Die Kiebitze: Was nach dem letzten Wenz übrig bleibt

 


Vor ein paar Tagen habe ich hier über den Nachruf geschrieben, den Don Alphonso in der Welt auf Hubert Aiwanger verfasst hat. Über den Defiliermarsch, über das Bierzelt und über den Wenz, den der Hubsi politisch gespielt hat: allein gegen drei, mit dem Unter als einzigem Trumpf. Ich hatte damals einen Satz eher beiläufig eingebaut, nämlich dass es neben den Beileidsbekundungen auch die Häme derer gab, die selbst an so einem Tag die Finger nicht von der Tastatur lassen können. Inzwischen weiß ich, dass dieser Nebensatz eigentlich einen eigenen Beitrag verdient.

Beim Schafkopfen gibt es noch eine vierte Rolle

Wer Schafkopf kennt, kennt auch den Kiebitz. Das ist der, der nicht mitspielt, aber hinter dem Stuhl steht, in die Karten schaut und hinterher genau weiß, wie man es hätte besser machen können. Beim Wirt wird der Kiebitz geduldet, solange er den Mund hält. Fängt er an, das Spiel zu kommentieren, fliegt er raus. Das ist eine alte Wirtshausregel, und sie hat einen guten Grund: Wer nichts riskiert, hat auch kein Recht auf das letzte Wort.

Seit dem 4. November stehen die Kiebitze in Scharen hinter dem Stuhl eines Mannes, der nicht mehr aufstehen kann. Und sie halten den Mund nicht.

Indra hat es aufgeschrieben

Indra von Antenne Bayern hat in dieser Woche einen kurzen Text veröffentlicht, der mich mehr beschäftigt hat als manche Leitartikel. Sie schreibt, sie habe seit der Todesnachricht viele Kommentare in den sozialen Netzwerken gelesen und sei von manchen fassungslos gewesen. Ihr Punkt ist schlicht: Man durfte Aiwanger kritisieren, man muss seine Politik auch jetzt nicht gut finden. Aber hinter jeder öffentlichen Person steht ein Mensch mit Familie, und die trauert gerade, während andere sich im Netz über seinen Tod lustig machen. Ihren Beitrag findet ihr hier:

Indra (Antenne Bayern) auf Facebook

Ein Satz von ihr ist hängengeblieben: „Du musst einen Menschen nicht mögen, um Mitgefühl zu zeigen.“ Das ist keine neue Erkenntnis. Früher hat man so etwas Anstand genannt, und niemand hätte es für nötig gehalten, es eigens aufzuschreiben. Dass es heute ein Radiosender tun muss, sagt mehr über die Lage als jede Umfrage zur gesellschaftlichen Spaltung.

Was ich in den Kommentarspalten gesehen habe

Ich habe in diesen Tagen ebenfalls mehr Kommentare gelesen, als gut für mich war. Und ich will nicht so tun, als hätte ich kein Muster bemerkt. Die hämischsten Beiträge, die mir untergekommen sind, kamen auffällig oft aus der Ecke, die sich sonst gern als die anständige versteht und bei jeder Gelegenheit Respekt und Haltung einfordert. Unter Indras Beitrag hat ein Leser das ziemlich deutlich formuliert, und ich kann ihm in seiner Beobachtung nicht widersprechen. Wer sich für die Guten hält, prüft sich offenbar seltener selbst.

Ich will daraus aber keine Lagerrechnung machen, denn dann wäre ich selbst nur der nächste Kiebitz. Es gab auch die anderen Stimmen, und zwar ausgerechnet von dort, wo man sie nicht unbedingt erwartet hätte. Cem Özdemir, Grüner und Ministerpräsident in Baden-Württemberg, hat noch am selben Abend kondoliert und Aiwanger als streitbaren Politiker gewürdigt. Martin Hagen von der FDP schrieb, Aiwanger werde der bayerischen Politik fehlen. Beide hatten mit dem Hubsi wenig gemeinsam. Beide haben verstanden, was an so einem Tag zu tun ist. Häme ist keine Frage des Parteibuchs, sondern eine Frage der Kinderstube.

Warum mich das so ärgert

Ich war lange genug in der Kommunalpolitik, um zu wissen, wie es zugeht. Man streitet im Gemeinderat über ein Baugebiet, man sagt sich Dinge, die man hinterher nicht ganz so gemeint hat, und am Abend sitzt man trotzdem beim selben Wirt. Und wenn einer stirbt, dann steht man am Grab, auch wenn man zwanzig Jahre lang gegen ihn gestimmt hat. Das ist nicht Heuchelei, das ist die Grundlage dafür, dass ein Ort überhaupt funktioniert.

Genau diese Grundlage fehlt im Netz. Dort gibt es keinen Wirt, der den Kiebitz rauswirft, und kein Grab, an dem man sich am nächsten Tag in die Augen schauen muss. Es gibt nur den Applaus der eigenen Leute für die schärfste Pointe. Und weil der Applaus für die geschmackloseste Pointe am lautesten ist, gewinnt am Ende immer die geschmackloseste.

Don Alphonso hat in seinem Nachruf beschrieben, wie Aiwanger auf jedem Volksfest den Bedienungen und den Wirtsleuten gedankt hat. Das ist eine Kleinigkeit, die nichts kostet und die trotzdem kaum einer macht. Mit dem Mitgefühl verhält es sich ähnlich. Es kostet nichts, es nimmt einem niemand die eigene Meinung weg, und trotzdem schaffen es erstaunlich viele nicht.

Zum Schluss

Der Wenz ist gespielt. Ob er gewonnen oder verloren war, darüber kann man streiten, und darüber wird man auch noch lange streiten. Das ist in Ordnung, das gehört zur Politik. Aber die Karten liegen jetzt auf dem Tisch, und der Spieler ist aufgestanden. Wer jetzt noch hinter dem leeren Stuhl steht und lästert, ist kein Kritiker mehr. Er ist nur noch ein Kiebitz, den der Wirt längst hätte rauswerfen sollen.

Pfiat di, Hubsi. Und danke, Indra.

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