Wackler an der Grenze, Teil 12: Unter dem Brotlaib
Warum ein kleines Beben bei Eisenerz nichts mit dem Erzberg zu tun hat und trotzdem eine Menge über die Ostalpen erzählt
Sonntag, 1. November 2026, 6:37 Uhr. Während in Franken die meisten noch den Allerheiligen-Schlaf pflegen, ruckt es in der Obersteiermark. Magnitude 2,5, Herdtiefe 12,5 Kilometer, Epizentrum rund 7,6 Kilometer südwestlich von Eisenerz im politischen Bezirk Leoben. Intensität II, also sehr schwach, zwei Wahrnehmungsberichte. Am Epizentrum fiel zu dieser Zeit leichter Schnee bei knapp unter null Grad. Die Primärdaten stammen von der ZAMG, die seit 2023 eigentlich GeoSphere Austria heißt, was die Aggregatoren aber offenbar noch nicht mitbekommen haben.
Kein Beben, das irgendwen aus dem Bett wirft. Aber eines, das in diese Reihe gehört, weil es an einem Ort passiert ist, an dem man reflexartig die falsche Erklärung parat hat.
Wo genau
Die Koordinaten liegen bei 47,48 Grad Nord und 14,82 Grad Ost. Nach meiner Lesart der Karte ist das mitten in den Eisenerzer Alpen, im Bergland zwischen Eisenerz und dem Liesingtal. Die Meldung selbst nennt nur Eisenerz als Bezugsort, die genauere Zuordnung ist meine.
Eisenerz selbst liegt an einer Grenze, und zwar einer geologischen. Im Norden ragen die Nördlichen Kalkalpen auf, im Süden beginnt die Grauwackenzone, ein schmaler Streifen paläozoischer Gesteine, der sich vom Arlberg bis zum Wiener Becken zieht. Mittendrin steht der Steirische Erzberg, im Volksmund der Brotlaib, in der Norischen Decke dieser Grauwackenzone. Er gilt als das weltweit größte im Abbau befindliche Sideritvorkommen, 2015 lag die Jahresproduktion bei rund 2,8 Millionen Tonnen Versanderz. Siderit ist Eisenkarbonat. Man baut dort also seit über tausend Jahren ein Karbonat ab, um daraus Stahl zu machen. Eine gewisse Ironie hat das.
Die naheliegende Frage zuerst
Wer in Teil 7 dabei war, kennt das Muster. Bei Glogau in Niederschlesien bebte es mit Magnitude 4,8, und die Spur führte direkt in das Kupferrevier der KGHM. Bergbau kann Erdbeben auslösen, das ist keine Verschwörungstheorie, sondern Lehrbuch. Also liegt der Gedanke nahe: Erzberg, Sprengungen, Abbau, Beben.
Hier passt das nicht. Der Tagebau am Erzberg arbeitet sich in der Größenordnung von Hunderten Metern durch den Berg. Das Beben lag in 12,5 Kilometern Tiefe. Dazwischen liegt ein Faktor, den auch eine vorläufige Tiefenangabe nicht wegdiskutiert. Hinzu kommt, dass Erdbebendienste Steinbruch- und Tagebausprengungen routinemäßig aussortieren, weil sie sich in Signalform und Tiefe deutlich von tektonischen Beben unterscheiden. Das hier ist ein natürliches Beben, und zwar eines aus der mittleren Kruste.
Man kann es auch so formulieren: In Glogau sitzt der Bergbau tief und das Beben stammt von ihm. In Eisenerz sitzt der Bergbau oben und das Beben hat mit ihm nichts zu tun. Gleicher Reflex, entgegengesetzte Antwort.
Die Ostalpen auf der Flucht
Um zu verstehen, warum es hier überhaupt ruckt, muss man einen Schritt zurücktreten. Seit dem Miozän drückt die Adriatische Platte von Süden gegen die Alpen. Die Kruste kann nach Norden kaum ausweichen, also weicht sie nach Osten aus, in Richtung Pannonisches Becken. Die Geologen nennen das laterale Extrusion. Ganze Krustenblöcke schieben sich dabei wie Fluchtschollen ostwärts, und an ihren Rändern entstehen große Seitenverschiebungen.
Die nördliche dieser Randstörungen ist das SEMP-System, ausgeschrieben Salzachtal-Ennstal-Mariazell-Puchberg. Es zieht sich über rund 400 Kilometer vom Tauernfenster bis zum Wiener Becken und hat seit dem Miozän einen seitlichen Versatz von etwa 60 Kilometern aufgebaut. Sein Ennstal-Abschnitt verläuft über Hieflau, gut zehn Kilometer nördlich von Eisenerz, weiter Richtung Mariazell.
Im Süden liegt die Mur-Mürz-Störung, die sich von der oberen Mur über Leoben, Bruck und Mürzzuschlag bis zum Semmering und ins Wiener Becken fortsetzt. Sie gilt zusammen mit dem Wiener-Becken-Transfersystem als tektonisch aktivste Zone am Übergang von den Ostalpen zum Pannonischen Raum. Dazwischen verläuft die Palten-Liesing-Linie, die sich vom Paltental über das Liesingtal Richtung Leoben zieht.
Eisenerz liegt also in einem Keil zwischen drei großen Störungen, und das Epizentrum vom Sonntag sitzt ziemlich genau in diesem Keil. Welche Bruchfläche konkret gerissen ist, lässt sich ohne Herdflächenlösung nicht sagen, und die gibt es für ein Beben dieser Größe meist gar nicht. Ich lege mich deshalb nicht fest. Sicher ist nur, dass dieses Stück Kruste unter Spannung steht, weil es eingeklemmt zwischen zwei ostwärts wandernden Rändern sitzt.
Hoernes, Heritsch und die Stoßlinien
Neu ist das alles nicht. Der Grazer Geologe Rudolf Hoernes hat ab 1880 im Auftrag der Erdbeben-Kommission der Akademie der Wissenschaften jahrzehntelang Erschütterungsberichte aus der Steiermark gesammelt, mit Fragekarten an Lehrer, Bergverwalter und Gemeindebedienstete. Schon in der ersten Liste von 1880 taucht ein Berichterstatter aus Eisenerz auf, ein Kassier namens Kutschera.
In diesen Chroniken findet man Einträge, die sich lesen wie die Meldung vom Sonntag. Am 24. Jänner 1910 um 6:15 Uhr gab es in Eisenerz einen schwachen Stoß, von ganz wenigen Personen wahrgenommen. Hundertsechzehn Jahre später, wieder am frühen Morgen, wieder nur eine Handvoll Wahrnehmungen. Und 1908 verzeichnete Hoernes in Eisenerz ein Vorbeben, dem am 16. Februar ein obersteirisches Beben folgte, das bei Altenmarkt und Hieflau nahezu Intensität VI erreichte. Hieflau, das ist der Ort am SEMP-System.
Hoernes fasste die Bebenzonen der Region zu einer langen Stoßlinie zusammen, die er von der Enns über Palten und Liesing bis an Mur und Mürz zog. Sein Nachfolger Franz Heritsch hielt 1920 dagegen, die Palten-Liesing-Stoßzone sei so nicht aufrechtzuerhalten, und vermutete, dass viele obersteirische Beben an tieferliegenden Störungen entstehen, die man an der Oberfläche gar nicht sieht. Ein Beben in 12,5 Kilometern Tiefe ist kein Beweis für Heritsch, aber es widerspricht ihm zumindest nicht.
Der unruhige Nachbar im Osten
Die Aktivität der Region konzentriert sich klar auf die Mur-Mürz-Furche. Die Liste der Schadensbeben liest sich wie ein Fahrplan durch das Tal: Leoben 1794, Mürzzuschlag 1837, Kindberg 1885, Wartberg 1927. Das Wartberger Beben war das letzte mit Intensität VII in der Steiermark. Erdbeben über Intensität VIII sind aus dem Bundesland bislang nicht bekannt. Im Schnitt werden in der Steiermark sieben bis zehn spürbare Beben pro Jahr registriert.
Das Kindberger Beben vom 1. Mai 1885 verdient eine fränkische Fußnote. Sein Schüttergebiet reichte nach den damaligen Auswertungen bis Asch, Nürnberg und Pappenheim. Ein Beben aus dem Mürztal, das man in Nürnberg gespürt hat. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn wieder jemand behauptet, die Alpen seien weit weg.
Auch 2026 war die Zone nicht still. Am 24. Juli um 1:59 Uhr bebte es am Semmering mit Magnitude 4,4 in rund fünf Kilometern Tiefe. Die GeoSphere Austria hatte die Magnitude zunächst mit 4,5 angegeben und dann nach unten korrigiert. Gespürt wurde das Beben bis Wien und bis in den Bezirk Leoben, Menschen in Trofaiach berichteten davon, also gleich hinter dem Präbichl. Die ersten Auswertungen des Herdmechanismus deuteten auf eine Blattverschiebung hin, also genau jene seitliche Bewegung, die man von der Extrusionstektonik erwartet.
Ein Haushalt statt ein Wasserkocher
In Teil 9 und Teil 10 habe ich die Energie der Mikrobeben in Wasserkochern gemessen. Das Beben bei Eisenerz setzte nach der Meldung rund 3,5 mal 10 hoch 8 Joule frei, umgerechnet knapp 100 Kilowattstunden. Das klingt nach wenig, ist aber eine andere Liga. Jede Magnitudenstufe bedeutet ungefähr das 32-Fache an Energie. Von Magnitude 0,7 auf 2,5 sind es 1,8 Stufen, also etwa das 500-Fache. Aus dem einen Wasserkocher am Diablerets wird so ungefähr der Stromverbrauch eines durchschnittlichen Haushalts für gut eineinhalb Wochen.
Und trotzdem: zwei Wahrnehmungsberichte. Die Tiefe von 12,5 Kilometern schluckt einen guten Teil dessen, was an der Oberfläche ankommt. Ein Beben gleicher Stärke in fünf Kilometern Tiefe wäre deutlich mehr Menschen aufgefallen, wie der Semmering im Sommer gezeigt hat, wenn auch fast zwei Magnitudenstufen stärker.
Fazit
Der Erzberg, an dem seit über tausend Jahren gegraben wird, ist an diesem Beben unschuldig. Was am Sonntagmorgen gerumpelt hat, ist der Großvorgang, der die Ostalpen seit dem Miozän formt: ein Gebirge, das von Süden gedrückt wird und nach Osten ausweicht, im Tempo von Millimetern pro Jahr und gelegentlich mit einem Ruck. Eisenerz sitzt dabei an einer doppelten Grenze, zwischen Kalkalpen und Grauwackenzone an der Oberfläche und zwischen SEMP und Mur-Mürz in der Tiefe.
Für die Reihe ist das der nächste Mechanismus in der Sammlung. Nach Graben, Schwarm, Hydrologie, Alpendruck, Bergbau und Subduktionsrest jetzt die Flucht eines Gebirges. Der erste Schnee am Erzberg fiel übrigens am selben Morgen. Die Steiermark hat einen eigenen Sinn für Timing.
Quellen
VolcanoDiscovery / ZAMG (GeoSphere Austria): Erdbebenmeldung M2,5, 7,6 km SW von Eisenerz, 1. November 2026
GeoSphere Austria: Magnitude 4.4 earthquake in the Gloggnitz/Semmering area (24.07.2026), geosphere.at
MeinBezirk Leoben: Erdbeben am Semmering bis in den Bezirk Leoben spürbar (Juli 2026)
ms-aktuell.de: Erdbeben am Semmering: Sieben Nachbeben bis Freitagmorgen (Juli 2026)
Hoernes, R.: Erdbeben in Steiermark während des Jahres 1880. Mitteilungen des Naturwissenschaftlichen Vereines für Steiermark 17
Hoernes, R.: Erdbeben in Steiermark während des Jahres 1908. Allgemeiner Bericht und Chronik der Erdbeben, ZAMG
Heritsch, F.: Erdbeben in Steiermark 1910. Allgemeiner Bericht und Chronik der Erdbeben, ZAMG
Heritsch, F.: Über das Mürztaler Erdbeben vom 1. Mai 1885
Heritsch, F. (1920): Seismik der Ostalpen und Westkarpathen, opac.geologie.ac.at
Lenhardt, W. et al.: Erdbeben in der Steiermark, Arbeitstagung der Geologischen Bundesanstalt 2001
Plan, L. & Herrmann, E.: Ist die Verteilung von Höhlentypen beiderseits der SEMP-Störung ein Indiz für verschiedene Hebungsraten? PANGEO 2008
Mitteilungen der Österreichischen Geologischen Gesellschaft 104/1: Miozänes Ennstalbecken und SEMP-Störung, zobodat.at
Brückl, E. et al.: ALPAACT – seismological and geodetic monitoring of Alpine-Pannonian active tectonics, EGU 2013
Österreichische Mineralogische Gesellschaft (2017): Exkursionsführer Steirischer Erzberg, opac.geologie.ac.at
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