Der letzte Wenz: Ein Nachruf auf den Hubsi und auf den besten Nachruf über ihn


Es gibt Tage, an denen man viele Nachrufe liest und hinterher das Gefühl hat, sie stammen alle aus derselben Textbausteinkiste. Der 5. November 2026 war so ein Tag. Hubert Aiwanger ist tot, für viele von uns einfach der Hubsi. Er wurde am 4. November in seinem Hotel in Berlin-Mitte gefunden, 55 Jahre alt. Am selben Tag wurde das Hauptstadtbüro der Freien Wähler eröffnet, er blieb fern, weil es ihm nicht gut ging. Die Obduktion hat nach bisherigem Stand keine Hinweise auf eine Straftat ergeben.

Was danach kam, war erwartbar. Beileidsbekundungen zwischen Ausnahmepolitiker und absoluter Tragödie, dazwischen die Häme derer, die selbst an so einem Tag die Finger nicht von der Tastatur lassen können. Und mittendrin ein Text, bei dem ich nach dem dritten Absatz wusste: Der hat ihn verstanden.

Ein Nachruf, der nicht kondoliert, sondern erzählt

Don Alphonso hat in der Welt einen Nachruf geschrieben, überschrieben mit „Oana von unsare Leid“. Wer ihn kennt, weiß, dass das kein Beileidstelegramm wird. Er baut den ganzen Text um zwei Bilder herum: den Bayerischen Defiliermarsch, der eigentlich der CSU gehörte und zu dem Aiwanger trotzdem ins Bierzelt einzog, und das Schafkopfen. Aiwanger, so seine Lesart, hat politisch einen Wenz gespielt, also allein gegen drei, mit dem Unter als einzigem Trumpf.

Dazwischen stehen Szenen, die man nicht erfindet, wenn man nicht selbst dabei war. Der Hubsi, der sich auf jedem Volksfest bei den Bedienungen und den Wirtsleuten bedankt. Der erkältet zu einem Milchviehabend kommt und dann eine Stunde lang durchredet, als wäre nichts. Der zwischen zwei Terminen beim Metzger hält und fragt, wo der Schuh drückt. Don Alphonso verschweigt dabei nicht, dass Aiwanger politisch unkorrekt war und dass ihn viele für einen Aufhetzer hielten. Er benennt auch das Scheitern im Bund. Aber er schreibt aus der Perspektive derer, die ihn verstanden haben, und nicht aus der Perspektive derer, die ihn erklären mussten.

Natürlich ist der Text parteiisch. Die Flugblattaffäre von 2023 kommt bei ihm als Anschlag aus der Landeshauptstadt vor, und für die Süddeutsche, die CSU und alles nördlich der Donau hat er einige gut gezielte Spitzen übrig. Wer Aiwanger kritisch sah, wird ihn anders lesen. Aber genau das macht ihn für mich ehrlicher als alles, was ich an diesem Tag sonst gelesen habe: Da verstellt sich keiner. Don Alphonso ist für mich ohnehin der beste Kommentator, den wir im deutschsprachigen Raum gerade haben, und dieser Nachruf ist ein gutes Beispiel, warum. Wer ihn noch nicht gelesen hat, findet ihn hier:

Don Alphonso: Hubert Aiwanger, König der Bierzelte (Welt)

Warum mich das mehr trifft, als ich dachte

Ich bin Franke. Niederbayerisch ist für mich ungefähr so vertraut wie Plattdeutsch, und manchmal habe ich beim Hubsi zweimal hinhören müssen. Trotzdem war er für mich der beste Politiker, den Bayern in den letzten Jahrzehnten hatte. Nicht, weil ich jede seiner Positionen geteilt hätte, sondern weil man ihm angemerkt hat, dass er keiner von denen war. Er war einer von den Normalen, der zufällig im Kabinett saß. Getroffen habe ich ihn übrigens nie, nicht einmal in meiner Zeit bei den Freien Wählern. Vielleicht sagt gerade das am meisten über ihn: dass man bei einem Politiker, dem man nie die Hand gegeben hat, trotzdem das Gefühl hatte, ihn zu kennen.

Ich bin 1996 mit 18 in die FDP eingetreten und 2006 zu den Freien Wählern gewechselt, rein auf kommunaler Ebene. Im selben Jahr wurde Aiwanger Landesvorsitzender. Ich habe also den Anfang seines Aufstiegs von ganz unten miterlebt, dort, wo die Freien Wähler herkommen: aus Ortsverbänden, in denen es um Baugebiete, Kindergärten und Feuerwehrhäuser geht und nicht um Parteiprogramme. Nach gut zwölf Jahren Politik war bei mir dann die Luft raus, und ich kommentiere seither lieber, als selbst mitzumachen. Ein paar gute Kontakte in beide Parteien sind geblieben.

Mit Markus Söder konnte ich nie etwas anfangen. Das liegt nicht am Parteibuch, sondern an der Inszenierung. Beim Hubsi hatte ich nie das Gefühl, dass jemand ein Kostüm trägt. Der sah im Bierzelt so aus wie auf dem Acker, und er redete in beiden Fällen gleich. Im Prinzip ist das die einfachste Form von Glaubwürdigkeit, und im Prinzip ist sie in der Politik ausgesprochen selten.

Was er hinterlässt

Die nüchterne Bilanz ist beachtlich. Landesvorsitzender ab 2006, zwei Jahre später mit über zehn Prozent in den Landtag, ab 2018 stellvertretender Ministerpräsident und Wirtschaftsminister. Die Flugblattaffäre kurz vor der Landtagswahl 2023 hätte andere politisch beendet. Bei ihm endete sie mit einem Stimmenzuwachs, weil auf dem Land viele Leute darin weniger einen Skandal als eine Kampagne gesehen haben. Darüber kann man streiten, und es wurde gestritten. Aber das Ergebnis war eindeutig.

Die offene Frage ist eine andere, und Don Alphonso stellt sie zu Recht: Wer hält diesen Haufen aus Sturschädeln jetzt zusammen. Die Freien Wähler sind kein Apparat, sie sind ein Geflecht aus lokalen Interessen, das ein Gesicht brauchte. Dieses Gesicht ist weg. Ob die Partei daran wächst oder in ihre Einzelteile zerfällt, wird man in den nächsten Monaten sehen. Ich werde es von außen beobachten, mit einem gewissen Abstand und mit mehr Anteilnahme, als ich vor einer Woche gedacht hätte.

Beim Schafkopfen gilt: Der Ober sticht den Unter. Beim Wenz ist das anders, da ist der Unter Trumpf. Der Hubsi hat dieses Spiel zwanzig Jahre lang gespielt, allein gegen die anderen, und er hat erstaunlich oft gewonnen. Jetzt ist die Runde vorbei. Pfiat di, Hubsi.

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