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Vom schleichenden Ende des Videotextes – von einer echten Innovation zum leisen Abgesang

Es gibt Technologien, die sterben mit einem Knall. Und es gibt Technologien, die sterben so, wie man aus einer Kneipe verschwindet, in der man vierzig Jahre Stammgast war: Erst bleibt der Stuhl öfter leer, dann wird die Karte kleiner, und irgendwann merkt man, dass das Licht schon länger aus ist. Der Videotext gehört zur zweiten Sorte. Er wird nicht abgeschafft. Er wird ausgedünnt, zusammengelegt, verschlankt und am Ende mit einer einzigen Zeile auf Seite 100 verabschiedet.

Die bisher deutlichste dieser Zeilen steht derzeit bei ProSieben und Sat.1: „Dieses Teletext-Angebot wird Anfang 2027 eingestellt.“ Das ist kein Paukenschlag, das ist ein Aushang am Schwarzen Brett. Und genau das passt zu der Art, wie dieses Medium seit ein paar Jahren aus unserem Alltag verschwindet.

Eine Erfindung aus der Lücke

Man muss sich kurz vergegenwärtigen, wie clever die Idee eigentlich war. Britische Fernsehtechniker hatten in den 1970ern bemerkt, dass im analogen Fernsehsignal eine Lücke klafft: die Austastlücke, jene Zeilen, die der Elektronenstrahl braucht, um vom unteren Bildrand wieder nach oben zu springen. In diese ungenutzten Zeilen packte man Text. Die BBC ging mit Ceefax bereits 1974 in den Regelbetrieb, in Deutschland starteten ARD und ZDF ihren gemeinsamen Videotext am 1. Juni 1980. Die Redaktion lag beim Sender Freies Berlin, und das bis zum Jahr 2000.

Zum Start konnten gerade einmal rund 70.000 Fernseher die Tafeln überhaupt darstellen. Das änderte sich schnell. Anfang der 2000er-Jahre nutzten mehr als 40 Millionen Menschen in Deutschland den Videotext. Man muss das einordnen: Das war eine Zeit, in der das Internet für viele Haushalte noch ein pfeifendes Modem war und der Begriff „Push-Nachricht“ noch nach Rangelei im Bus klang. Der Videotext war die erste Nachrichtenquelle, die man selbst ansteuerte, wann man wollte, ohne auf die nächste Tagesschau warten zu müssen. Dreistellige Seitenzahl eintippen, kurz warten, bis der Zähler oben rechts vorbeigerattert war, fertig. Im Grunde war das ein Abrufmedium, lange bevor wir das Wort dafür hatten.

Als jeder Sender, der etwas auf sich hielt, einen hatte

Zur Hochzeit hatte nahezu jeder Sender, der etwas auf sich hielt, ein eigenes Angebot. ProSieben startete seinen Teletext 1994, die Privaten füllten ihre Tafeln mit Programmhinweisen, Sportergebnissen, Börsenkursen, Chats, Abstimmungen und, sagen wir es höflich, Kontaktanzeigen in einer Pixelgrafik, die der Fantasie viel Spielraum ließ. Die Dritten Programme hatten ihre eigenen Redaktionen mit regionalen Inhalten.

Ich nenne exemplarisch den Bayerntext des BR, weil er für mich über Jahre ein fester Bestandteil des Morgens war. Seite 501 und folgende: der Spruch des Tages, die Zeiten für Sonnenaufgang und Sonnenuntergang in Nürnberg und München, die Information, der wievielte Tag des Jahres gerade ist, und, man gönnt sich ja sonst nichts, das Horoskop. Nichts davon war weltbewegend. Aber genau darin lag der Reiz. Es war ein kleines, verlässliches Ritual, das jeden Morgen an derselben Stelle stand. Kein Algorithmus, der meinte zu wissen, was mich interessiert. Keine Einblendung, die mir nach drei Sekunden etwas verkaufen wollte. Seite 501, und die Welt war sortiert.

Die Chronik eines leisen Rückzugs

Der Abgesang begann nicht mit einer großen Entscheidung, sondern mit vielen kleinen. 2023 schaltete die Springer-Gruppe den Videotext bei Welt und ihren weiteren Sendern ab, auch QVC stellte sein Angebot ein. Im Oktober 2024 kündigte der Bayerische Rundfunk in seinem Wirtschaftsplan für 2025 an, den eigenständigen Bayerntext aufzugeben und stattdessen den ARD-Text zu übernehmen. Begründet wurde das mit einer Finanzierungslücke von rund 70 Millionen Euro. Technisch gibt es beim BR also weiterhin Videotext, nur eben nicht mehr den eigenen. Auf der Strecke blieben vor allem die regionalen und lokalen Inhalte aus Bayern, also genau das, was den Bayerntext vom Rest unterschied.

Der RBB strich seinen „rbbtext“ als eigenständiges redaktionelles Angebot ebenfalls. Das ZDF nahm Sportnachrichten und Börsenkurse heraus. Und ProSiebenSat.1 räumte im Januar 2025 kräftig auf: Nachrichten weg, Sport weg, Börse weg, Badeseen, Flusspegel und Flughafeninformationen weg. Übrig blieben Programmhinweise und Werbung für Joyn. Die nun angekündigte Abschaltung Anfang 2027 ist also nur noch die Beerdigung eines Patienten, der seit fast zwei Jahren im künstlichen Koma lag. Ein Sendersprecher begründete den Schritt damit, das Zuschauerinteresse gehe gegen null.

Das ist eine bemerkenswerte Begründung für ein Angebot, das man vorher selbst bis auf das Gerippe abgenagt hat. Wer aus einem Restaurant die Küche ausbaut, darf sich über ausbleibende Gäste nicht wundern.

Totgesagt, aber erstaunlich lebendig

Denn ganz so tot, wie es die Sendersprecher gern hätten, ist das Medium nicht. 2023 nutzten in Deutschland noch rund zehn Millionen Menschen den Videotext mehrmals pro Woche, zum weitesten Nutzerkreis zählten etwa 20 Millionen. In einer repräsentativen Umfrage von Innofact im Auftrag von Verivox gaben im September 2024 immerhin 49 Prozent der Befragten an, Videotext zu nutzen. Die ARD meldete schon 2011 rund 5,3 Millionen tägliche Nutzer allein für ihr Angebot. Für 2026 gibt es keine vergleichbaren Zahlen, was in sich schon eine Aussage ist.

Und dann ist da noch diese hübsche Pointe: Im Mai 2024 führte die Deutsche Telekom auf Magenta TV den Videotext überhaupt erst ein. Ein paar Monate später kündigte der BR die Aufgabe seines eigenen Angebots an. Das ist ungefähr so, als würde man eine Bahnstrecke elektrifizieren, kurz bevor sie stillgelegt wird. Wer meine Beiträge zum Eurosignal oder zu den CB-Funk-Warnsystemen an Baustellen kennt, ahnt, dass mich dieses Muster nicht zum ersten Mal beschäftigt: Funktionierende, einfache Technik verschwindet selten, weil sie versagt. Sie verschwindet, weil sie niemandem mehr auffällt, bis sie weg ist.

Was an die Stelle getreten ist – und wie lange es bleibt

Mein Morgenritual gibt es übrigens noch. Es ist nur umgezogen. Spruch des Tages, Sonnenaufgang, Sonnenuntergang, der wievielte Tag des Jahres, das Horoskop: Das alles erzählt mir heute Alexa, weil ich es mir mit einer Routine genau so eingestellt habe. Ich habe mir den Bayerntext sozusagen selbst nachgebaut, nur eben zum Hören statt zum Lesen.

Und für eine Weile hat das sogar ein Dienst übernommen, den ich bis heute sehr vermisse: Huxe. Die App stammte von ehemaligen Entwicklern von Googles NotebookLM und machte aus Mails, Kalender und Nachrichten tägliche Audio-Briefings im Podcast-Stil. Man konnte den künstlichen Moderatoren sogar ins Wort fallen und nachfragen. Das war, ohne Übertreibung, die konsequenteste Weiterentwicklung dessen, was der Videotext einmal war: ein persönliches Informationsangebot, das man abruft, wann man will.

Am 21. Mai 2026 verkündete Huxe das Ende, die App verschwand aus den Stores, und am 28. Mai war Schluss. Sieben Tage Vorwarnzeit, danach wurden die Nutzerdaten gelöscht. Später wurde bekannt, dass Apple Teile des Teams übernimmt und die Technologie lizenziert. Für die Nutzer bleibt davon nichts.

Hier liegt für mich der eigentliche Kern der Geschichte. Der Videotext, eine Technik aus den 1970ern, die in einer Lücke des Fernsehsignals lebte, hat mehr als vier Jahrzehnte durchgehalten. Ein KI-Dienst aus der Gegenwart, mit Risikokapital, schicker Oberfläche und klugen Köpfen, hat es nicht einmal auf ein Jahr gebracht, bevor er mit einer Frist von einer Woche abgedreht wurde. Und auch die Alexa-Routine, die mir heute den Morgen sortiert, existiert genau so lange, wie Amazon es für sinnvoll hält. Wir haben die Verlässlichkeit gegen den Komfort getauscht und dabei kaum bemerkt, dass wir überhaupt etwas getauscht haben.

Fazit

Der Videotext stirbt nicht, weil er schlecht war. Er stirbt, weil er billig zu streichen ist, weil er in keiner Quote auftaucht und weil sich niemand lautstark beschwert, wenn Seite 501 eines Morgens nur noch auf den ARD-Text verweist. ARD-Text und ZDFtext laufen weiter, und ich wünsche ihnen ein langes Leben. Aber das Muster ist erkennbar: erst die Regionalität, dann der Sport, dann die Börse, dann alles.

Vielleicht ist das die eigentliche Lehre: Die besten Dienste sind oft die unscheinbaren, die einfach jeden Tag da sind. Man vermisst sie erst, wenn man morgens die dreistellige Nummer eintippt und feststellt, dass dort niemand mehr wohnt.

Quellen

TECHBOOK: ProSieben und Sat.1 stellen Teletext ein (28.10.2026) – techbook.de/home-entertainment/tv-anbieter/teletext-prosieben-sat1-ende

TECHBOOK: Die Geschichte des Teletextes – techbook.de/home-entertainment/teletext

inside digital: Fernsehen über Kabel und Satellit – bekannte Funktion fällt 2027 weg – inside-digital.de

inside digital: ARD-Sender schafft kostenlosen Service ab (Bayerntext) – inside-digital.de

teltarif.de: Teletext – weitere Sender reduzieren Angebot (Januar 2025) – teltarif.de/arch/2025/kw02/s97502.html

teltarif.de: „Welt“ & Co.: Springer-Sender haben Videotext abgeschaltet (2023) – teltarif.de/arch/2023/kw12/s91300.html

turi2: Wirtschaftsplan 2025 – BR spart sich eigenen Teletext – turi2.de

Berliner Kurier: RBB stellt seinen Videotext ein – berliner-kurier.de

GIGA: Sender schalten Videotext ab – giga.de

TechCrunch / Analytics Insight: Huxe shuts down, Apple-Deal – analyticsinsight.net/news/apple-signs-deal-with-huxe-after-ai-audio-startup-shuts-down

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