Wackler an der Grenze, Teil 10: Der Wackler, der aus der Grube kam
Warum ein Beben der Stärke 2,1 bei Chrzanów kein Erdbeben im eigentlichen Sinne war – und was das westliche Kleinpolen über die zwei Gesichter des Bergbaus erzählt
Die Meldung kam, wie die meisten in dieser Reihe, ganz unspektakulär daher. Ein schwaches Erdbeben der Stärke 2,1, 9,4 Kilometer südwestlich von Chrzanów in der Woiwodschaft Kleinpolen, am 31. Oktober 2026 um 00:14 Uhr Weltzeit, also um 1:14 Uhr Ortszeit. 33 Stationen haben es registriert, gespürt hat es offiziell niemand, der Status lautet „automatisch“, also noch von keinem Seismologen angefasst. Als Tiefe stehen 10 Kilometer im Datenblatt. Dazu, wie immer, das Wetter am Epizentrum: bedeckt, 6,9 Grad, 96 Prozent Luftfeuchtigkeit. Eine Angabe, die einem bei diesem Beben besonders wenig hilft, und warum, dazu gleich.
Auf den ersten Blick ist das ein Mikrobeben wie viele andere, die ich hier in den letzten Wochen auseinandergenommen habe. Auf den zweiten Blick ist es das erste Beben dieser Reihe, bei dem ich mir ziemlich sicher bin, dass die Erde nicht von selbst gewackelt hat. Sondern dass jemand nachgeholfen hat. Mit einem Walzenschrämlader in rund 500 Metern Tiefe.
Neun Kilometer südwestlich von Chrzanów liegt kein Zufall
Wer die Koordinaten 50,08° Nord und 19,31° Ost auf die Karte legt, landet im Raum Libiąż, einer Kleinstadt zwischen Chrzanów und Oświęcim. Und Libiąż hat genau eine Sache, für die es in Polen jeder kennt: das Steinkohlebergwerk Janina. Die Grube wurde 1907 eröffnet, gehört heute zum staatlichen Südlichen Kohlekonzern (Południowy Koncern Węglowy, PKW), zusammen mit den Gruben Sobieski in Jaworzno und Brzeszcze, und sie ist mit knapp 2.200 eigenen Beschäftigten und rund 10.000 Arbeitsplätzen bei Zulieferern der größte Arbeitgeber im ganzen Landkreis Chrzanów.
Eine automatische EMSC-Lokalisierung hat eine Unschärfe von einigen Kilometern, das sollte man nicht vergessen. Aber das Epizentrum liegt mitten im Einflussbereich des Bergbaugebiets, und die Region ist dafür bekannt, dass die Grube praktisch jeden Tag Erschütterungen erzeugt, mal kaum merklich, mal so, dass Gläser vom Tisch fallen. Die lokalen Medien berichten seit Jahren mit einer Regelmäßigkeit darüber, die man sonst nur vom Wetterbericht kennt.
Auch die angegebene Tiefe von 10 Kilometern sollte man nicht ernst nehmen. Das ist der Standardwert, den automatische Systeme eintragen, wenn sie die Tiefe nicht bestimmen können. Die Abbauhorizonte der Grube Janina liegen bei rund 500 Metern. Ein Grubenbeben entsteht dort, wo der Berg unter Spannung gesetzt wird, und nicht zehn Kilometer darunter.
Herbst 2015: Als Libiąż wirklich wackelte
Dass man in Libiąż bei Erschütterungen nicht zuerst an die Tektonik denkt, hat einen Grund, und der heißt Herbst 2015. Am 30. September bebte es im Grubenfeld so stark, dass im Nachbarort Żarki und in Libiąż mehrere Häuser beschädigt wurden: Risse in den Wänden, abgebrochene Kamine. Die Grube erhielt damals über 200 Schadensmeldungen. Wenige Wochen später folgte der nächste Schlag, eingeschätzt mit 3,7 auf der Richterskala, Zentrum bei Mętków nahe Chrzanów, in 500 Metern Tiefe und praktisch an derselben Stelle wie der erste.
Die Bergaufsicht reagierte, wie Bergaufsichten eben reagieren: Ein Streb wurde stillgelegt, das Zentrale Bergbauinstitut GIG in Katowice bekam den Auftrag für ein Gutachten, und bis Ende März 2016 waren über 1.700 Schadensersatzanträge bei der Grube eingegangen. Als Gegenmaßnahme wurden in der Nähe einer aktiven Verwerfung Entlastungsbohrungen niedergebracht, die die im Gebirge aufgestaute Energie kontrolliert abbauen sollen. Der Stadtrat von Libiąż tagte in einer Sondersitzung, und das Ergebnis lässt sich in einem Satz zusammenfassen, den ich so auch aus fränkischen Gemeinderäten kenne: Die Grube soll bleiben, aber bitte ohne Risse im Wohnzimmer.
Ruhe kehrte damit nicht ein. In den Folgejahren gab es Petitionen aus Chrzanów, Proteste vor dem Landratsamt, eine Intervention des polnischen Bürgerbeauftragten und zeitweise die Entscheidung des Betreibers, nachts nicht mehr abzubauen, damit die Anwohner wenigstens schlafen können. Und es gab Gegendemonstrationen, denn wer in der Grube arbeitet, sieht die Sache naturgemäß anders. Das kennen wir aus jedem Windkraft-, Stromtrassen- und Kiesgrubenstreit in Deutschland auch.
Wie ein Bergwerk ein Erdbeben macht
Das Oberschlesische Steinkohlebecken, zu dessen östlichem Rand Libiąż gehört, gilt in der Fachliteratur als eines der seismisch aktivsten Bergbaugebiete der Welt. Die polnische Forschung unterscheidet dabei zwei Sorten von Erschütterungen. Die eine ist die reine Bergbauseismizität: Wo die Kohle herausgeschnitten wird, bricht das Deckgebirge nach, und die freigesetzte Energie bleibt meist überschaubar. Die andere ist die bergbautektonische Seismizität. Hier liefert der Abbau nur den Abzug, die Energie stammt aus den tektonischen Spannungen, die ohnehin im Gebirge stecken. Diese Beben sind seltener, aber deutlich stärker.
Besonders gefährlich sind dabei Abbaukanten, also die Ränder früher abgebauter Flöze, an denen sich Spannungen konzentrieren. Eine Studie aus dem Becken hat gezeigt, dass solche Kanten selbst dann noch kräftige Beben auslösen können, wenn sie über 300 Meter oberhalb des aktuellen Abbaus liegen und schon über ein Jahrzehnt alt sind. Im Raum Bytom wurden Herde der stärksten Ereignisse sogar mehrere hundert Meter unter dem abgebauten Flöz lokalisiert. Dort erreichten die stärksten Beben Magnituden um 4,0. Ereignisse oberhalb von 3,8 sind im gesamten Becken aber die seltene Ausnahme.
Für die Überwachung gibt es ein eigenes Netz, das Oberschlesische Regionale Seismologische Netz des GIG. Jede Erschütterung ab einer Energie von 100.000 Joule wird dort gegengeprüft, parallel zur grubeneigenen geophysikalischen Station. Und damit sind wir bei einer kleinen Falle, über die man beim Lesen solcher Meldungen gern stolpert.
Joule ist nicht gleich Joule
Die Meldung zum aktuellen Beben nennt eine Energie von 8,9 mal 10 hoch 7 Joule, umgerechnet knapp 25 Kilowattstunden. Polnische Berichte über ein Janina-Beben der Magnitude 3,1 nennen dagegen 5 mal 10 hoch 7 Joule, also weniger Energie bei einer ganzen Magnitudenstufe mehr. Das ist kein Widerspruch in der Physik, sondern einer in den Formeln. Die Plattform, von der die Meldung stammt, rechnet die Magnitude mit einer allgemeinen Näherungsformel in Energie um, der polnische Bergbau bestimmt die Energie direkt aus den Seismogrammen und rechnet dann mit eigenen, regional geeichten Beziehungen zurück. Wer die beiden Zahlen nebeneinanderlegt, vergleicht Äpfel mit Grubenholz. Für die Einordnung reicht es zu wissen: Ein M 2,1 ist für die Region Alltag. Die Beben, über die die Leute in Żarki reden, liegen eine bis anderthalb Stufen darüber.
Das zweite Gesicht: Wenn die tote Grube einbricht
Man könnte jetzt sagen: Problem erkannt, Problem terminiert. Polen hat sich in einem Gesellschaftsvertrag mit den Bergleuten darauf verständigt, die Steinkohleförderung bis 2049 auslaufen zu lassen, und auch Janina soll spätestens dann Schluss machen. Dass man dort gerade noch den ersten vollautomatisierten Streb Europas in Betrieb genommen hat, ist eine Pointe für sich. Aber ist mit dem letzten Förderwagen auch das letzte Beben vorbei?
Die Antwort liegt keine 15 Kilometer nördlich, in Trzebinia. Dort förderte die Grube Siersza seit Mitte des 19. Jahrhunderts Kohle, anfangs in nur 20 bis 25 Metern Tiefe, also direkt unter den späteren Wohnsiedlungen. Zwischen 1999 und 2001 wurde sie stillgelegt und anschließend über rund 20 Jahre geflutet. Die Planer gingen davon aus, dass das Wasser die Hohlräume einfach füllt und gut ist. Stattdessen stieg das Grundwasser immer näher an die Oberfläche, weichte die alten, flachen Abbaue auf, und ab 2022 brachen in Trzebinia Erdfälle ein. Neben Gleisdämmen, neben Wohnblöcken, im Wald und sogar auf dem Friedhof, wo Gräber im Loch verschwanden. Das Polnische Geologische Institut hat bei der Bestandsaufnahme 254 lineare Bodendeformationen kartiert.
Und ein paar Kilometer weiter nördlich, im Erzrevier um Olkusz, zeigt sich die Kehrseite derselben Medaille noch einmal anders: Nach der Schließung der Zink- und Bleigrube Olkusz-Pomorzany verschwanden kleine Flüsse von der Landkarte, weil die Grube jahrzehntelang mit ihrem abgepumpten Wasser die Bäche gespeist hatte. Ein Experte formulierte es in der Debatte um Janina sinngemäß so: Selbst wenn man die Grube schließt, gibt es keine Garantie, dass die Erschütterungen aufhören.
Das ist die eigentliche Lehre aus dem westlichen Kleinpolen. Die lebende Grube bebt, die tote Grube bricht ein, und die geschlossene Grube lässt die Flüsse austrocknen. Bergbau ist kein Projekt mit Enddatum. Bergbau ist ein Eingriff, dessen Nachlauf länger dauert als die Förderung selbst. Das gilt im Ruhrgebiet mit seinen Ewigkeitskosten, das gilt im Saarland, und das gilt hier.
Zwischen den drei Kaisern
Ein historischer Nachsatz, weil er zur Grenzreihe passt. Chrzanów und Libiąż gehören nicht zu Schlesien, auch wenn das Kohlebecken so heißt. Sie lagen bis 1918 im österreichischen Galizien. Rund 30 Kilometer nordwestlich, bei Mysłowice, trafen sich damals Preußen, Russland und Österreich am sogenannten Dreikaisereck. Ein und dasselbe Kohlebecken wurde also von drei Reichen gleichzeitig angebohrt, und heute reicht es mit dem Ostrauer Revier noch über die tschechische Grenze. Die Geologie hat sich um diese Grenzen nie gekümmert. Die Spannungen im Gebirge auch nicht.
Und weil zur Geschichte dieser Gegend auch die dunkelste Zeit gehört: Die Grube Janina betrieb im Zweiten Weltkrieg ein Außenlager des KZ Auschwitz, das „Arbeitslager Janinagrube“. Oświęcim liegt nur wenige Kilometer südlich. Das gehört dazu, wenn man über diese Grube schreibt.
Einordnung in die Reihe
In Teil 7 ging es um das Beben bei Glogau in Niederschlesien, ausgelöst im Kupferrevier von KGHM. Chrzanów ist sozusagen der kleine Bruder davon: gleiches Prinzip, anderer Rohstoff, deutlich weniger Energie. Beide zeigen, dass bei weitem nicht jede Erdbebenmeldung aus Mitteleuropa etwas über Plattentektonik erzählt. Manchmal erzählt sie nur, dass eine Schicht im Streb gerade gut vorangekommen ist.
Gespürt hat das Beben vom 31. Oktober übrigens niemand, zumindest hat es keiner gemeldet. Um 1:14 Uhr nachts und bei einem Wackler dieser Größenordnung wundert mich das nicht. In Libiąż würde man vermutlich sagen: Das war nicht mal der Rede wert. Und genau das finde ich bemerkenswert. Eine Gegend, in der ein Erdbeben der Stärke 2,1 als Normalzustand gilt, hat sich an etwas gewöhnt, an das man sich eigentlich nicht gewöhnen sollte.
Quellen
EMSC / VolcanoDiscovery: Ereignismeldung M 2,1, 9,4 km SW von Chrzanów, 31.10.2026, 00:14 UTC
Radio Kraków, TVN24 Kraków, RMF24, PAP: Berichte zu den Erschütterungen der Grube Janina (u. a. Herbst 2015, Proteste, Schadensmeldungen)
Biblioteka Nauki: Fachaufsatz zu Erschütterungen und Bauschäden im Bergbaugebiet ZG Janina
Journal of Seismology / Acta Geophysica / Archives of Mining Sciences: Studien zur induzierten Seismizität im Oberschlesischen Steinkohlebecken
Najwyższa Izba Kontroli (NIK) und Polnisches Geologisches Institut (PIG-PIB): Berichte zur Stilllegung der Grube Siersza und zu den Erdfällen in Trzebinia
OKO.press: Erdfälle in Trzebinia und Folgen der Schließung von Olkusz-Pomorzany
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