Hochwürden und Genosse: Was aus Fernandel und Gino Cervi wurde

 Zwei Schauspieler, ein Dorf am Po und ein sechster Film, den es nie geben sollte

Es gibt Filme, die man nicht im Kino gesehen hat, sondern im Fernsehen, an einem Sonntagnachmittag, und trotzdem kennt man sie besser als manchen Film, für den man Eintritt bezahlt hat. "Don Camillo und Peppone" gehört für meine Generation genau in diese Kategorie. Ein Pfarrer, der mit dem Gekreuzigten diskutiert wie mit einem Vorgesetzten, und ein kommunistischer Bürgermeister, der am Ende doch sein Kind taufen lässt. Mehr braucht es nicht, um Filmgeschichte zu schreiben.

Anlass für diesen Beitrag ist ein Artikel auf joyn.de, der fragt, was eigentlich aus den beiden Hauptdarstellern geworden ist. Die kurze Antwort ist unspektakulär: Beide sind seit über fünfzig Jahren tot. Die lange Antwort ist interessanter, denn sie enthält einen verschollenen Film, einen Kommissar Maigret und einen Kommunisten-Darsteller, der im echten Leben für die Liberalen kandidierte.

Das kleine Dorf und der große Erfolg

Die Vorlage stammt von Giovannino Guareschi, der seine Geschichten aus der Po-Ebene ab 1948 veröffentlichte. Gedreht wurde in Brescello in der Provinz Reggio Emilia, das seitdem eher als Don-Camillo-Dorf denn als Gemeinde am Po bekannt ist. Den Auftakt machte 1952 Julien Duvivier mit "Don Camillo und Peppone", ein Jahr später folgte "Don Camillos Rückkehr". Danach übernahm Carmine Gallone mit "Die große Schlacht des Don Camillo" (1955) und "Hochwürden Don Camillo" (1961), bevor Luigi Comencini 1965 mit "Genosse Don Camillo" den Pfarrer verkleidet in die Sowjetunion schickte.

Bemerkenswert ist die Besetzung, die eigentlich gegen jede Logik lief. Ein Franzose aus Marseille spielt einen italienischen Landpfarrer, ein Italiener aus Bologna den Kommunisten. In der deutschen Fassung fiel das nie auf, weil ohnehin synchronisiert wurde, aber in Italien war das durchaus ein Wagnis. Es ging gut, und zwar fünfzehn Jahre lang.

Fernandel: Der Komiker mit dem Pferdegesicht

Fernandel hieß eigentlich Fernand Joseph Désiré Contandin und wurde am 8. Mai 1903 in Marseille geboren. Als Don Camillo zu ihm kam, war er in Frankreich bereits ein Star, ein Komiker, dessen Gesicht allein schon Lacher garantierte. Die Rolle des Pfarrers verschaffte ihm aber etwas, das ihm die Possen vorher nicht gegeben hatten: internationale Bekanntheit und den Ruf, mehr zu können als Grimassen. In der Folge besetzten ihn auch ernsthaftere Regisseure, Vittorio De Sica etwa in "Das Jüngste Gericht findet nicht statt" (1961).

Das Ende kam schleichend. Im Juli 1970 begannen in Brescello die Dreharbeiten zum sechsten Teil, "Don Camillo e i giovani d'oggi", Regie führte Christian-Jaque, und zum ersten Mal sollte die Reihe in Farbe gedreht werden. Nach wenigen Wochen musste Fernandel das Set verlassen. Die Diagnose lautete Lungenkrebs. Man versprach sich gegenseitig, im Frühjahr 1971 weiterzumachen. Fernandel starb am 26. Februar 1971 in Paris, 67 Jahre alt, und nach allem, was überliefert ist, ohne zu wissen, wie es wirklich um ihn stand. Der eingangs erwähnte Artikel nennt übrigens den 21. Februar. Das ist falsch, aber bei Texten dieser Art kommt es auf fünf Tage offenbar nicht an.

Gino Cervi: Peppone, Maigret und ein liberales Mandat

Luigi "Gino" Cervi wurde am 3. Mai 1901 in Bologna geboren, als Sohn eines Theaterkritikers. Er kam von der Bühne, leitete in Rom das Teatro Eliseo und hatte schon vor Don Camillo eine beachtliche Filmkarriere hinter sich, mit mehr als hundert Filmen am Ende seines Lebens. Peppone war seine Paraderolle, aber in Italien ist er mindestens genauso für eine andere Figur bekannt: Von 1964 bis 1972 spielte er in der RAI-Serie "Le inchieste del commissario Maigret" den Kommissar von Georges Simenon, inklusive eines Kinofilms, den sein Sohn Tonino Cervi produzierte.

Und dann ist da noch die Pointe, die mir als ehemaligem FDP-Mitglied natürlich besonders gefällt. Der Mann, der zwei Jahrzehnte lang den roten Bürgermeister gab, ließ sich im echten Leben für den Partito Liberale Italiano aufstellen und wurde für die Liberalen in den Regionalrat von Latium gewählt. Man muss Schauspieler nicht mit ihren Rollen verwechseln, aber selten war der Abstand so groß wie hier.

Als es nach Fernandels Tod darum ging, den sechsten Film mit neuer Besetzung fertigzustellen, sagte Cervi ab, ebenso Regisseur Christian-Jaque. Ohne seinen Gegenspieler wollte er nicht weitermachen. Zwischen den beiden hatte sich über die Jahre eine echte Freundschaft entwickelt, und das sieht man den Filmen an. Gino Cervi starb am 3. Januar 1974 in Punta Ala in der Toskana, 72 Jahre alt. Begraben ist er in Rom.

Der Film, der nie fertig wurde

Die Produzenten gaben trotzdem nicht auf. 1972 kam "Don Camillo e i giovani d'oggi" unter der Regie von Mario Camerini doch noch ins Kino, mit Gastone Moschin als Pfarrer und Lionel Stander als Peppone. Das Ergebnis war das, was man erwarten konnte: handwerklich ordentlich und trotzdem irgendwie falsch. Wer mit Fernandel und Cervi aufgewachsen ist, empfindet jede Neubesetzung als Hochstapelei.

Mario Adorf, Terence Hill und das Problem mit der Chemie

Ganz loslassen wollte man die Figuren trotzdem nicht. Anfang der Achtziger produzierte die BBC die Serie "The Little World of Don Camillo", hierzulande als "Die kleine Welt des Don Camillo" gelaufen, mit dreizehn Folgen. Den Pfarrer spielte ausgerechnet Mario Adorf, den kommunistischen Bürgermeister der Brite Brian Blessed. Ein Deutscher als italienischer Priester in einer britischen Produktion, das klingt nach einem Europa-Projekt aus Brüssel, war aber durchaus ansehbar. Adorf kann man vieles vorwerfen, aber nicht, dass er eine Rolle halbherzig spielt.

1983 folgte dann "Keiner haut wie Don Camillo", und hier muss ich etwas zugeben, das mir nicht leichtfällt. Ich liebe Terence Hill, und ich liebe ihn noch mehr an der Seite seines kongenialen Partners Bud Spencer. Aber mit diesem Film hat sich Terence Hill keinen Gefallen getan. Er führte Regie und spielte den Pfarrer gleich selbst, Peppone gab Colin Blakely. Heraus kam das, was der deutsche Titel schon ankündigt: ein Terence-Hill-Film mit Soutane. Mehr Prügelei, mehr Slapstick, mehr Tempo, und dabei ging genau das verloren, was die Originale ausgemacht hat.

Denn bei Fernandel und Cervi war die Prügelei nie der Witz, sondern nur die Interpunktion. Der Witz lag im Dazwischen, in den Zwiegesprächen mit dem Kruzifix, im schlechten Gewissen nach dem Faustschlag, in der heimlichen Achtung voreinander. Bei Hill funktioniert die Ohrfeige, weil auf der anderen Seite Bud Spencer steht und beide wissen, dass es ein Spiel ist. Bei Don Camillo funktioniert sie nur, weil beide wissen, dass sie sich am nächsten Tag wieder gegenüberstehen müssen, im selben Dorf, ein Leben lang. Diese Chemie lässt sich nicht nachbesetzen, auch nicht von jemandem, der in seiner eigenen Paarung die vermutlich beste Chemie der europäischen Filmgeschichte hatte.

Das ursprüngliche Material von 1970 ist dagegen nicht ganz verschwunden. Teile davon lagern in der Cineteca Nazionale in Rom, und ein Briefwechsel mit der Gemeinde Brescello darüber zog sich über Jahre hin, inklusive einer Verwechslung mit dem Remake von 1972. 2025 hat das Centro Sperimentale di Cinematografia unter dem Titel "L'ultimo Don Camillo" einen Band mit Bildern und Erinnerungen an diesen verlorenen sechsten Teil herausgebracht. Ein Film ist es nicht, aber immerhin ein Abschluss.

Was bleibt

Guareschi selbst erlebte das Ende seiner Leinwandfiguren nicht mehr, er starb bereits 1968. Geblieben ist Brescello, das bis heute von seinen beiden berühmtesten Bewohnern lebt, die dort nie gewohnt haben. Vor Kirche und Rathaus stehen Statuen von Pfarrer und Bürgermeister, und es gibt ein Museum, in dem unter anderem das Kruzifix zu sehen ist, mit dem Don Camillo so gerne stritt.

Was die Filme bis heute trägt, ist weniger der Klamauk als die Grundidee: Zwei Menschen, die politisch nichts miteinander anfangen können, prügeln sich, beschimpfen sich, und stehen trotzdem zusammen, wenn das Hochwasser kommt. In einer Zeit, in der man den politischen Gegner am liebsten gleich ganz aus dem Dorf jagen würde, ist das fast schon eine radikale Botschaft. Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum diese Filme nicht alt werden, während ihre Darsteller es mussten.

Moschin und Stander, Adorf und Blessed, Hill und Blakely, sie alle haben es versucht, manche ehrenwert, manche weniger. Für mich gibt es trotzdem nur zwei. Don Camillo ist Fernandel, Peppone ist Gino Cervi. Alles andere ist Kirchweih-Theater mit fremden Kostümen.

Quelle: joyn.de, "Don Camillo und Peppone: Was aus dem Duo der Kultfilm-Reihe wurde", https://www.joyn.de/bts/themen/stars/don-camillo-und-peppone-was-aus-dem-duo-der-kultfilm-reihe-wurde-212776

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Ist UGreen das neue Anker? Ein ehrlicher Vergleich zweier Tech-Giganten

Ein Abschied und neue Horizonte: Wenn die Reise-Vlogs verstummen

Der Held der Steine: Mehr als nur dänische Klemmbausteine