Rudern auf dem Krokodilfluss: Wie Rockhampton olympische Sicherheit neu definiert
Es gibt Entscheidungen, die man nur verstehen kann, wenn man akzeptiert, dass Sportpolitik und Risikobewertung manchmal in getrennten Räumen verhandelt werden, ohne dass jemand die Tür zwischen ihnen aufmacht. Die Wahl des Fitzroy River bei Rockhampton als Ruderstrecke für die Olympischen Spiele 2032 ist ein Lehrstück dafür.
Der Fitzroy River ist, das bestreitet inzwischen niemand mehr ernsthaft, ein anerkanntes Krokodilhabitat. 2017 wurde in der Nähe von Rockhampton die Leiche eines 5,2 Meter langen Salzwasserkrokodils aus dem Fluss geborgen. Sichtungen großer Exemplare gehören zum laufenden Betrieb, nicht zur Ausnahme. Trotzdem hat die Fitzroy Rowing Club-Präsidentin Sarah Black die mediale Zuspitzung als übertrieben zurückgewiesen und auf regelmäßige Abstimmungen mit den Umweltbehörden verwiesen. Man kenne das Verhalten der Tiere, sagte sie, das sei alles risikogesteuert und werde im Sport ziemlich gut gehandhabt.
Das ist eine bemerkenswerte Formulierung für ein Gewässer, in dem Tiere leben, die seit der Kreidezeit im Wesentlichen ihr Erfolgsrezept nicht verändert haben. Krokodile lassen sich schließlich nicht durch Prozesse steuern, sondern durch Wassertemperatur und Hunger. Der Premierminister von Queensland, David Crisafulli, argumentierte immerhin mit einer belastbaren Zahl: In 180 Jahren habe es im Juli oder August keine Flut des Fitzroy River gegeben. Das ist ein solides historisches Argument gegen Hochwasser. Gegen Krokodile ist es kein Argument, sondern ein Themenwechsel, so elegant vorgetragen, dass er fast überzeugt.
Der Kronzeuge der Entwarnung war ein lokaler Krokodilexperte, der der Konkurrenz ein geringeres Risiko zusprach, als von einem Bus überfahren zu werden, wenn sie zur Regatta fahren. Im Winter, so die Begründung, sinke die Wassertemperatur, die Tiere würden lethargisch und könnten kaum verdauen. Das ist zoologisch nicht falsch. Es ist aber auch keine Sicherheitsgarantie, sondern die Beschreibung eines Tieres, das gerade keine große Lust auf Aufwand hat und nicht eines, das keine Zähne mehr hätte.
Rund 500 Ruderinnen und Ruderer unterschrieben im vergangenen Jahr einen offenen Brief mit der Forderung, die Fitzroy-Entscheidung zu überdenken. Ein olympischer Ruder-Champion warnte, einzelne Bahnen könnten durch Strömung und Lage benachteiligt sein. Eine Nachbargemeinde bot mit Moreton Bay eine Alternative an, günstiger noch dazu. Das zuständige Ministerium ließ all das mit einem Satz abprallen, der jede Rückfrage im Ansatz erledigt: Man sei sich sicher, es gebe keinen Grund, Alternativen zu prüfen. Genau dieser Tonfall, das entschlossene Nicht-mehr-diskutieren-Wollen, ist der eigentlich interessante Teil der Geschichte. Er taucht immer dann auf, wenn eine politische Standortentscheidung längst gefallen ist und die fachliche Prüfung nur noch die Aufgabe hat, sie nachträglich zu bestätigen.
Die Fitzroy-Verantwortlichen verweisen gern darauf, dass jährlich 700 Schulkinder aus ganz Queensland problemlos auf dem Fluss rudern und dass in der Region noch nie jemand von einem Krokodil getötet wurde. Beides stimmt vermutlich. Nur ist eine Landesmeisterschaft für Schulmannschaften ein anderes Format als ein Ereignis mit Milliarden Zuschauern, bei dem jede Kameraeinstellung, jede Startaufstellung und jede noch so kleine Verzögerung weltweit kommentiert wird. Bei einer Landesmeisterschaft merkt kaum jemand außerhalb der Region, wenn ein Trainingslauf wegen einer Krokodilsichtung verschoben wird. Bei einem olympischen Wettkampf ist genau das der Moment, der um die Welt geht.
Was mich an der ganzen Debatte am meisten amüsiert, ist weniger die Risikoabwägung selbst als die Konsequenz, die noch niemand öffentlich zu Ende gedacht hat. Wenn ein Gewässer als Habitat einer Spitzenprädatorenart gilt, dann braucht es an einer Regattastrecke zwangsläufig eine funktionierende Wasserrettung. Und da wird die Sache endgültig zur Pointe, die sich von selbst schreibt.
Für die Rettungsboote auf dem Fitzroy River kommt eigentlich nur ein Ausrüster infrage. Das Krokodil ist dort schließlich nicht nur auf dem Logo.
Olympia 2032 in Rockhampton: Rudern auf dem Krokodilfluss – gesichert von Lacoste.
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