Ein Blick über die Grenze: Die Schweiz baut Glasfaser, und die Berater bauen mit
Manchmal lohnt sich der Blick über die Grenze, weil man dort das eigene Spiegelbild deutlicher sieht als zuhause. Diese Woche ist mir auf LinkedIn ein Beitrag von Urs Balke aus der Schweiz begegnet, der sich mit einer Branche beschäftigt, die beim Glasfaserausbau erstaunlich gut verdient, ohne jemals einen Graben aufzumachen: der Beratungsindustrie.
Balkes Befund in Kurzform: In der Schweiz ist ein neues Berufsbild entstanden, der universell einsetzbare Glasfaserconsultant. Kein eigenes Netz, kein Bagger, kein Spleißgerät, kein nennenswertes Investitionsrisiko. Dafür Strategiepapiere, Präsentationen und eine Kette von Mandaten, bei der jeder Schritt die Begründung für den nächsten liefert. Standortbestimmung, Machbarkeitsstudie, Strategie, Ausschreibungskonzept, Ausschreibungsbegleitung, Angebotsauswertung, Vertragsverhandlung, Projektbegleitung, Controlling, Qualitätssicherung. Am Ende, so Balke, hat die Gemeinde einen Ordner voller Berichte, aber möglicherweise noch keinen einzigen zusätzlichen Anschluss.
Ich habe den Text mit einem Nicken gelesen, das irgendwann in ein Kopfschütteln überging. Nicht weil er falsch wäre, sondern weil er mir so bekannt vorkam.
Warum das gerade jetzt Thema wird
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Der Bundesrat hat am 9. September 2026 die Botschaft zum Breitbandfördergesetz zuhanden des Parlaments verabschiedet. Geplant ist ein befristetes Förderprogramm für Glasfaser oder Funk in dünn besiedelten Gebieten. Der Bund will rund 365 Millionen Franken beisteuern, die andere Hälfte kommt von den Kantonen, die sie ganz oder teilweise an die Gemeinden weiterreichen dürfen. Antragsteller und Empfänger der Fördergelder sind die Gemeinden, und gefördert wird nur der erwartete Verlust eines Ausbauprojekts.
Wer das liest und die deutsche Fördergeschichte kennt, ahnt, was kommt. Eine Gemeinde, die Antragsteller ist, braucht jemanden, der den Antrag schreibt. Sie braucht jemanden, der den erwarteten Verlust berechnet. Und sie braucht jemanden, der nachweist, dass der Markt allein nicht ausbaut. Das sind drei Mandate, bevor auch nur ein Meter Rohr im Boden liegt. Balke weist zu Recht darauf hin, dass dort, wo öffentliches Geld in Aussicht steht, erfahrungsgemäß auch ein Markt für Beratung und Projektbegleitung entsteht.
Wir hatten das schon
In Deutschland läuft dieses Experiment seit gut zehn Jahren als Großversuch. Das Bundesförderprogramm Breitband hat nicht nur den Ausbau gefördert, sondern auch die Beratungsleistungen dafür. Der Steuerzahler hat also den Berater bezahlt, damit dieser der Gemeinde erklärt, wie sie an das Geld des Steuerzahlers kommt. Dazu kamen Markterkundungsverfahren, Auswahlverfahren, die Wahl zwischen Betreiber- und Wirtschaftlichkeitslückenmodell, später die Graue-Flecken-Förderung und die Gigabitförderung 2.0. Jede neue Richtlinie war ein kleines Konjunkturprogramm für Beratungsbüros.
Seit 2013 bin ich in diesem Geschäft, und ich sehe auf der Bauseite, was am Ende dieser Kette ankommt. Nicht immer, aber oft genug: Leistungsverzeichnisse, die erkennbar aus dem letzten Projekt kopiert wurden, Trassenplanungen, die den Ortsplan kennen, aber nicht den Ort, und Zeitpläne, die wunderbar funktionieren, solange niemand den Boden aufmacht. Die Berater sind dann in der Regel schon beim nächsten Mandat.
Das ist kein Pauschalurteil über eine ganze Zunft. Es gibt sehr gute Planer und Berater, die wissen, wie eine Baugrube von innen aussieht. Balke betont das ebenfalls, und ich unterschreibe es. Nur belohnt das Geschäftsmodell nicht automatisch die Guten, sondern vor allem die Gründlichen im Sinne von: möglichst viele Schritte.
Der eigentliche Punkt: Wer trägt die Folgen
Der stärkste Gedanke in Balkes Text ist für mich die Frage der Verantwortung. Eine Strategie zu empfehlen ist vergleichsweise leicht, wenn man ihre wirtschaftlichen Folgen nicht selbst ausbaden muss.
Wer ein Netz baut und dreißig Jahre betreibt, kann sich Wunschvorstellungen nur begrenzt leisten. Er muss refinanzieren, Störungen beheben und dem Kunden gegenüber geradestehen, wenn nachts um drei der Anschluss tot ist. Balke hat dafür einen schönen Satz gefunden: „Eine PowerPoint-Präsentation kennt keine nächtlichen Netzausfälle.“ Man könnte ergänzen: Sie kennt auch keinen Fels im zweiten Bauabschnitt und keinen Anwohner, der seine frisch gepflasterte Einfahrt verteidigt.
Dazu kommt etwas, das er ebenfalls anspricht und das ich aus Deutschland gut kenne: die Geringschätzung dessen, was schon da ist. In vielen Schweizer Gemeinden gibt es Kabelnetze, Rohranlagen und Elektrizitätswerke mit eigener Glasfaser und jahrzehntelanger Betriebserfahrung. Bei uns sind es Stadtwerke, Leerrohre aus früheren Tiefbaumaßnahmen und regionale Versorger. Trotzdem beginnt manche Strategie mit dem Neubau, weil der sich besser präsentieren lässt als die mühsame Bestandsaufnahme. Ein zusätzlicher Kilometer Tiefbau ist aber kein Fortschritt an sich. Er ist erst einmal nur ein zusätzlicher Kilometer Tiefbau.
Die Schweiz hat einen Vorteil, den sie nicht verspielen sollte
Die Schweiz startet aus einer anderen Lage als Deutschland. Der Markt hat dort deutlich mehr selbst erledigt, Swisscom und viele Elektrizitätswerke haben früh gebaut, und das Förderprogramm soll ausdrücklich nur die Lücken schließen, die der Markt nicht schließt. Das ist eine gute Ausgangslage. Sie ist aber auch empfindlich, denn ein schlankes Förderprogramm wird erstaunlich schnell füllig, wenn sich um jeden Antrag eine Beratungsschicht legt.
Bemerkenswert fand ich, dass Kantone und Gemeinden in der Vernehmlassung weniger Bürokratie gefordert haben und der Bundesrat daraufhin nachgebessert hat. Das ist vernünftig. Weniger Bürokratie im Verfahren bedeutet allerdings nicht automatisch weniger Beratung. Solange die Gemeinde Antragsteller bleibt und die Verantwortung für eine Verlustrechnung trägt, die sie selbst nicht aufstellen kann, wird sie sich jemanden holen, der es kann. Die Frage ist nur, wie lange der bleibt.
Was ich den Schweizer Gemeinden mitgeben würde
Balke schlägt eine Kontrollfrage vor, die ich gern übernehme: Würden wir diesen Entscheid auch dann treffen, wenn wir ihn ohne unseren Berater vertreten müssten? Lautet die Antwort Nein, hat die Gemeinde kein Infrastrukturproblem, sondern ein Abhängigkeitsproblem.
Aus deutscher Erfahrung würde ich drei Dinge ergänzen.
Erstens: den künftigen Netzbetreiber früh an den Tisch holen, nicht erst als Bieter. Wer das Netz später betreiben soll, weiß meist sehr genau, was es kosten wird, und hat ein eigenes Interesse daran, dass die Rechnung aufgeht.
Zweitens: Mandate mit einem Ende vergeben. Ein Beratungsauftrag braucht ein Ergebnis und einen Abschluss, keinen Anschluss an das nächste Mandat.
Drittens: Wissen im Haus behalten. Eine Gemeinde, die nach drei Jahren Begleitung immer noch nicht selbst erklären kann, warum sie welches Modell gewählt hat, hat für Kompetenz bezahlt und Abhängigkeit bekommen. Ein guter Berater macht seinen Auftraggeber klüger, ein schlechter macht sich unentbehrlich. Das ist im Kern auch Balkes Maßstab.
Fazit
Ich lese aus dem Schweizer Beitrag keinen Angriff auf Beratung, sondern eine Warnung vor einem Muster, das wir in Deutschland in Reinform erlebt haben. Die Schweiz steht am Anfang, der Verpflichtungskredit des Bundes ist für die Jahre 2030 bis 2037 vorgesehen und das Parlament hat noch nicht entschieden. Es bleibt also Zeit, aus unseren Fehlern zu lernen, statt sie mit Schweizer Präzision nachzubauen.
Am Ende misst sich der Erfolg nicht an der Dicke der Strategieordner, sondern daran, ob im Haus Licht aus der Faser kommt. Gebaut wird nämlich immer noch mit dem Bagger. Nicht mit dem Beamer.
Quellen
Urs Balke, Beitrag auf LinkedIn (November 2026)
Bundesrat, Medienmitteilung „Schnelles Internet in der ganzen Schweiz: Bundesrat verabschiedet Botschaft“, 9. September 2026, admin.ch
SRF, „Gigabitstrategie: Bundesrat will schnelleres Internet auf dem Land“, srf.ch
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