40 Jahre Schweizerhalle: Was bis heute niemand genau weiß
Ein Nachtrag zum Jahrestag
Heute vor 40 Jahren, in der Nacht zum 1. November 1986, brannte in Schweizerhalle bei Basel die Lagerhalle 956 des Chemiekonzerns Sandoz. Über die Katastrophe selbst habe ich bereits geschrieben, unter dem Titel „Die Sandoz-Katastrophe von Schweizerhalle 1986: Als der Rhein rot wurde“. Wer Ablauf, Fischsterben und die Folgen bis in die Niederlande nachlesen möchte, findet sie dort.
Anlass für diesen Nachtrag ist ein Jubiläumstext von Sebastian Briellmann in der Neuen Zürcher Zeitung. Er rückt eine Frage in den Mittelpunkt, die in meinem damaligen Beitrag zu kurz kam und die man nach vier Jahrzehnten eigentlich für erledigt halten würde: Warum hat es dort überhaupt gebrannt? Die ehrliche Antwort lautet bis heute: Man weiß es nicht genau. Man hat sich nur auf eine Version geeinigt.
Kurz zur Erinnerung
Kurz nach Mitternacht steht die Halle in Flammen. Rund 1350 Tonnen Chemikalien verbrennen, vor allem Agrarchemikalien, darunter quecksilberhaltige Verbindungen. Eine Rauchsäule von etwa 60 Metern steht über dem Gelände, die Sirenen wecken die ganze Region, und es stinkt so, wie es nach einem brennenden Pestizidlager eben stinkt. Bis in die frühen Morgenstunden wird gelöscht.
Das eigentliche Problem war nicht das Feuer, sondern das Löschwasser. Es spülte nach den gängigen Angaben rund 20 Tonnen hochgiftiger Substanzen in den Rhein, der sich rot färbte und auf Hunderten Kilometern praktisch biologisch tot war. Aale, Äschen, Kleinlebewesen am Gewässergrund. Die Basler fanden für das Ganze schnell einen Namen, der den Zeitgeist des Jahres 1986 ziemlich genau trifft: „Tschernobâle“.
Die Nacht der Beruhigungen
Was an Schweizerhalle bis heute fast so bemerkenswert ist wie der Brand selbst, ist die Kommunikation drumherum. Das Lokalradio meldete um ein Uhr nachts einen Schwelbrand, offenbar, und spielte danach weiter Musik. Wer mehr wissen wollte, telefonierte herum und bekam von jedem eine andere Version.
Die Behörden wollten beruhigen und erreichten das Gegenteil. Der damalige Basler Regierungspräsident ließ am Samstagmorgen verlauten, die Kinder hätten regulär zur Schule zu gehen. Ein Satz, der ihm bis zum Ende seiner Amtszeit nachhing, auch wenn er die Sandoz kurz darauf ungewohnt deutlich kritisierte. Der Krisenstab räumte zwar bald ein, dass das Alarmierungskonzept versagt hatte. Sandoz selbst brauchte dagegen Wochen, um sprachlich vom „Ereignis“ zur „Katastrophe“ vorzudringen.
Die Quittung kam prompt. Tausende demonstrierten auf dem Marktplatz, und bei einer Podiumsdiskussion im Stadtcasino flogen tote Aale auf die Bühne. Man kann über diese Form der Debattenkultur geteilter Meinung sein. Ein Missverständnis darüber, wie die Bevölkerung die Lage einschätzte, war danach jedenfalls ausgeschlossen.
Glück im Unglück
So zynisch es klingt: Schweizerhalle ist noch glimpflich ausgegangen. In geringer Entfernung zur brennenden Halle lagerte Phosgen, jenes Gas, das im Ersten Weltkrieg als Kampfstoff eingesetzt wurde. Ebenfalls in der Nähe befanden sich Natriumbestände, also ein Stoff, der mit Wasser heftig bis explosionsartig reagiert. In einer Nacht, in der die Feuerwehr vor allem eines tat, nämlich Wasser verteilen, ist das keine Nebensache.
Beide Lager blieben verschont. Es gab Menschen mit Atemwegsreizungen, aber keine Schwerverletzten und keine Toten. Dass ausgerechnet dieser Teil der Geschichte so oft unter „wie durch ein Wunder“ abgelegt wird, sagt einiges über die damalige Lagerplanung.
Die offizielle Version: Berlinerblau
Nach Abschluss der Untersuchungen galt als „wahrscheinlichste Brandursache“ folgendes Szenario: Am Vortag waren Paletten mit Säcken des Farbpigments Berlinerblau mit einem Propangasbrenner in Schrumpffolie eingeschweißt worden. Dabei sei das Pigment in Brand geraten, habe über Stunden unbemerkt geglimmt und in der Nacht schließlich die Halle entzündet.
Andere Ursachen wurden geprüft und ausgeschlossen: falsche Zusammenlagerung von Stoffen, ein missachtetes Rauchverbot, ein elektrischer Defekt. Übrig blieb das Pigment. Das ist methodisch sauber, solange man nicht genauer hinschaut, wie man zu diesem Rest gekommen ist.
Genau daran gab es Zweifel, und zwar nicht von außen, sondern vom ehemaligen Kommandanten der Sandoz-Werkfeuerwehr. Er hat nach eigener Aussage nie an die Berlinerblau-These geglaubt. Bei den Brandversuchen habe es entweder unrealistisch lange gedauert, bis das Pigment brannte, oder die Entzündung sei unverhältnismäßig stark forciert worden. Wer ein Ergebnis im Labor nur mit Nachhilfe reproduzieren kann, hat streng genommen keine Ursache gefunden, sondern eine Möglichkeit.
Theorie eins: Die Stasi war es
Im Jahr 2000 brachte ein ZDF-Beitrag eine ganz andere Spur ins Spiel. Vincent Cannistraro, einst Chef der Terrorabwehr der CIA, erklärte mit großer Überzeugung, die Stasi habe den Brand gelegt, angestiftet vom KGB. Schweizerhalle sei Teil einer Serie von Chemieunfällen im Jahr 1986 gewesen, mit der Moskau von Tschernobyl habe ablenken wollen.
Man muss die Logik einmal in Ruhe auf sich wirken lassen: Um die Welt von einer Umweltkatastrophe abzulenken, inszeniert man eine weitere Umweltkatastrophe, die zufällig ebenfalls das Vertrauen in Großtechnik erschüttert. Das ist ungefähr so, als würde man einen Wasserrohrbruch dadurch kaschieren, dass man im Nachbarzimmer die Badewanne überlaufen lässt. Die Schweizer Behörden haben nach eigenen Angaben auch Fremdeinwirkung untersucht und nie Hinweise darauf gefunden. Belege für die Theorie gibt es bis heute nicht.
Theorie zwei: Das Feuerwerk
Deutlich bodenständiger und deshalb interessanter ist eine These, die die Basler Zeitung 2017 veröffentlichte. Gestützt auf Dokumente aus dem Baselbieter Staatsarchiv und Aussagen ehemaliger Mitarbeiter ging es um einen damals leitenden Angestellten, der in der später abgebrannten Halle Feuerwerkskörper gelagert haben soll. Am Wochenende stand ganz in der Nähe die Abschiedsfeier des Werkfeuerwehr-Kommandanten an, das Feuerwerk sollte eine Überraschung werden. Es wurde eine.
Zu dieser Version passen Zeugenaussagen über salvenartige Knallgeräusche und Zischen in jener Nacht. Dazu kommt ein zweites Detail: In der Halle soll auch Chemieabfall gelegen haben, unter anderem der Katalysator Raney-Nickel. Der ist im trockenen Zustand pyrophor, er kann sich also an der Luft von selbst entzünden, und er verbrennt mit schwarzem Rauch.
Und schwarzen Rauch hatten SBB-Rangierarbeiter in Muttenz bereits gegen Mitternacht über Schweizerhalle aufsteigen sehen und gemeldet. Berlinerblau dagegen glimmt praktisch farblos vor sich hin. Das beweist nichts, aber es ist die Art von Detail, an der eine offizielle Version eigentlich nicht vorbeikommen sollte.
Der betreffende Angestellte hat die Vorwürfe gegenüber der Basler Zeitung entschieden bestritten. Auch das gehört zur Wahrheit. Was bleibt, ist eine Indizienlage, die mindestens so plausibel wirkt wie die amtliche, aber nie mit derselben Gründlichkeit untersucht wurde.
Eine Randnotiz zur Rechenkunst
Ein kleiner Hinweis an die Kollegen in Zürich, bei aller Wertschätzung für einen ansonsten lesenswerten Text: Dort ist von 20 Millionen Tonnen Gift die Rede, die das Löschwasser in den Rhein getragen habe. Gängig sind rund 20 Tonnen. Zwanzig Millionen Tonnen wären, grob überschlagen, ungefähr die gesamte Wassermenge, die der Rhein bei Basel an einem normalen Tag in rund sechs Stunden vorbeiträgt. Dann wäre der Fluss nicht vergiftet worden, er wäre ersetzt worden. Ich vermute, da ist eine Einheit oder ein Wort verrutscht. Kommt in den besten Häusern vor.
Was geblieben ist
Die Folgen waren, das muss man fairerweise sagen, durchaus positiv. Sandoz investierte in Schutzmaßnahmen, zahlte Schadenersatz und Geld in eine Stiftung. Die Rheinanliegerstaaten beschlossen 1987 das Aktionsprogramm Rhein, und die Schweiz und Baden-Württemberg betreiben bei Weil am Rhein eine Überwachungsstation, die den Fluss täglich auf Schadstoffe untersucht. Der Rhein ist heute in einem deutlich besseren Zustand als vor 1986, und die Basler lassen sich im Sommer darin treiben. Das hätte sich 1986 kaum jemand vorstellen können.
Auf dem Gelände selbst erinnert nichts mehr an die Nacht. Die Brandstelle wurde gesäubert und mit einer Betonplatte versiegelt. Kritiker bemängeln, dass darunter noch Schadstoffe im Boden liegen. Eine Betonplatte über einer offenen Frage ist ein ziemlich treffendes Bild für den ganzen Fall.
Akte zu, Frage offen
Offiziell ist der Fall abgeschlossen. Berlinerblau bleibt der „wahrscheinlichste Erklärungsansatz“, und an dieser Formulierung lohnt es sich, kurz hängen zu bleiben. In meiner Branche lese ich regelmäßig Schadensberichte, in denen eine „wahrscheinlichste Ursache“ steht. Übersetzt heißt das meistens: Wir haben eine Erklärung gefunden, mit der alle Beteiligten leben können, und dann haben wir aufgehört zu suchen. Das ist nicht unbedingt falsch. Es ist nur etwas anderes als eine Antwort.
Vierzig Jahre später weiß in der Region Basel jeder, wo er in jener Nacht war. Warum es gebrannt hat, weiß dagegen bis heute niemand mit Sicherheit. Und vermutlich wird sich daran auch nichts mehr ändern.
Was immer Sie machen, machen Sie es gut.
Anlass und Quelle: Sebastian Briellmann, „Auch 40 Jahre nach dem grössten Chemieunfall in der Schweiz ist eine Frage nicht restlos geklärt“, NZZ, 31.10.2026.
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