden warten zu lassen. Für den Kunden heißt das: gleicher Service, längere Zeiten. Ich sehe ehrlich gesagt nicht, wo da der Skandal liegen soll.

Und die Älteren?

Das ernsthafteste Argument gegen die Schließung ist das der älteren Fahrgäste, die mit Automaten und Apps nicht zurechtkommen. Der Fürther Seniorenrat hatte schon vor Jahren darauf gepocht, dass es einen personenbedienten Verkauf geben müsse. Das ist berechtigt. Nur ist das Video-Reisezentrum eben genau das: ein personenbedienter Verkauf. Man drückt einen Knopf, und ein Mensch meldet sich. Das ist näher am alten Schalter als an jedem Automaten.

Wo es tatsächlich hakt, ist die erste Hemmschwelle. Wer noch nie vor einem Bildschirm mit einem Menschen gesprochen hat, braucht beim ersten Mal vielleicht etwas Ermutigung. Das wäre eine schöne Aufgabe für die Bahn und gern auch für die Stadt: in den ersten Wochen jemanden vor Ort, der zeigt, wie es geht. Das kostet wenig und nimmt der Umstellung den Schrecken.

Mein Vorschlag: Ab in die Fläche

Wenn das Modell funktioniert, und danach sieht es aus, dann sollte man es nicht nur als Ersatz für geschlossene Reisezentren denken, sondern als Gewinn für Orte, die bisher gar nichts haben. Nehmen wir Zirndorf. Eine Stadt mit über 25.000 Einwohnern, eigener Bahnhof an der Strecke Fürth–Cadolzburg, und an Beratung vor Ort gibt es dort genau nichts. Wer eine Frage hat, fährt nach Fürth oder nach Nürnberg, oder er lässt es.

Eine Videokabine wäre dort ein echter Fortschritt. Sie braucht kein eigenes Personal, keinen Tresen und keine Öffnungszeiten, die sich an einem einzelnen Mitarbeiter ausrichten. Sie braucht Strom, eine ordentliche Datenleitung und einen geschützten Platz, gern im Bahnhofsgebäude, notfalls im Rathaus oder in einem Geschäft in Bahnhofsnähe. Der Berater in Schweinfurt bedient Zirndorf dann genauso wie Fürth.

Gerade auf dem Land, wo der ÖPNV ohnehin keine Selbstverständlichkeit ist, wäre das ein Signal: Die Bahn zieht sich nicht zurück, sie kommt näher. Und dieselbe Logik ließe sich auf Cadolzburg, Roßtal, Langenzenn oder Heilsbronn übertragen. Das wäre einmal eine Strukturreform, über die man sich freuen könnte.

Schlank statt symbolisch

Ich bin eher eisenbahnfreundlich, und gerade deshalb halte ich wenig davon, jede Strukturveränderung bei der Bahn reflexhaft zu beklagen. Die Bahn hat genug echte Probleme, von Pünktlichkeit bis Infrastruktur. Ein Reisezentrum mit Bürozeiten zu erhalten, nur weil es nach Service aussieht, löst keines davon. Eine Lösung, die mehr Öffnungszeit mit demselben Personal schafft, ist genau die Art schlanker, brauchbarer Lösung, die man sich an vielen anderen Stellen wünschen würde.

Fürth hat 2003 den Fernverkehr verloren. Das war ein echter Verlust. Das Reisezentrum ist keiner, jedenfalls nicht, solange das Video-Reisezentrum hält, was es verspricht.

Fazit

Man fasst zusammen, in Ordnung. Aber der Service bleibt, und die Öffnungszeiten werden besser. Wenn das die Zukunft des Bahnschalters ist, kann ich damit gut leben. Noch besser wäre es, wenn diese Zukunft auch in Zirndorf ankäme. Der Adler fuhr 1835 mit Schaffner. Dass man 2026 seinen Fahrschein bei einer Beraterin in Schweinfurt kauft, während man in Fürth steht, hätte man damals für Zauberei gehalten. Ich halte es für Fortschritt.

Quellen: Nürnberger Nachrichten, „Keine persönliche Beratung mehr: DB-Reisezentrum in Fürth schließt zum Jahresende“ (nn.de); Nürnberger Nachrichten, „DB-Reisezentrum vor dem Aus“ (nn.de); Nordbayern.de, „Reisezentrum der Bahn bleibt erhalten“; MarktSpiegel Fürth, „Neues Video-Reisezentrum im Fürther Hauptbahnhof eröffnet“; bahnhof.de, Fürth (Bay) Hbf.

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