Zwei Barometer und ein Winter: Was der NAO-Index wirklich verrät

 


Warum eine einzige Zahl über dem Nordatlantik mehr über unseren Winter sagt als jeder Super-El-Niño – und warum sie es uns trotzdem erst sagt, wenn es zu spät ist.

Im Beitrag über El Niño habe ich behauptet, zwischen dem Pazifik und Cadolzburg stünden ein paar Faktoren, die über unseren Winter deutlich mehr zu sagen haben als das Christkind vor Peru. Der erste auf dieser Liste war die Nordatlantische Oszillation. Das war eine Behauptung ohne Beleg. Heute wird nachgeliefert.

Und weil ich bekanntermaßen ein großer Freund von Kachelmannwetter bin, halte ich mich an deren Hausregel: erst die Daten, dann die Einordnung, und wenn man etwas nicht weiß, sagt man das. Klingt banal. Ist in der deutschen Wetterberichterstattung aber erstaunlich selten.

Ein Wippbrett zwischen Lissabon und Island

Die Grundidee ist so einfach, dass man sie fast übersieht. Man nehme zwei Wetterstationen: eine im Süden, im Einflussbereich des Azorenhochs, klassisch Lissabon oder Ponta Delgada auf den Azoren. Und eine im Norden, im Revier des Islandtiefs, klassisch Reykjavík oder Stykkishólmur. Dann vergleicht man den Luftdruck auf Meereshöhe. Ist der Unterschied größer als üblich, ist die NAO positiv. Ist er kleiner, ist sie negativ.

Damit man Lissabon und Island überhaupt vergleichen kann, werden die Werte vorher normiert, also auf die jeweils übliche Schwankung umgerechnet. Heraus kommt eine dimensionslose Zahl, die meistens irgendwo zwischen minus zwei und plus zwei liegt. Die klassische stationsbasierte Reihe des US-Klimaforschers James Hurrell reicht bis 1864 zurück. Das ist für eine Klimagröße ein ordentlich langer Atem.

Entdeckt hat das Muster übrigens niemand mit einem Supercomputer. Schon im 18. Jahrhundert fiel dänischen Missionaren in Grönland auf, dass dort milde Winter herrschten, wenn in Dänemark der Frost klirrte, und umgekehrt. Den Namen gab der Sache dann in den 1920er Jahren der britische Meteorologe Gilbert Walker. Derselbe Walker, nach dem auch die Walker-Zirkulation im Pazifik benannt ist. Die Herren Meteorologen haben also schon vor hundert Jahren gewusst, dass beide Ozeane eine Schaukel haben. Nur die Schlagzeilen haben das bis heute nicht verinnerlicht.

Drei Indizes, ein Name

Wer anfängt, NAO-Werte nachzuschlagen, stolpert schnell über ein Ärgernis: Je nach Quelle stehen da unterschiedliche Zahlen. Das ist kein Fehler, sondern Methode. Es gibt im Wesentlichen drei Varianten.

Erstens den stationsbasierten Index, also das Wippbrett aus zwei Barometern. Einfach, lang, anschaulich, aber anfällig dafür, dass Hoch und Tief sich im Lauf des Jahres verschieben und nicht immer brav über ihren Stationen sitzen.

Zweitens den mustern-basierten Index, im Fachjargon PC- oder EOF-basiert. Hier schaut man nicht auf zwei Punkte, sondern auf das gesamte Druckfeld über dem Atlantik zwischen 20 und 80 Grad Nord und rechnet heraus, wie stark das typische NAO-Muster darin gerade ausgeprägt ist. Das wandert mit, wenn Azorenhoch und Islandtief im Jahreslauf umziehen.

Drittens den täglichen Index des amerikanischen Climate Prediction Center. Der arbeitet nicht mit dem Bodendruck, sondern mit der Höhenlage der 500-Hektopascal-Fläche, also gut fünf Kilometer über uns. Das ist die Variante, die man meistens in Wetterforen und Videos sieht, weil sie täglich aktualisiert wird und eine Prognose aus den Wettermodellen gleich mitliefert.

Für den Hausgebrauch heißt das: Vorzeichen und Tendenz sind wichtiger als die zweite Nachkommastelle. Wer sich über 0,3 Punkte Unterschied zwischen zwei Webseiten streitet, hat das Prinzip nicht verstanden.

Plus und Minus – und was davon in Franken ankommt

Positive NAO heißt: kräftiges Azorenhoch, tiefes Islandtief, großer Druckunterschied. Dazwischen pfeift eine straffe Westströmung, und die Tiefdruckgebiete kommen wie auf einem Förderband vom Atlantik herein. Für uns bedeutet das im Winter typischerweise mild, nass, windig, wenig Schnee in den Niederungen. Eine anhaltende Westwetterlage, wie wir sie gerade erst hatten, ist das klassische Gesicht einer positiven NAO.

Das Paradebeispiel für die Extremform ist der Winter 1989/90. Stark positive NAO, ein Orkantief nach dem anderen, und Ende Februar 1990 haben Vivian und Wiebke in den Wäldern Bayerns Schneisen hinterlassen, die man in manchen Forsten heute noch an den Altersklassen der Bäume ablesen kann. Kalt war daran gar nichts. Gefährlich schon.

Negative NAO heißt: Das Förderband stockt. Azorenhoch schwach, Islandtief flach, manchmal sogar vertauschte Rollen mit hohem Druck im Norden. Die Westströmung bricht zusammen, die Großwetterlage blockiert, und dann kann kontinentale Kaltluft aus Nordost oder Ost zu uns durchsickern. Der Winter 2009/10 lag in der langen Stationsreihe ganz unten, und der Dezember 2010 legte in dieselbe Richtung noch einmal nach. Wer sich an Schnee in Nürnberg erinnert, der wochenlang liegen blieb, erinnert sich an negative NAO.

Jetzt kommt der Teil, den man in keiner Schlagzeile liest: Negative NAO ist kein Kälte-Abo. Wo genau sich der Block hinsetzt, entscheidet, ob wir auf der kalten oder auf der milden Seite landen. Liegt das Hoch ungünstig, bekommen wir statt Ostwind eine südwestliche Strömung oder wochenlang Hochnebel bei plus zwei Grad. Und die Tiefs, die nicht mehr über Schottland ziehen dürfen, nehmen dann gerne die Südroute über das Mittelmeer. Das kann für Südeuropa nass und für die Alpen schneereich werden, für Franken aber auch einfach grau. Die NAO erklärt einen guten Teil der Winterschwankungen in Mitteleuropa. Aber eben nicht alles.

Warum man die NAO im Oktober nicht kennt

Und damit sind wir beim eigentlichen Problem. Die NAO ist die beste Einzelzahl, die wir für unseren Winter haben. Leider ist sie auch eine der launischsten. Sie entsteht nicht aus einem trägen Ozean wie El Niño, der sich über Monate aufbaut und ankündigt, sondern im Wesentlichen aus der Atmosphäre selbst. Und die Atmosphäre ist chaotisch im mathematisch sauberen Sinne des Wortes.

Für die nächsten zehn bis vierzehn Tage liefern die Ensemble-Rechnungen der großen Wettermodelle brauchbare Tendenzen. Danach wird es dünn. Die Jahreszeitenmodelle, allen voran das des britischen Met Office, haben in den letzten Jahren zwar gezeigt, dass im Winter-Mittel ein gewisses Signal steckt. Das Signal ist aber so schwach, dass die Fachwelt dafür einen eigenen Begriff erfunden hat, das Signal-Rausch-Paradoxon. Die Modelle haben im Mittel öfter recht, als ihre eigene Streuung vermuten ließe, aber das Signal geht im Rauschen der Einzelläufe fast unter. Für eine Schlagzeile taugt das nicht.

Der zweite große Mitspieler sitzt noch weiter oben, nämlich der Polarwirbel in der Stratosphäre, rund dreißig Kilometer über der Arktis. Bricht der durch eine plötzliche Stratosphärenerwärmung zusammen, rutscht die NAO in den Wochen danach häufig ins Negative. Häufig, nicht immer. Und ob so ein Zusammenbruch kommt, weiß im Oktober auch niemand.

Radio Eriwan meldet sich

Frage an Radio Eriwan: Stimmt es, dass die NAO entscheidet, ob uns ein Eiswinter droht? Antwort: Im Prinzip ja. Sie verrät es uns allerdings erst, wenn er schon da ist.

Das Schöne ist, dass diese Erkenntnis inzwischen sogar bei den Märchenjungen angekommen ist. Anfang September erschien in der Ippen-Gruppe eine Wetterkolumne von Dominik Jung, die inhaltlich erstaunlich vernünftig war: El Niño wirke nur schwach und über Umwege auf Deutschland, die NAO sei der eigentliche Faktor, sie lasse sich aber Monate im Voraus kaum vorhersagen, und weder ein Traum- noch ein Eiswinter lasse sich seriös versprechen. Dem ist wenig hinzuzufügen.

Außer der Überschrift. Die lautete sinngemäß, ein Index entscheide, ob Deutschland ein Eiswinter drohe. Der Text sagt: Wir wissen es nicht. Die Überschrift sagt: Eiswinter. In der Schlagzeile ereignen sich die Überschlagungen, im Fließtext steht dann kleinlaut die Wahrheit. Man muss das fast bewundern. Es ist das perfekte Geschäftsmodell: Für den Klick die Angst, für das Gewissen der letzte Absatz.

Wie man es richtig macht

Dass es auch anders geht, zeigt das Team von Kachelmannwetter seit Jahren. Statt eines einzelnen Modelllaufs, der vierzehn Tage in die Zukunft eine Kältepeitsche malt, gibt es dort Ensemble-Diagramme mit fünfzig Linien, die irgendwann auseinanderlaufen wie Hühner nach dem Fuchsalarm. Und es gibt Meteorologen, die vor laufender Kamera sagen, dass man ab Tag zehn eben nichts Belastbares mehr weiß. Das ist kein Mangel an Kompetenz. Das ist Kompetenz.

Der Deutsche Wetterdienst macht es bei seinen Jahreszeitenvorhersagen übrigens genauso: Wahrscheinlichkeiten für zu warm, normal oder zu kalt, mit ehrlicher Angabe, wie gut diese Vorhersagen in der Vergangenheit überhaupt waren. Langweilig. Und genau deshalb richtig.

Selbst nachschauen

Wer dem Ganzen in diesem Winter selbst folgen will, braucht keinen Meteorologie-Abschluss. Das Climate Prediction Center der NOAA veröffentlicht den täglichen NAO-Index samt Ensemble-Prognose für die kommenden zwei Wochen frei im Netz. Drei Faustregeln reichen für den Anfang.

Erstens: Werte zwischen minus eins und plus eins sind Alltag. Spannend wird es erst, wenn der Index deutlich darüber oder darunter liegt und dort ein paar Tage bleibt.

Zweitens: Ein einzelner Modelllauf ist Kaffeesatz. Interessant ist nur, wenn die Mehrheit der Ensemble-Mitglieder in dieselbe Richtung zeigt und das über mehrere Tage hinweg stabil bleibt.

Drittens: Den Polarwirbel im Auge behalten. Wenn die Fachleute im Januar von einer kräftigen Stratosphärenerwärmung sprechen, lohnt es sich, ein paar Wochen später wieder auf die NAO zu schauen. Nicht vorher die Winterreifen abschreiben, nicht vorher den Schlitten aus dem Keller holen.

Fazit

Die NAO ist kein Geheimschalter, den nur Eingeweihte kennen, und sie ist auch kein Orakel. Sie ist ein Thermometer für den Zustand des Atlantiks, eine sehr gute Messgröße für das, was gerade passiert, und eine eher mäßige für das, was in drei Monaten passieren wird. Wer im November behauptet, er wisse, wie der Januar wird, hat entweder einen Draht nach oben oder einen Klick-Zähler im Hinterkopf.

Ich persönlich schaue mir den Index diesen Winter regelmäßig an. Und wenn er im Januar tief ins Minus rutscht und die Ensembles sich einig sind, dann sage ich es hier. Vorher nicht.

Quellen und zum Weiterlesen

NCAR Climate Data Guide: Hurrell North Atlantic Oscillation Index (stationsbasiert und PC-basiert)

NOAA Climate Prediction Center: Daily North Atlantic Oscillation Index und Ensemble-Outlook

Dominik Jung: „Super-El-Niño ist da – doch ein ganz anderer Index entscheidet, ob Deutschland ein Eiswinter droht“, echo24.de / Ippen Media, 05.09.2026

Sven sagt: „Das Christkind kommt aus dem Pazifik, nicht aus der Schlagzeile“ und die Serie „Europas Wetterküchen“, svensagt.de

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