Vogeltränken: Wenn der Bauhof sich nicht traut
Über gebrochenes Gefälle, stehendes Wasser und eine Bauabnahme, die keine war
Vorher war die Straße eben, und das Wasser floss ab. Nachher war die Straße immer noch da, der Gehweg auch, aber das Wasser blieb stehen. Und zwar an unzähligen Stellen, in kleinen, ordentlich gesetzten Mulden, über die sich jeder Spatz freut.
Diese Beobachtung stammt von einem Mann, der es wissen muss. Er war viele Jahre Straßenmeister und arbeitet heute in einem Bauamt im fränkischen Raum. Er gehört zu denen, die mich überhaupt erst auf die Idee gebracht haben, ein Buch über den Glasfaserausbau zu schreiben. In seinem Wohnort war gerade Glasfaser verlegt worden, und mit der Glasfaser kamen die Vogeltränken.
Wie aus einem Graben eine Pfütze wird
Ein Graben ist ein Eingriff, und zwar ein ziemlich grober. Wird er verfüllt, muss das Material lagenweise eingebracht und verdichtet werden. Geschieht das nicht sauber, setzt es sich, sobald Regen, Frost und Verkehr ihre Arbeit tun. Die Oberfläche folgt dem Untergrund nach unten, das Gefälle, das vorher das Wasser weggeführt hat, ist dahin, und übrig bleibt eine Delle. Auf dem Papier sind das ein paar Millimeter. Für das Wasser ist es ein Becken.
Dazu kommen die üblichen Verdächtigen: Anschlüsse an den alten Belag, die nicht bündig sind, Pflaster, das nicht ordentlich wieder verlegt wurde, Asphalt, der in der Fläche anders aussieht und sich anders verhält als der Rest der Straße. Und die provisorische Wiederherstellung, die so provisorisch ist, dass sie dem ersten Starkregen nicht standhält. Davon kann ich selbst ein Lied singen. Mein ausgewaschener Gehweg samt tiefem Loch hat es seinerzeit sogar in die Zeitung geschafft, obwohl ich nur als Projektleiter dafür zuständig war.
Das eigentliche Problem ist nicht die Pfütze
Eine Mulde im Gehweg lässt sich beheben. Nachbessern ist Handwerk, und Bauunternehmen, die dazu aufgefordert werden, tun das in aller Regel auch. Das Problem in dieser Geschichte war ein anderes: Die zuständigen Mitarbeiter des Bauhofs hatten sich nicht getraut, das Bauunternehmen auf die Mängel hinzuweisen.
Warum, kann ich nur vermuten. Vielleicht war es Respekt vor dem großen Auftragnehmer, vielleicht die Sorge vor Ärger, vielleicht die Erfahrung, dass Hinweise ohne Rückendeckung aus der Verwaltung ins Leere laufen. Möglicherweise auch die Haltung, dass bei einem Infrastrukturprojekt dieser Größenordnung ein paar Dellen eben dazugehören. Gründe gibt es viele. Keiner davon taugt.
Wer Baulastträger ist, ist für die Straße verantwortlich, und zwar auch dann, wenn jemand anderes den Bagger fährt. Die Wege gehören der Allgemeinheit. Die Mulden am Ende ebenfalls, nämlich als Folgekosten, wenn niemand rechtzeitig den Mund aufmacht.
Was eine Gemeinde tun kann
Vorab der Hinweis, dass ich kein Jurist bin: Das Folgende ist eine allgemeine Einordnung aus der Praxis und keine Rechtsberatung. Raketenwissenschaft ist es allerdings auch nicht, und es kostet vor allem Aufmerksamkeit.
Am Anfang steht die gemeinsame Begehung vor Baubeginn. Wer den Zustand vorher kennt und dokumentiert, muss hinterher nicht diskutieren, wie es einmal ausgesehen hat. Während der Arbeiten hilft es, wenn jemand von der Gemeinde regelmäßig vorbeischaut, gerade bei Kolonnen, die vor Ort niemand kennt. Bei der Abnahme sollte tatsächlich gemessen werden, mit Richtlatte und Wasserwaage, und im Zweifel schaut man nach dem nächsten Regen noch einmal hin. Mängel gehören schriftlich festgehalten, mit Frist zur Beseitigung. Und die Gewährleistungsfristen sollten im Kalender stehen, bevor sie ablaufen und nicht danach.
Wer sich das nicht allein zutraut, kann sich Unterstützung holen. Auf der anderen Seite steht schließlich ein Unternehmen, das solche Abnahmen jeden Tag macht.
Und die Anwohner
Auch wer vor der Haustür eine neue Mulde entdeckt, darf das melden, am besten mit Foto, Datum und Ort. Gute Bauunternehmen geben auf ihren Wurfzetteln einen Ansprechpartner an, und auch die Gemeinde freut sich über Hinweise, die sie selbst nicht auf dem Schirm hatte. Schweigen hilft nur dem, der den Mangel verursacht hat.
Zwei Jahrtausende Rückschritt
Die Römer haben ihre Straßen vor rund zweitausend Jahren gewölbt gebaut und mit Seitengräben versehen, damit das Wasser abläuft. Manche davon sind heute noch zu erkennen. Wir haben GPS-gesteuerte Bagger, digitale Spartenpläne und Baustellensoftware, und am Ende steht der Spatz im Gehweg und badet.
Das ist keine Frage der Technik. Es ist die Frage, ob jemand hinschaut und den Mund aufmacht.
Diese Geschichte stammt aus meinem Buch „Glasfaser – Was Sie schon immer wissen wollten“. Darin geht es von FTTH, FTTB und FTTC über Spartenauskunft und Hauseinführung bis zum Brandschutz um alles, was Gemeinden, Eigentümer und Neugierige über den Glasfaserausbau wissen sollten. Erhältlich bei Amazon:
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